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nachDRUCK # 6

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Besprechung


Theater Krefeld Mönchengladbach

Dido and Aeneas (Henry Purcell) - Erwartung (Arnold Schönberg)



Uta Christina Georg (Dido) und Hans-Jürgen Schöpflin (Aeneas)

Was haben Arnold Schönbergs Monodram „Erwartung“ und Henry Purcells Oper „Dido und Aeneas“ gemeinsam? Auf den ersten Blick nicht viel, und dennoch ist es dem Theater Krefeld Mönchengladbach in seiner neuesten Musiktheaterpremiere gelungen, die beiden Stücke zwingend miteinander zu verbinden. Der Abend beginnt ungewöhnlich ruhig: Der Chor befindet sich auf der Bühne, alle in Weiß gekleidet. Einige lesen, jemand bricht in Lachen aus. Nach einem kurzen Moment sind die ersten Töne von Purcell zu hören. Und in diesem Augenblick sieht man auch Dido, die sich – in einen weißen Mantel gekleidet – in der Bühnenmitte erhebt.
Im Verlauf der Szene beginnen die Chormitglieder, sich historische Kostüme (überwiegend in Rot- und Schwarztönen) und Perücken anzuziehen. Und schon ist man mittendrin in Didos Welt am Hof von Karthago. Belinda, Freundin und Beraterin, rät dazu, dem Werben des Helden Aeneas trotz der Trauer um ihren verstorbenen Ehemann nachzugeben. Aber selbst in dem Moment, in dem sie einwilligt, sieht man keine überschäumende Freude bei Dido, sondern Beherrschtheit, Staatsräson. Das fängt Regisseur Christian Tombeil, zugleich künstlerischer Betriebsdirektor des Hauses, in einem schönen Bild ein: Aeneas und Dido stehen als unbewegte Statuen auf Podesten, der Chor hübsch um sie herum arrangiert.
Zu Dido gesellt sich eine zweite Frau, die ähnlich gekleidet ist wie diese, aber eine andere Körpersprache besitzt. Sie hält Aeneas nicht auf Distanz wie Dido, sondern wirft sich ihm an den Hals. Sie ist es auch, die Aeneas den Todesstoß versetzt, als dieser Dido verlässt, um einem angeblichen Befehl Jupiters zu folgen, demzufolge er sofort nach Italien weiterreisen soll. Dieses Dido-Schattenwesen des ersten Teils ist die Frau in Schönbergs „Erwartung“, das nach der Pause folgt. Der Chor ist nicht mehr auf der Bühne, nur Aeneas liegt an der Stelle, an der er zuvor ermordet wurde. Dido betritt in diesem Teil immer mal wieder die Bühne, um die Szene zwischen der Frau und ihrem ermordeten Liebhaber zu beobachten.

Hans-Jürgen Schöpflin (Aeneas), Marianne Thijssens (1. Hexe), Janet Bartolova (Zauberin), Nele van Deyk (2. Hexe), Uta Christina Georg
Dieser zweite Teil des Abends ist ein musikalischer, emotionaler und darstellerischer Bruch mit der zurückhaltenden und kontrollierten Atmosphäre am Hof in Karthago vor der Pause. Kerstin Brix verkörpert die Frau. Sie leidet, sie hofft, sie hadert mit ihrem Schicksal und dem Tod ihres Geliebten – und das auch durchaus ganz handgreiflich, indem sie den toten Aeneas in den Arm nimmt oder über die Bühne schleift (Hochachtung an dieser Stelle an Hans-Jürgen Schöpflin, den Darsteller des Aeneas, der eine halbe Stunde lang auf der Bühne liegt).
Hier zeigt sich auch die Gemeinsamkeit der beiden Stück: Sowohl in „Erwartung“ als auch in „Dido und Aeneas“ steht eine Frau im Zentrum, die ihrem Geliebten nachtrauert. An diesem Punkt finden die beiden Stücke in der Inszenierung von Christian Tombeil und unter dem Dirigat von Graham Jackson auch zusammen. Dido singt an der Leiche von Aeneas, die Frau tröstend, ihr Klage „When I am Laid in Earth“. Musikalisch und szenisch wird hier die Erregtheit der „Erwartung“ wieder teilweise zurückgeführt in die Form eines gefassten Klagegesangs. Aber eben auch hin zu einer Trauer, einer Emotionalität, die Dido in dieser Form vermutlich noch nicht äußern konnte, bevor ihr Schattenwesen ihren Gefühlen in Schönbergs „Erwartung“ freien Lauf gelassen hat.

