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Feuilleton

Theatre du Rond-Point Paris, 19. September bis 15. Oktober 2006

Jackie

Prinzessinnendramen. Der Tod und das Maedchen IV

von Elfriede Jelinek
Regie: Marcel Bozonnet

Eine Woche nach der Ermordung ihres Mannes J.F. Kennedy sagte Jackie Kennedy in einem Interview in Life magazine: "Now he is a legend when he would have preferred to be a man." Diese Aussage trifft damals wie heute, zwölf Jahre nach ihrem eigenen Tod, auch auf ihre Person zu: schon zu Lebzeiten war Jaqueline Bouvier Kennedy, später Onassis, eine Ikone, ein Abziehbild, ein Modell der modernen amerikanischen Frau. Genau diese Dimension hat Elfriede Jelinek eingefangen in "Jackie" oder "Der Tod und das Mädchen 4", dem vierten Teil ihrer Prinzessinnendramen, in denen Jelinek jeweils fünf legendäre Frauenfiguren zu Wort kommen lässt. Jaqueline Kennedy darf in diesem Monolog – endlich, möchte man fast sagen - ihre Maske ablegen, und spricht über ihre Männer, ihre Kinder, ihre Fehlgeburten. Ein starker Text, nicht pathetisch, aber berührend.
Das Prinzessinnendrama der Jackie O. wurde nun zum ersten Mal an einer französisch-sprachigen Bühne inszeniert, am Theatre du Rond-Point in Paris. Interessanterweise handelt es sich bei dem Regisseur um Marcel Bozonnet, dem ehemaligen Intendanten der Pariser Comedie Francaise. Bozonnet hatte im Frühjahr Peter Handkes Stück "Spiel vom Fragen oder die Reise ins sonore Land" vom Spielplan der Comedie genommen, als er Handkes vermeintliche Äußerungen bei Milosevics Beerdigung in einer Zeitschrift gelesen hatte. Daraufhin wurde er im Juli durch das Kulturministerium seiner Funktion an diesem renommierten Theater entledigt. Eine erhitzte Debatte über diese Doppelzensur - durch den Intendanten einerseits, durch den französischen Staatsapparat andererseits - war entfacht. Auch Elfriede Jelinek äußerte sich zu Wort und kritisierte die "hysterische Hetze gegen einen Dichter".
Bozonnet hat sich trotz dieser Kritik nicht von seinem Vorhaben abbringen lassen, "Jackie" zu inszenieren. Jedoch nicht an dem Theater, an dem er vor 20 Jahren angefangen hat zu spielen und zu inszenieren, und das er seit 2001 leitete.
Die Bühne ist voll: die erste Zuschauerreihe mündet in ein Meer aus kniehohen Plastikblumen, die aus hölzernen Backsteinen ragen. Ein lebensgroßes Jackie-Kennedy-Anziehmodell aus Pappe steht mitten im Raum, ein länglicher Bürotisch mit Bügeleisen sowie ein von der Decke hängender Rahmen aus weißen Neon-Röhren. Ein Bilderrahmen, ein Fenster, eine Schaukel? Die Gegenstände harren ihrer Bedeutung. Und der Zuschauer wartet gespannt auf Jackie.
Black. Das Bühnenlicht geht an und zeigt die Schauspielerin Judith Henry in einem weißen Kleid ("meine Lieblingsfarbe") an der Wand lehnend, den farbenfrohen Friedhof überblickend. Ihr Riesenperlencollier kämpft mit einem weiten Stehkragen und lässt ihre Gestalt noch zierlicher wirken.
Unverbindlich hatte Jelinek in ihrer Regieanweisung vorgeschlagen, Jackie solle doch anfangs "ihre ganzen Toten hinter sich herschleifen wie beim Tauziehen" und "in jedem Fall schwer arbeiten". Aber diese Jackie ist nicht aktiv, sie wirkt introvertiert und beginnt unvermittelt ihren Text in ihr Headset-Mikro zu sprechen. Deutlich und hehr, aber die Dringlichkeit der Worte ist nicht ersichtlich. Auch die Handlungen erschöpfen sich leider in ziellosem Streifen durch das Blumenfeld, in dem ihr mal eine Packung Marshmallows, mal ein Pinsel, mal ein Stiel Zuckerwatte begegnen, an der sie zögernd zupft. Die Zuckerwatte wird zur Peruecke Marilyn Monroes, der damaligen Affäre J.F. Kennedys. Platinblond zum schlecken. Doch es bleibt bei diesem Spieleinfall, wie so vieles, was hier nicht zu Ende geführt wird. Diese Marilyn wird nicht gehasst, sie tritt als Anekdote auf, die mit Jackie wenig zu tun hat. Mit dem Pinsel wird gepinselt, mit dem Bügeleisen wird gebügelt und Geldscheine werden in die Luft geschmissen. Sie tanzt zu einem Rammstein-Lied, doch auch hier: verhalten.
"Jackie sollte in einem Chanel-Kostüm auftreten, denke ich (da müssen Sie aber schon sehr gute Gründe haben, wenn Sie das anders machen!)" meint Jelinek. Die guten Gründe fehlen hier. Statt uns das Bild der Jackie vorzuführen, hinter das es zu schauen gilt, statt die Form zu behaupten, die gebrochen werden muss, wird eine tragische Heldin in "Romeo und Julia"-Klamotte dargestellt, die viel gelitten hat und sehr nachdenklich ist, uns aber nicht berühren kann. Die Einladung des Textes zum Spielen wird von der Schauspielerin nicht angenommen. Die feine Grenze zwischen Jackies bewusstem und intelligenten Einsatz wirkungsvoller Mittel der Selbstdarstellung in der Öffentlichkeit einerseits und ihrer privaten Verletzlichkeit andererseits wird nicht herausgearbeitet. "Ich glühe mit meinen gezwungen lächelnden Augen zwischen meinen toten Kindern hervor als ewiges Licht, ins Haus hinein strahlend, nach außen hin schmerzlich. Die Presse ist dabei. In meinen Armen das Kind war tot."

