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Feuilleton


Oper Hannover, 28. Dezember 2007

Giuseppe Verdi: Don Carlo



Beinahe 20 Jahre hat Verdi gebraucht, um seinen „Don Carlo“ fertigzustellen. In der Staatsoper Hannover wird die Oper in der vieraktigen italienischen Fassung von 1884 gezeigt. Ausgespart bleibt der Akt, in dem Elisabeth, Tochter des Königs von Frankreich, und Don Carlo, Infant von Spanien, einander in Fontainebleau kennenlernen. Elisabeth, die eigentlich dem spanischen Infanten versprochen war, ist zu Beginn der vieraktigen Fassung aus Gründen der Staatsräson bereits mit seinem Vater Philipp II. verheiratet.
Eben diese Elisabeth und ihre Zwangsverheiratung stellt Christof Nel in den Mittelpunkt seiner Inszenierung. Elisabeth von Valois kommt mit der strengen Atmosphäre am Hof von Madrid nicht zurecht. In der Ouvertüre wird sie von einem roten Kleid in ein schwarzes Matronenkleid gesteckt. Das Autodafé, der Höhepunkt der Oper, wird als eine Art Disziplinarmaßnahme mehr oder weniger für sie veranstaltet. So weit so gut, doch Nel übertreibt es ein wenig. Ständig wird Elisabeth von zwei Schergen ihres Mannes in die Zange genommen. Irgendwann dürfte das jeder Zuschauer verstanden haben.
In der besuchten Vorstellung bliebt vieles oberflächlich, gar misslich. Das mag daran liegen, dass gerade die Darstellerin der Elisabeth ein Gast und nicht die ursprüngliche Besetzung war. Und mit ihr steht und fällt der Abend. Aber auch viele andere Figuren waren über weite Strecken facettenlos. Carlo ist leidenschaftlich liebend, bemüht sich auch nicht sonderlich, seine Gefühle vor dem Hof zu verheimlichen, Posa ist auch optisch ein Außenseiter am Hof: loses blondes Haar anstelle eines strengen grauen Zopfes. So würde er anstandslos auch als Wortführer der französischen Revolution durchgehen. Da wird ein Klischee an das nächste gereiht, nur das, was der Regisseur wirklich zum Stück zu sagen hat, wird nicht deutlich. Statt einer zwingenden und packenden Darstellung waren nur hemmungslos ausgestellte Sängerattitüden zu sehen.
Die simple Form des Sängertheaters wäre vielleicht noch zu verschmerzen gewesen, wenn das Bühnenbild Möglichkeiten böte. Aber Roland Aeschlimanns Einheitsbühnenbild möchte jeder Szene gerecht werden und passt dadurch selten so richtig. Vorne gibt es einen großen Raum, der hintere Bereich ist in zwei Räume aufgeteilt. Im Raum rechts hinten rankt sich eine imposante Treppe nach oben. Diese Treppe kommt Philipp im Autodafé heruntergeschritten, um sich dem Volk zu präsentieren. Nur sieht ihn dieses leider nicht. Es ist durch eine Wand vom Auftritt ihres Königs getrennt. Das ist ärgerlich, mindest so ärgerlich wie die Tatsache, dass jeder, der den vorderen Raum betritt, über eine Kante steigen muss. Elegante Auftritte sind da eher Mangelware.
Man kann Nel zugute halten, dass er dieses Moment des Einheitsbühnenbildes klug verschärft hat, indem an vielen Stellen keine Abgänge stattfinden. Carlo und Posa verlassen nach der ersten Szene ebenso wenig die Bühne wie Philipp. Das ergibt spannende Konstellationen, etwa wenn Carlo von seiner Liebe singt und sein Vater wenige Meter von ihm entfernt ohne Schutz betet. Auch die Engführung der Szenen, die durch das einheitliche Bühnenbild möglich wird, tut dem Stück gut, beschleunigt die Vorgänge, macht es möglich, dass jederzeit jemand auftreten oder etwas erfahren kann, was er nicht erfahren soll. Aber das Potenzial, das sich daraus ergibt – wer bekommt wann etwas mit, wie verhalten sich die Protagonisten in der Öffentlichkeit und gewissermaßen privat, wenn sie sich in ihren eigenen Räumlichkeiten aufhalten – wird nicht genutzt.
Musikalisch war „Don Carlo“ bei Wolfgang Bozic bei der besuchten Vorstellung in guten Händen. Engagiert leitete er sein Orchester durch den Abend. Auch die Sänger machten ihre Sache gut, vor allem die Herren. Tobias Schabel merkte man seine Erkältung kaum an. Obwohl er für den Philipp ein recht junger Sänger ist, meisterte er diese tragende Partie überzeugend. Mit Verve und kraftvoller Stimme gab Brian Davis den Posa. Auch Chafin hat eine tragfähigen, wohlklingenden Tenor. Irritierend lediglich, dass er immer von „Isabella“ anstatt von „Elisabetta“ gesungen hat. Oder war das etwa eine interpretatorische Finte?
Elisabeths Zwangsverheiratung mit Philipp endet bei Nel damit, dass sie verrückt wird. Und so gerät die Schlussszene zwischen ihr und Carlo merkwürdig unentschieden. Wo die beiden eigentlich ein letztes Mal mit ihren Gefühlen kämpfen, ist jeder irgendwie mit sich beschäftigt. Zu „Don Carlo“ hatte Peter Konwitschny in Hamburg deutlich Interessanteres zu sagen. Und auch die alte Kindermann-Inszenierung, die bis vor wenigen Jahren in Hannover lief, lieferte Bilder, die eindrücklich waren als das, was Christof Nel und Martina Jochem, zuständig für szenische Analyse, gefunden haben.