Uta Christina Georg (Dido) und Hans-Jürgen Schöpflin (Aeneas)
Klug ist auch die Bühnenkonzeption des Abends: Sah man ihm ersten Teil einen hohen, geschlossenen Raum mit zwei Pfeilern links und rechts der Bühnenmitte, Kassettendecke und Kronleuchter, so verändert sich die Bühne im zweiten Teil. Es werden jetzt Stäbe und Pfeiler gewissermaßen in den Raum hineingeschoben, sie ragen als irritierende Elemente in den Raum hinein. Der Kronleuchter liegt links hinten in der Ecke. Die Stäbe werden später teilweise zurückgezogen und dann bekommt die Veränderung der Bühne Struktur: Von hinten, links und rechts werden Bühnenteile in die Mitte geschoben, bilden einen kleinen, nach vorne offenen Raum um die Leiche von Aeneas herum. Oben wird er ebenfalls durch einen Teil der Decke begrenzt, der heruntergelassen wird. Und schon sieht dieser neue Raum aus wie eine Art Gummizelle, um die sich der Chor gruppiert.
Hier scheint sich ein Kreis zu schließen: Die weißen Kostüme des Chors, das irre Lachen zu Beginn, das weiße Kostüm der Zauberin, das an eine Operateurskluft erinnert, die schwesternähnliche Tracht ihrer Begleiterinnen. Spielt also alles in einer Irrenanstalt? Es scheint fast so zu sein. Die Zauberin, die die schicksalhaften Ereignisse der Dido-und-Aeneas-Handlung durch eine Intrige in Gang setzt, erscheint zwar mit ihren beiden Helferinnen kurz vor dem Ende, ist dann aber zum Schlussbild verschwunden, so dass man leider nicht mit Bestimmtheit sagen kann, ob sie nicht nur über Didos Schicksal bestimmt und Stürme in Gang setzt, sondern auch hier in der Anstalt die Fäden in der Hand hat. Das zu beurteilen bleibt jedem Zuschauer selbst überlassen.
Bühnengestaltung, Beleuchtung, Chorführung, sängerische, schauspielerische Leistung, ansprechendes Programmheft, eine konzentrierte und nicht überfrachtete Inszenierung und konzeptioneller Mut – all dies sind Pluspunkte dieser Aufführung. Am Ende gab es viel Applaus für alle Beteiligten, besonders für Kerstin Brixs grandiose darstellerische und sängerische Leistung als Frau in der „Erwartung“. Das Doppel aus „Dido und Aeneas“ und „Erwartung“ ist ohne Abstriche gelungen und lohnt eine Anreise von weiter her.

Kerstin Brix (Geist / die Frau) und Uta Christina Georg (Dido)

Dido and Aeneas
Henry Purcell
Oper in drei Akten
Libretto von Nahum Tate
In englischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Erwartung
Arnold Schönberg
Monodram in einem Akt
Dichtung von Marie Pappenheim

Musikalische Leitung: Graham Jackson
Inszenierung: Christian Tombeil
Bühne: Andreas Jander
Kostüme: Gabriele Wasmuth
Dramaturgie: Ulrike Aistleitner

Dido: Uta Christina Georg
Aeneas: Hans-Jürgen Schöpflin
Belinda: Debra Hays (am Abend der besuchten Vorstellung), Jeannette Wernecke
2. Frau: Ursula Hennig (am Abend der besuchten Vorstellung), Christina Heuten
Zauberin: Janet Bartolova
1. Hexe: Sabine Sanz, Marianne Thijssens (am Abend der besuchten Vorstellung)
2. Hexe: Nele van Deyk (am Abend der besuchten Vorstellung), Birgitta Henze
Geist: Kerstin Brix
1. Matrose: Walter Planté
Frau in „Erwartung“: Kerstin Brix

Premiere am 20.05.2007, weitere Termine am 27.05., 19.30 Uhr, 06., 20.00 Uhr, 09., 20.00 Uhr, 16., 18.00 Uhr, 21., 20.00 Uhr und 22.06., 20.00 Uhr (zum letzten Mal in Krefeld), ab 1.12.2007 dann in Mönchengladbach


Karoline Bendig - red. / 28. Mai 2007
ID 00000003255

Weitere Infos siehe auch: http://www.theater-krefeld-moenchengladbach.de/160-8-1047.htm





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