Auch als Judith Henry sich am Ende des einstündigen Monologs ihres weißen Unschuldskleids entledigt, um in einer rapiden Verkleidungsaktion (versteckt hinter der Pappfigur – warum nur?) in das berühmte Chanelkostüm Jackie Kennedys zu schlüpfen - samt Sonnenbrille, Perücke und Hütchen -, gleicht sie ihr trotzdem in keinster Weise. Wie ein verzweifelter Teenager stolpert sie über die Bühne, nicht wie die gebrochene Grande Dame der Selbstinszenierung. "Ein Wunder, dass ein Bild wie ich sprechen kann!" Leider wundert sich der Zuschauer nicht, denn das Bild ist als solches nie etabliert. Somit entgeht dem Regisseur ein zentraler Punkt in Jelineks Text: "Ich bin meine Kleidung, und meine Kleidung ist ich." Eine Darstellung entmenschlichter Identitätskonstruktionen im öffentlichen Raum und in diesem Falle Jackies konkreter Umgang damit: "Über meine Kleidung hat man geredet, fast noch mehr als über mich, und das heißt was! Die war meine Schrift."

Was einem bleibt ist der Text von Jelinek, dem in der Übersetzung von Magali Jourdan und Mathilde Sobottke nichts von seiner Musikalität genommen ist. Paradoxerweise glauben wir die Ikone Jackie Kennedy durch dieses Stück besser kennen gelernt zu haben. Dabei wird sie natürlich nur ein Stückchen mehr zur Ikone, Jackie O.


Katarina Lena Murelle - red / 20. Oktober 2006
ID 2748
Jackie
de Elfriede Jelinek
Drames de princesses, La Jeune Fille et la Mort

durée : 1 heure
d' : Elfriede Jelinek
traduction : Magali JourdanMathilde Sobottke
mise en scène : Marcel Bozonnet
avec : Judith Henry
scénographie : Adeline Caron
costumes : Renato Bianchi
lumières : Jean Kalman
avec la collaboration de : Nathalie Perier


à paraître aux éditions de l’Arche

Production Maison de la Culture d’Amiens

Weitere Infos siehe auch: http://www.theatredurondpoint.fr






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