Die Eingeborene
Ein Riesenkasperltheater
von Franz Xaver Kroetz a.tonal.theater, Köln
Das a.tonal.theater ist in Köln bekannt für seine ungewöhnlich aufwändigen
und liebevoll gestalteten Inszenierungen, in denen verschiedene Theatermittel
miteinander in Verbindung gebracht werden. Die neueste Produktion der Truppe um
Regisseur Jörg Fürst ist Franz Xaver Kroetz´ Sozialdrama DIE EINGEBORENE. Eine
Frau bekommt ungewollt ein Kind, geht mit diesem durch ein freudlos-groteskes
Leben, an ihrer Seite verschiedene Männer, krank und sterbend, zuletzt stirbt
sogar das Kind noch. In Kroetzscher Manier ist das aber in keinem Moment
sentimental oder gar zeigefingernd mahnend, nein es ist ein Kasperltheater, ein
Riesenkasperltheater. Und so laufen die Schauspielerinnen in einer Bühne auf der
Bühne herum, in einem Kasperltheater natürlich. Sie tragen große unförmige
Kasperlköpfe und auch ein Krokodil kommt vor.
Die Grete heißt Irmi und bekommt ihr Kind auf einer öffentlichen Toilette.
Eigentlich will sie es dort auch liegen lassen, doch die Aussicht auf Kindergeld
und Erziehungsbeihilfe stimmen sie um. Sabine Hahn spricht ihre Figur adäquat
zwischen Puppentheater-Deklamation und naivem Realismus. Ihr erster Kasper ist
Josef Hofmann, ein alter grantiger und insoweit religiöser Knarz, als der
Herrgott ihm nach dem Munde redet. Er hasst die "Sünde" der Irmi, verstößt sie,
sie landet auf dem Strich, er nimmt sie zurück, stirbt. Mehr Glück hat Irmi auch
nicht mit dem nächsten Kasper (Christoph Hemming). Der ist schwul, an AIDS
erkrankt und interessiert sich eigentlich weder für sie noch für ihr Kind
Torsten. Er wird auch sterben. Da erstaunt es nicht, dass der dritte Kasper ein
Darmkrebspatient (Johann Krummenacher) ist, absehbar sterbend. Einsam und
selbstsüchtig sind sie alle, stets auf den unmittelbaren Vorteil bedacht.
Mitleid kommt da nicht auf, höchstens mit der Menschheit an sich. Und darum muss
auch Jesus noch auftreten. Und dann ist da noch der "schwarze Vogel", die
Leidenschaft, von Fabian Hemmelmann gespielt und gesungen.
Wieder einmal zeigt das a.tonal.theater eine beeindruckende Ausstattung und ein
exzellentes Lichtdesign. Das sucht seinesgleichen in der Kölner Freien Szene.
Jedes der Bilder, die die kurzen Szenen illustrieren, ist einfallsreich
gestaltet. Begleitet, unterstützt und mitgespielt wird am Klavier und diversen
Schlaginstrumenten. Text, Spiel, Bild, Licht, Klang unterstützen und fördern
einander. Über weite Strecken gelingt es dem Ensemble ganz hervorragend, die
verschiedenen Theatermittel miteinander in Bezug zu setzen. Eine ganze Reihe
hübscher kleiner Ideen blitzen auf. Und doch wird der mehr als zweistündige
Abend lang. Denn der Text hat einen deutlich schnelleren Puls als die
Inszenierung. Gegen Kroetz´ derbe Sprache setzt Regisseur Fürst auf gediegene
Langsamkeit, da wirken manche Momente stark retardierend bis zäh. Die mitunter
etwas kunstgewerbliche Poesie suggeriert eine Tiefe, die den Figuren gerade
völlig abgeht. Auch
bleibt das Spiel oft merkwürdig statisch, man vermisst genau das, was das
Puppenspiel eigentlich so interessant macht: die Körperlichkeit nämlich, die den immer
gleichen Gesichtsausdruck stets neu definiert. Zuletzt sind auch die vielen
Blacks/Umbauten etwas ermüdend. Schade, denn so verlieren sich einige der
absurd-grotesk-derben Pointen und der Faden, der durch den Abend führt, wird
dünn. Dennoch eine lohnenswerte Aufführung.
s.l. - red / 26. Oktober 2003
mit: Sabine Hahn, Annabelle Krieg, Josef Hofmann, Christoph Hemming, Johann
Krummenacher, Fabian Hemmelmann; Musik: Markus Berger; Regie: Jörg Fürst;
Ausstattung: Christina Wachendorff, Christine Waelle
Aufführungsdauer: ca. zwei Stunden, zehn Minuten, ohne Pause
www.atonaltheater.de
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