Filme, Kino & TV
Kunst, Fotografie & Neue Medien
Literatur
Musik
Theater
 
Redaktion, Impressum, Kontakt
Spenden, Spendenaufruf
Mediadaten, Werbung
 
Kulturtermine
 

Bitte spenden Sie!

Unsere Anthologie:
nachDRUCK # 6

KULTURA-EXTRA durchsuchen...



Feuilleton


60 YEARS

GUY WEIZMAN UND RONI HAVER

in Zusammenarbeit mit pretty ugly tanz köln

Maik Solbach, Ralf Harster



Scham Macht Sexy

Ein einzelner Gast, im Pelzmantel und mit überdimensionalem Geschenk, verirrt sich auf die Bühne. Hebt zu sprechen an, verhaspelt sich, richtet erste Sätze einer Eröffnungsrede an Ministerpräsident, Kanzlerin, Knesset - die Liste scheint willkürlich zu sein, und einem kranken Gehirn entsprungen, wie so vieles, was sich im Laufe der nächsten anderthalb Stunden zuträgt. Man wartet, man will applaudieren, doch die jähen Aussetzer der jungen Frau lassen das nicht zu. Fast scheint es, als sei der Anlass, die Feier zum 60-jährigen Bestehen der Staaten Deutschland und Israel, ein Insider, oder eine Bagatelle.

Ein ungewöhnlicher Auftakt eines ungewöhnlichen Stückes, das munter mit Stilen bricht und ziemlich frech unser Selbst- und Fremdverständnis karikiert. Guy Weizman und Roni Haver, beide arabischstämmige Israelis, die nicht nur in der holländischen, sondern auch in der internationalen Tanzszene ganz oben mitspielen, rekrutierten für ihr leicht experimentelles, schlicht "60 Years" betiteltes Cross-Over-Stück eine bunte Gruppe aus Mitgliedern des Schauspielhaus-Ensembles und pretty ugly tanz köln. In dem Versuch, Tanz und Theater eine Liaison eingehen zu lassen, soll auf der Bühne auch die nicht gerade unbelastete Beziehung zwischen Deutschland und Israel eine neue Chance bekommen. Dass dabei allzu menschliche Tritte ins Fettnäpfchen nicht ausbleiben, und der Ausdruck "heiterer Ernst" eine völlig neue Bedeutung bekommt, damit rechnet zunächst wohl niemand aus dem zahlreichen Publikum.
Die 60 Jahre im Gelobten Land könnten fast schon biblischen Symbolwert haben, doch lässt das Team die Produktion nicht in eine solche Richtung laufen. Stattdessen wird das Geburtstagskind - hier verkörpert von einem älteren Herrn - liebevoll in einen Rollstuhl verfrachtet, von den jungen Leuten frenetisch bejubelt, dann praktisch in die Ecke gestellt. So bleibt er unbeteiligt, tritt zurück hinter den vordergründigen Partykitsch. Eher sparsam fällt die Bühnengestaltung aus, mit teils märchenhaften Anleihen und mit drei turmartigen mobilen Bauten, die unwillkürlich an die Strenge von Yad Vashem erinnern. Trotzdem überrascht die Inszenierung immer wieder mit Leichtigkeit, wirkt stellenweise gar wie ein Flirt mit dem Leben. Herbe Kontraste, Oberflächlichkeit und Tiefsinn gehen eine eigenartige Symbiose ein - ein subtiler, aber effektiver Schlag in die Magengrube.

