DEAD MOTHER
Von David Greenspan
ARTheater Köln
Einem verbreiteten Vorurteil zu Folge ist der Mensch ein von anderen Menschen unterscheidbares Individuum. Lebenspraxis aber zeigt, daß wir alle ein dynamisches Gemisch unserer sozialen Umwelt sind, insbesondere Produkt und Ausdruck unserer Familienverhältnisse. Was das bedeuten kann, zeigt die neueste Produktion des ARTheaters in Köln.
Mama ist tot, aber Mama wird gebraucht, denn sonst kann Daniel nicht heiraten. Also überredet er seinen Bruder, der ihm noch einen Gefallen schuldet, sich als beider Mutter auszugeben. Natürlich taucht Papa dann auch noch auf. Es gibt eine Menge zu lachen. Nach der Pause befinden wir uns im Theater auf dem Theater und bekommen ein Stück griechischer Mythologie vorgespielt. Die Wiege des Abendlandes war eine verflucht verrückte Familientragödie. Es folgt ein Monolog über anaerobe Bakterien und deren Untergang und dann die Reflektion über das Stück im Stück. Der Autor schien geahnt zu haben, daß sein Werk dramaturgisch auf wackligen Beinen steht, also versucht er so aller Kritik den Wind aus den Segeln zu nehmen.
Davon völlig unbeeindruckt geht ein überaus spielfreudiges Ensemble ans Werk. Alle Schauspieler/innen haben mindestens einen großen Moment, allen voran aber Stefan Bohne als Harold in einer Szene mit Spiegel, verkleidet als eigene Mutter und in virtuosem Zwiegespräch mit sich selbst. Tomasso Tessitori hat einen tollen Auftritt als Zeus und Bernd Rehse führt uns vor, wie Paris (der mit dem goldenen Apfel) wirklich war. Die Akteure vermögen im Sekundentakt die Ebenen und Situationen zu wechseln ohne den Zuschauer zu verwirren. Elegant geführt von Regisseur Andreas Robertz und in überaus chicen Kostümen von Pino Cervino unterstreicht ein geschickter Umgang mit Licht das Spiel. Nicht zu vergessen das exquisite Sound-Design.
Das Stück balanciert gratwandernd zwischen Klamotte, Psychoterror und Reflektion über das Theater in uns selbst. Wo das Stück schwächelt, überzeugt die handwerklich saubere und spielerisch mutige Inszenierung. Freie Szene at itīs best. Fetter Applaus zur Premiere. Zu recht.
Sven Lange / 24. Oktober 2002
Mit: Mirjam Wiesemann, Britta Dirks, Tomasso Tessitori, Bernd Rehse, Stefan Bohne; Regie: Andreas Robertz; Bühne: Ensemble; Kostüme: Pino Cervino; Licht: Jens Streblow; Musik: Stefan Bohne
www.artheater.de
ARTheater; Ehrenfeldgürtel 127, 50825 Köln, Tel.: 0221-5503344
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