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Bremer Theater, Schauspielhaus, 4. November 2005

Flacon

Inszenierung Urs Dietrich




Die Repression in der Impression

Urs Dietrichs Uraufführung „Flacon“ während der kulturpolitischen Fastentiet am Bremer Theater

Hört man in der räumlich viel zu eng angelegten Impressionistenausstellung der Bremer Kunsthalle mal einen Moment hin, was den Besuchern oder auch den gelangweilten Museumsführern zu der neunzehnjährigen „Camille“ (1866) von Claude Monet einfällt, so ist das nicht allzu viel. Kaum der Erwähnung wert. Zu wesentlich Substantiellerem und Tiefschürfenderem gelangt da der langjährige Bremer Tanztheaterchef Urs Dietrich, dem bei der Betrachtung dieser blass-bedrückten Frau mit dem doppelten Chic und dem abgesenkten Schulterblick eine gut einstündige Tanztheateruraufführung in den Sinn gekommen ist: „FLACON“ – das Duft konservierende Riechfläschchen. Darin geht Dietrich mit zehnköpfigem Ensemble auf die Suche nach der verleugneten Ideologie des Impressiven.
Immer wieder künden Ahnungen modernen Unheils von dem tatsächlich Unwahren des impressionistischen Paradigmas, in der Flüchtigkeit der Welt liege Wahrheit. Im Abstellen auf Flüchtigkeit, also auf Bewegliches, verstellt sich die gesellschaftliche Wahrheit, die zeigt, dass sich das Flüchtige nur ausformt, sofern das Immergleiche als grundlegende Schicht schon feststeht: die Repression. Eigentliche Verhinderin von Entwicklung, von freier Bewegung, auch des harmlosen Blicks auf Tanzkunst. Zu hören ist sie in den Geräuschen der verschienten Welt, der kanalisierten Kloake oder der überbrechenden Flut. Zu sehen als Gleichschritt, als stark eingrenzende Bewegungsformen und als immer neue Bedrohung des weiblichen Körpers mitsamt seiner Möglichkeitsräume. Dietrich findet Sedimente von Repression auch im Tanz selber: etwa in der Folklore, an die eine ganz einfache aber – mit sordinierten Streicherklängen unterlegt – äußerst wirkungsvolle Schrittfolge erinnern lässt. Oder auch im Ballett, das hier als zwangharter Aplomb erscheint: zu der Märchenseligkeit Schumanns wird da der junge Leib der zunehmend seelisch verstörten Danseuse taktlos und übergriffig dressiert.
So können die Riechfläschchen, die Flacons, in der Moderne keinen rechten Duft mehr entfalten, ach konnten es wohl nie, wie Dietrich in einem Tanzsolo zu Debussys halbem „Danse profane“ deutlich macht, das in dem zwangvollen Umkleiden der einzig Rotgewändigen endet. Die Nasen sind zudem verzerrt. Sie können nicht mehr recht riechen, denn sie haben zuviel Gestanksgewöhnung. Genau das hat Samuel Beckett gemeint, wenn er über Proust schreibt: „Der Beobachter infiziert das Beobachtete mit seiner eigenen Beweglichkeit.“ Zweifelsohne ist Urs Dietrich der Augenarzt des Tanztheaters.


Wolfgang Hoops, 6. November 2005
ID 2107
Flacon
eine Inszenierung von Urs Dietrich

Nächste Termine: 17.11.
Karten-Telefon: 0421-3653 333

Weitere Infos siehe auch: http://www.bremertheater.com/






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