Einen herkömmlichen Handlungsstrang vermisst man zunächst. Bereits in den ersten Szenen rennen die Darsteller gegen ihr Unvermögen an, der Feier einen formellen Rahmen zu geben. So entstehen locker aneinandergereihte Sequenzen aus Schauspiel und Tanz, Musik und Lichtspiel, Bildern und Wörtern. Das Zusammenhanglose mag irritieren, doch wer sich nicht am scheinbaren Zuviel an parallelem Medieneinsatz stört, wird entdecken, wie hier jede noch so kurze Szene für sich genommen gerade erst ihre Wirkungskraft entfaltet.
Hier der Tanz, Fall-Recovering, da die angerissenen Monologe, dann wieder die Musik, unaufdringlich. Tanz, bei dem keine Geste überflüssig zu sein scheint, der präzise und doch spielerisch vermittelt, was Worte nicht sagen können. Die Tanzeinheiten sind unerhört fesselnd und eindringlich, vereinen Drill und Zärtlichkeit, scheinen den Staub der Geschichte abgeschüttelt zu haben, weil sie so leichtfüßig daherkommen, als seien sie improvisiert. Dann wieder bricht der Schmerz heraus aus müden, schweren Körpern - ein Phänomen, das sich durch das gesamte Stück zieht. Lust und Schmerz, Lachen und Weinen liegen tatsächlich so nahe beieinander, dass es verstört. Die zugrundeliegende Ernsthaftigkeit lässt sich nie ganz "weglachen". Denn Kernstück des Ganzes ist nach wie vor der Kitt, der die beiden Staaten zusammenzwingt: die Erinnerung an den Holocaust. Es ist ein Glück für die Gesamtproduktion, dass man ohne Zynismus oder überzuckerte Anteilnahme auskommt. Stattdessen nimmt man sich selbst auf die Schippe. Die Prinzipien Staat, Integration und Identität werden in ihre abstrakten Bestandteile zerlegt und collagenartig wieder zusammengepuzzelt. Sicher treiben die Mitwirkenden ihr Spiel bisweilen auf die Spitze, wenn sie frivol mit sämtlichen Klischees aufwarten, doch es ist nicht zuletzt jüdischem Humor und Selbstironie zu verdanken, dass das Stück nicht zur albernen Parodie seiner selbst verkommt.
Zitate von Celan und Kafka über Camus bis hin zu Reden von Angela Merkel und Bibelpassagen verstärken den Eindruck von Absurdität noch: alle stehen sie isoliert und gleichzeitig im Kollektiv, nicht ist, wie es war, und nichts bleibt, wie es sein sollte. Grenzen verwischen, und wie die roten Ballons auf der Bühne entpuppt sich auch das ganze Aufhebens um Jubiläum und Zusammengehörigkeit als eine mit heißer Luft gefüllte Attrappe. Ob man in bemessener Zeit einen Abriss der aktuellen deutsch-israelischen emotionalen Landschaft darstellen kann, ist fraglich. Einen wichtigen Beitrag in diese Richtung leistet jedenfalls die Live-Musik unter der Leitung von Elad Cohen, die mindestens ebenso schwermütig und gleichzeitig augenzwinkernd ist wie viele Spielszenen. Bass-Soli werden als Intermezzi gekonnt eingesetzt, Oud-Klänge und orientalischer Gesang versetzen den Zuschauer an den Bosporus, während Folklore und Klezmer direkt aus dem Stetl zu erklingen scheinen.
Kann es also einen geeigneteren Weg geben, dieses heiße Eisen anzupacken, als mittels Stilbruch und einer gewissen Chuzpe? Die Choreografen beweisen es uns, nähern sich schwierigen Themen, indem sie vor allem entkrampfen, sich einen Dreck um politische und andere Correctness scheren, und hemmungslos unter die Gürtellinie gehen. Endgültige Antworten auf die "großen Fragen" gibt es nicht, ein Fazit wäre vielleicht das:
Man weiß bis zuletzt nicht, ob nur nett mit längst hinfälligen Wunsch- und Feindbildern kokettiert wird, oder ob diese Performance nicht doch mit ihren Wahrheiten unangenehmer berührt, als einem lieb ist. Immerhin: es darf Party gemacht werden.


Jaleh Ojan - red / 10. Februar 2009
ID 00000004199
60 Years
Schauspiel Köln in Zusammenarbeit mit pretty ugly tanz köln


Regie und Choreographie: Guy Weizman, Roni Haver
Musik: Elad Cohen
Bühne: Ascon de Nijs
Kostüme: Slavna Martinovic
Dramaturgie: Sybille Meier, Veerle van Overloop
Mit: Wolfgang Maria Bauer, Ralf Harster, Anja Herden, Michael Maurissens, Lucia Peraza Rios, Nicolas Robillard, Steffen Schroeder, Maik Solbach, Adam Ster, Flavia Tabarrini
Musiker: Mehmet Gül, Verena Guido, Bernd Keul

Weitere Infos siehe auch: http://www.schauspielkoeln.de





  Anzeigen:











THEATER Inhalt:

Kulturtermine
TERMINE EINTRAGEN

Kurzmeldungen

ARCHIV
Bühne

CASTORFOPERN

FREIE SZENE

INTERVIEWS

PREMIERENKRITIKEN

ROSINENPICKEN
Glossen von Andre Sokolowski

URAUFFÜHRUNGEN


Bewertungsmaßstäbe:


= nicht zu toppen


= schon gut


= geht so


= na ja


= katastrophal



Home     Impressum     Autorenverzeichnis     FILM     KUNST     LITERATUR     MUSIK     THEATER     Archiv     Termine

Rechtshinweis
Für alle von dieser Homepage auf andere Internetseiten gesetzten Links gilt, dass wir keinerlei Einfluss auf deren Gestaltung und Inhalte haben!!

© 1999-2017 KULTURA-EXTRA (Alle Beiträge unterliegen dem Copyright der jeweiligen Autoren, Künstler und Institutionen. Widerrechtliche Weiterverbreitung ist strafbar!)

Webdesign und -programmierung by Susanne Parth, bplanprojekt | www.bplanprojekt.de