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Feuilleton


Bremer Theater, 29. Arpil 2005

Carmen


Inszenierung von Karin Beier

Nie hat sie ihn so geliebt
Bewegende Wiederkehr: Das Bremer Theater nimmt seine „Carmen“ wieder auf


(C) Bremer Theater

Carmen schmerzt das jetzt sehr. Er will zum Appell. Sinnlos gewordene Pflichterfüllung soll liebevoller Zärtlichkeit weichen. Taratata. Da aber besinnt der Sergeant sich wieder: besingt seine schwierige Innenwelt gar überaus zart und schön. Noch einmal treffen sich die liebesuchenden Hände der beiden fast. Doch scharf und jäh, wie der blechdominierte Akkord, wird das beinahe Mögliche von ihm abgewiesen und gekappt. Diesseitige Liebeserfüllung schließt sich fortan in dieser legendären Carmeninszenierung von Karin Beier aus. Aber gerade in ihrer nichterfüllten Weise bleibt diese Liebe zwischen Carmen und Don José die entscheidende Motivationsquelle der Bühnenhandlung. So nämlich, wenn die teilweise auch mitleidende Carmen den zunehmend klammernden José ohrfeigt. Oder wenn sie mit dem eigentlich schon etwas heruntergekommenen Stierkämpfer ihre Liebe besingt, während sie unterdessen nervös mit dem wartenden Seelenwrack José kommuniziert.

Beier versteht Bizets „Carmen“ ganz von dem tragischen Kern der scheiternden Liebe aus, ohne einfach zu reromantisieren. Diese Schwerpunktsetzung hat ästhetisch nachvollziehbare Gründe, aber nicht unerhebliche Auswirkungen auf die weiteren Figuren und die Gesamtkonzeption: So bleibt das schlichte, aber mutige Bauernmädchen Micaela monochromatisch blass kostümiert (in weißem Feenkleid), ausstaffiert (mit liebloser Blondperücke) und choreographiert. Und ebenso versprüht der Stierkämpfer Escamillo keinerlei Eleganz. Er reüssiert als alkoholisiert-abgehalfterter Matador mit einigen besseren Tagen in der Vergangenheit. Auch straffende, die Kernhandlung betonende Streichungen in der Partitur kommen vor. Wie sowieso die auf Personenführung konzentrierte Inszenierung gut mit einem einfachen rostigen Gerüstbau als Bühnenrahmung und einigen wenigen Hintergrundfarbwechseln auskommt. In dieser Zuspitzung Beiers auf das Wesentliche liegt der Vorteil eine Carmen in ihrer ganzen psychologischen Breite zeigen zu können. Eine, die sich zudem völlig frei von jedwedem Carmenklischee bewegt. Damit vollführt Beier in ihrer mit Recht zum dritten Mal erfolgreich wieder aufgenommenen Inszenierung von 1997 eine Humanisierung der Carmenfigur unter weitgehendem Verzicht der projektiv aufgeladenen Männerhexe. Carmen ist hier primär die besondere Frau, die noch zu lieben vermag: allerdings aussichtslos. Am Ende inszeniert die Willenstarke selbst den gewiss gewordenen Tod durch die Hand des sie zu spät liebenden Mannes.

Diese Wiederaufnahme für die laufende und die kommende Spielzeit gelingt auch deshalb so hervorragend, weil beide Protagonisten nichts von ihrer Frische und Strahlkraft verloren haben. Fredrika Brillembourg und Bruce Rankin geben nahezu ikonographische Rollenportraits von größter Eindringlichkeit ab: Brillembourg ist eine Bühnenheldin, der man Trauer und Schmerz, gleichwie Freude und jedes Lachen abnimmt. Feurige Kühle verbreitet sie mit konrolliertem Vibratoeinsatz und abgeschattetem Timbre – die nötige Frische und Erotik mit einer überaus beweglichen Stimme und nimmermüder Artikulation. Ihrem „là bas“ wohnt wahrhaftig der sehnsüchtige Ausdruck möglichen Entkommens inne und in dem Finalduett mit Don José vermittelt der dramatische Umschlag ihrer Stimme das Grauen über die hereinziehende Schicksalsmacht. Bruce Rankin ist ihr ein kongenialer Partner und überzeugt vor allem durch ein exzellentes Mittelregister. Seine elegische Gesangsanlage verleiht dem baskischen Sonderling einen liebenswürdigeren Zug und macht so Carmens Liebe zu ihm besonders plausibel. Auf phänomenale Weise vermag Rankin auch das seelische Ungleichgewicht des Eifersüchtigen in seinem Augenspiel zu veranschaulichen.

Größtmöglichen Ausdruck findet Dunja Simic für ihre zur Figurine geronnnen Micaela. Mit einem atemberaubenden Schöngesang bestätigt sie die schroffe Handhabe Josés ihr gegenüber keineswegs. Dem ungehemmt rauschartigen Anfangszustand des Stierkämpfers kann Ivan Dimitrov gesanglich weit eher gerecht werden als den Anforderungen im Verlauf der Partie. Leutnant Zuniga wird von Karsten Küsters vollkommen überzeugend gesungen und darstellerisch wunderbar gespielt, etwa wenn die beiden Schmugglermädels Frasquita (Jennifer Bird) und Mercedes (Sybille Specht) anfangen, den Gefesselten mit Schnaps und Feuer zu bearbeiten.

Der Bremer Chor setzt die einfachen, aber ausdrucksstarken Choreographien Jaqueline Davenports immer noch sehr gut um. Und bereits zu Beginn der Introduktion registriert der bühnenpräsente Männerchor das „seltsame Volk“ mit einer sublimen Doppelbödigkeit. Der Chorklang ist, außer im etwas ausgedünnt klingenden Streitchor der Zigarettenarbeiterinnen, sehr ausgewogen und alle Chöre zeigen sich exzellent aufgelegt: ein wichtiger Bestandteil für die musikalisch hervorragende Vorstellung des 1. Kappellmeisters Florian Ludwig. Er und die Bremer Philharmoniker erreichen ein teilweises überragendes Klangergebnis: Die melodischen Raffinements Bizets werden dabei unterstrichen ohne ein opulentes Schlagwerk auszustellen. Insbesondere die letzten beiden Zwischenspiele versprühen eine hochformatige Klarheit, die auf CD-Einspielungen vergeblich gesucht werden kann. Ludwigs leichtes, schwungvolles und berührendes Dirigat lässt das Orchester tatsächlich zu einem „dramatischen Faktor“ (Leo Blech) werden. Das Publikum zeigte sich dementsprechend äußerst applausfreudig.


Wolfgang Hoops - red / 9. Mai 2005
ID 00000001883
Weitere Termine sind:
So, 15. Mai 2005
Sa, 21. Mai 2005

Weitere Infos siehe auch: http://www.bremertheater.com






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