Karoline Bendig - 8. Februar 2008
ID 3689
Giuseppe Verdi: Don Carlo
Opera in quattro atti (1867/1884)

Libretto von François Joseph Pierre Méry und Camille Du Locle nach „Dom Karlos, Infant von Spanien“ (1787) von Friedrich von Schiller und „Philippe II roi d’Espagne“ (1846) von Eugène Cormon
Übersetzung ins Italienische von Achille de Lauzière-Thémines und Angelo Zanardini
Fassung Mailand 1884
In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Musikalische Leitung: Wolfgang Bozic
Inszenierung: Christof Nel
Szenische Analyse: Martina Jochem
Bühne: Roland Aeschlimann
Kostüme: Ilse Welter
Choreographische Mitarbeit: Mathias Brühlmann

Filippo II: Albert Pesendorfer / Tobias Schabel (am Abend der besuchten Vorstellung)

Don Carlo: Robert Chafin (am Abend der besuchten Vorstellung) / David Yim

Rodrigo: Nikola Mijailovic / Brian Davis (am Abend der besuchten Vorstellung)

Der Großinquisitor: Allan Evans / Stefan Kocán (am Abend der besuchten Vorstellung) / Shavleg Armasi

Ein Mönch: Young Myoung Kwon (am Abend der besuchten Vorstellung) / Shavleg Armasi

Elisabetta von Valois: Brigitte Hahn / Annalisa Raspagliosi (am Abend der besuchten Vorstellung)

Prinzessin Eboli: Khatuna Mikaberidze / Monika Walerowicz (am Abend der besuchten Vorstellung)

Tebaldo: Ania Wegrzyn

Graf von Lerma / Ein königlicher Herold: Edgar Schäfer / Ivan Tursic (am Abend der besuchten Vorstellung)

Stimme vom Himmel: Alla Kravchuk / Carmen Fuggiss (am Abend der besuchten Vorstellung)

Premiere am 15. Dezember 2007

weitere Vorstellungen am: 14.03., 18.03., 02.04.

Weitere Infos siehe auch: http://www.hannover.de/staatsoperhannover/spielplaene/stueckuebersicht/Don_Carlo/index.html





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