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Theaterkritik
DIE SINFONIEN DES JOHANNES BRAHMS
Ein abenteuerliches Stück Musik-THEATER

ct 201

Studiobühne, Köln

Das Hören von Musik erzeugt bei den meisten Menschen Gefühle, viele sehen Bilder oder erfinden im Fluß der Musik ganze Geschichten. Mitunter wird und wurde Musik geschrieben mit einer ganz bestimmten Vision oder Geschichte im Hintergrund, Filmmusik unserer Tage und die sogenannte Programm-Musik von früher, "Die Moldau" zum Beispiel. Manch ein musikalisches Werk ist aber als "absolute" Musik gedacht, ohne Verweis auf außermusikalische Sphären. Für die vier Sinfonien von Brahms gilt das insbesondere.

Regisseur Dietmar Kobboldt und sein Ensemble ct.201 scheren sich nicht um die Absichten des Meisters sondern bringen die vier Sinfonien (respektive Ausschnitte aus diesen) auf die Bühne und erzählen dazu die Geschichten, zu denen sie von der Musik inspiriert wurden: Vier durchschnittliche Menschen, jeder mit einer Einladung zu einer anderen Veranstaltung, treffen sich in einem Raum und stellen bald fest, daß sie eingeschlossen sind. Der Raum verändert Farben und Funktionen und die vier müssen Rätsel lösen. (Der Film THE CUBE läßt grüßen...) Bald stellt sich heraus, daß die Biografien der Figuren miteinander verstrickt sind. Jeder ist Schuld am Tod eines Elternteils eines anderen.

Die Erzählweise ist die einer Partitur. Gleichzeitig gelangen verschiedenste Theatermittel zum Einsatz: Musik, Text, Bewegung, Licht, Projektionen etc., und erschaffen verschiedene Bedeutungsebenen. Die Schauspieler ordnen ihre Geschichten mitunter der musikalischen Struktur unter, manchmal nutzen sie sie illustrativ. Zwischen Choreographie, Performance und Improvisation, aber immer mit hoher Intensität, rackern sie mit und gegen die Musik.

Obwohl das Energielevel hoch ist und in Sachen Ausstattung an nichts gespart wird, werden dramaturgische Lücken bald sichtbar: Die Rätselebene ist nach der Pause plötzlich ganz verschwunden, die Gleichförmigkeit der "Schuld", die die Figuren mit sich herum tragen, nimmt der Handlung Spannung, hier wäre mehr Fantasie gefragt gewesen. Nicht immer ergänzen sich die verschiedenen Ebenen, oft stehen sie sich sogar im Weg, zwingen die Schauspieler auf Wartepositionen, weil die Musik noch nicht soweit ist wie die Handlung oder die Musik geht unter, weil der Zuschauer eigentlich auf die Auflösung eines Textstrangs wartet. Mitunter ist es so bunt und wild auf der Bühne, daß überhaupt kein Faden mehr erkennbar ist. Da hilft dann ein Blick ins Programmheft, das sich nicht nur über das Wesen der Inszenierung ausführlich ausläßt sondern auch Hinweise auf die Biografien der Figuren gibt, die so einiges erläutern, was auf der Bühne zu sehen und nicht immer gleich einzuordnen ist. Da ist viel vom subjektiven Zugriff zu lesen und vielleicht liegt hier eine Schwäche des Abends. Die Biografien, die Geschichten, die Figuren sind weder exemplarisch noch in einem formalen Zusammenhang verwoben, der Brahms spiegeln würde. Somit bleibt viel subjektive Willkür, das ist aber das Gegenteil von Kunst, von Brahms´ Musik ganz zu schweigen.

Dennoch: Trotz der Mängel und Schwächen ist dieser Abend ein mutiger, spannender und durch die sehr guten Schauspieler an keiner Stelle langweiliger Versuch, das Genre "Musik-Theater" um eine Facette zu erweitern. Wer sich in Köln für Theater interessiert, sollte dieses Stück nicht verpassen.

Sven Lange / 13. September 2002


mit: Heidrun Grote, Christina Vayhinger, Jürgen Clemens, Sunga Weineck; Musik: Johannes Brahms, Barbara Gescher; Regie: Dietmar Kobboldt; Dramaturgie: Antje Probst; Bühne: Andreas Mangano, Licht: Boris G. Knoblach; Kostüme: Rupert Franzen

Aufführungsdauer: 2 ˝ Stunden, eine Pause

Studiobühne Köln, Universitätsstraße 16 a, 50937 Köln, Tel.: 0221-4704513
www.ct201.de
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