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Grillo Theater, Essen

Liliom von Franz Molnár



Die Welt ist eine Müllhalde. (Bühne: Patrick Bannwart). Ein adäquater Ort für Liliom und Julie, die arbeits- und mittellos am Rande der Gesellschaft leben. Aber solange die Liebe in ihren Herzen brennt, kann auch eine Müllhalde zu einem romantisch aufblühenden Ringelspiel werden. Nur: verlässlich ist die Liebe nicht, wenn die Bedingungen härter werden. Julie ist schwanger und Liliom lässt sich auf einen Überfall ein, Amerika und neue Hoffnung im Blick. Er scheitert, tötet sich selbst und findet sich in einer Nachwelt wieder, die haargenau dieselbe Müllhalde ist. Denn der Himmel ist nur für die Reichen, das hatte man ihm vorher schon erzählt.

Günter Franzmeier ist dieser Liliom und dieser Abend, inszeniert von David Bösch, ist ganz und gar seine Show. Er ist ein großes Kind, gibt jedem Affekt spontan nach, wütet, schreit, schlägt und bedauert sich und seine Taten hinterher. Aber er hat auch die Zärtlichkeit, die Liebe eines Kindes, die Sehnsucht nach dem Glitzern des Rummelplatzes, die Angst um die unsterbliche Seele, die Sentimentalität. Franzmeier spielt so virtuos, so glaubwürdig mitreißend und anrührend, dass allein seinetwegen der Besuch der Vorstellung unbedingt empfohlen werden kann. Dabei hat er tolle Mitspieler: Sarah Viktoria Frick als Julie kommt als drolliges Mädchen, zaubert sich und der Welt ein Lächeln herbei - aber als sie über Lilioms Leiche weint, da wirds totenstill im Saal. Und ihre gespielten Tränen provozieren echte bei den Zuschauern. Toll. Nicola Mastroberardino als Gangster Ficsur ist ein Italo-Psychopath, erschreckend noch in seiner Komik.


David Bösch hat das Stück auf gut 100 Minuten herunter gekürzt. Da fällt dann schon einiges heraus. Die Parallelgeschichte um Marie und ihren braven Mann Wolf z.B., das Paar, das angepasst, ohne große Erwartungen an die Welt oder die Liebe, aber doch glücklich dabei, den Gegensatz, die Alternative, zu Liliom/Julie bilden. Anne Boche hüpft kanarienvogelgelb ein paar Mal als Marie über die Bühne und bekommt kaum Zeit, ihre Figur, ihre Geschichte zu entwickeln. Schade. Frau Muskat, die Ringelspielbesitzerin, bei der Liliom ursprünglich arbeitet, gespielt von Henriette Thimig, kann in einem solchen Konzept auch nur oberflächlich daherkommen, dabei hätte sie als Lilioms "Mutter" mehr Raum verdient. Aber so manche Szene scheint mit eiliger Hand gestrickt und noch nicht zu Ende probiert zu sein.

Im Gegensatz zu dem Moment, als Liliom und Ficsur den Linzmann überfallen, den Sierk Radzei als Amerikaner mit weißem Anzug und Cowboyhut spielt. Disneyland wird da zitiert und plötzlich Pulp Fiction, als er diverse Waffen zieht. Und dann frisst er einen Burger in sich hinein, spuckt die Reste aus und der Zuschauer sieht den Psychopathen Ficsur zu einem Häufchen Elend zusammenschrumpfen, als dieser die ausgespuckten Reste vorsichtig zusammenpackt und mitnimmt. Das sind die Szenen, die diesen "Liliom" groß machen. Bösch erfindet genug davon, um die Auslassungen und Leerstellen wett zu machen. Ein toller Theaterabend mit einem großartigen Günter Franzmeier in der Titelrolle.



Sven Lange - red. / 19. März 2007
ID 00000003077

Weitere Infos siehe auch: http://www.theater-essen.de





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