Tagung und Fest der Frauen, Berliner Volksbühne, 6.12.2009
"Frauenaufbruch '89. Was wir wollten. Was wir wurden."
Rosa-Luxemburg-Stiftung, in Kooperation mit Frauenzentrum Paula Panke e.V. Berlin und »Helle Panke« e.V.
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Foto: Ramona Hering, RLS
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„Hexen, Hexen, auf den Besen, sonst ist unser Land gewesen!“ – Der Aufbruch der Frauen
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20 Jahre nach der überraschenden Öffnung der Mauer, die mehr als 38 Jahre lang Deutschland in zwei Teile geteilt hatte, ziehen 2009 auch die damals engagierten Frauen Bilanz, „sichten Politik“: „Was wir wollten, was wir wurden“.
Es ist wahrlich keine umwerfende Neuigkeit, wenn ich – mit größtem Respekt vor jedem Einzelerfolg an den verschiedenen „Fronten“ – als Ergebnis der verschiedenen Veranstaltungsbeiträge zum Thema hier gleich vorweg nehme: „Wir“ Frauen sind damals als Tigerinnen gesprungen und als Bettvorleger gelandet.
Aber wenn es auch keine sensationelle Neuigkeit ist, so ist es doch immer noch eine Sensationsmeldung, ist es ein Skandal erster Güte, wenn festzustellen ist: Die Frauen zwischen Görlitz, Selfkant, List und Oberstdorf sind noch immer nicht die in allen Lebensbereichen den Männern gleich gestellte Hälfte der deutschen Bevölkerung, wie das so hehr in unserem Grundgesetz geschrieben steht.
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| Gleichstellung fängt schließlich mit der Möglichkeit an, wirtschaftlich-finanziell auf eigenen Beinen zu stehen. Und da ist es ist ein Skandal, dass Frauen für die gleiche Arbeit immer noch weniger Lohn, weniger Gehalt bekommen als Männer – und für ihr Arbeitsleben am Ende auch noch weniger Rente! Es ist tiefstes Unrecht, dass Frauen nach wie vor zwar weltweit 2/3 aller Arbeit tun, aber dafür nur 1/10 allen Lohn und Gehalts erhalten und nur 1/100 des Weltvermögens besitzen! Es zeugt von kurzsichtiger Dummheit, dass Arbeit noch immer nur dann produktiv genannt und auch angemessen bezahlt wird, wenn jemand daraus möglichst gewaltige Kapitalerträge ziehen kann! Es ist zynisch, dass alle für den Erhalt der Gesellschaft wichtige und notwendige Arbeit immer mehr statt weniger in die – vor allem weiblich besetzten – Niedriglohnbereiche, am besten gar ins Ehrenamt gedrängt wird! Es ist menschenfeindlich, dass generell im Mittelpunkt der gesellschaftlichen und politischen Aufmerksamkeit das nachhaltige Wohl der großen Wirtschaftsunternehmen auf Kosten der Bevölkerung steht und nicht – in einem partnerschaftlichen Gleichgewicht mit allen wirtschaftlichen Akteuren – das nachhaltige Wohl der Bevölkerung!
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Doch öffentlich diskutiert und vor allem beseitigt werden diese Sachverhalte nicht. Zu sehr hat der Großteil der Frauen vergessen, dass sie sehr wohl selbst die Herrinnen ihres Geschicks sind; zu wenig Raum ist der Aufarbeitung alter Wunden gegeben worden; zu wenig neugierig sind „Ost“ und „West“ auch nach zwanzig Jahren noch aufeinander und auf die jeweils andere Geschichte, zu wenig bereit, sich gegenseitig mit Zukunftsvisionen anzustecken und anstecken zu lassen; zu bequem ist es – gemacht – geworden, andere die Verantwortung für ihre Lebensumstände tragen zu lassen; zu vielfältig, gar unüberschaubar scheinen die Zusammenhänge zu sein.
Da tat es gut, am vergangenen Sonntag Vormittag in der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz die Erinnerung neu zu beleben an das sturzbachartige Fließen der bis dahin aufgestauten fröhlichen schöpferischen Energien, mit denen am 3.12.1989 1.200 Frauen aus nichtstaatlichen Frauen- und Lesbengruppen und kirchlichen Netzwerken, Künstlerinnen, Feminismusforscherinnen und andere kritische Wissenschaftlerinnen an den Universitäten, aber auch bis dato gänzlich unorganisierte Frauen eben hier zusammengeströmt waren und gemeinsam ihre Situation analysiert sowie eine gesellschaftliche Vision entwickelt hatten, aus der heraus am Ende des Tages der Unabhängige Frauenverband UFV geboren worden war.
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Es sind starke Gefühle, an die sich die Frauen, die damals aufbrachen, erinnern: „Es war eine chaotische und zufällige Zeit“, „ein überwältigendes Gefühl, zusammen etwas bewegen zu können …“, „mit viel Wut und viel Euphorie“, „… wir wollten nicht länger dulden…“, „Wir wollen teilhaben an der politischen Macht, nicht nur teilnehmen …“, „eine fröhliche Befreiung“ … – und immer wieder die für alle prägendste Erfahrung: die Selbstermächtigung, die Übernahme von Macht über das eigene Leben, ohne erst je-mann-den um Erlaubnis zu fragen.
Und das ist keine Hexerei. Das ist die Entscheidung, uns selbst, unsere Bedürfnisse und Interessen ernst zu nehmen. Und das ist das Wissen, dass nur so wir selbst, unsere Gesellschaft und damit unser ganzes Land zukunftsfähig sind – ohne uns Frauen ist schließlich kein Staat zu machen.
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Eine Randbemerkung an dieser Stelle: Es ist schon skurril, dass in den zwischenzeitlich etablierten Gender-Programmen in der geschlechtergerechten Entwicklungszusammenarbeit, mit denen deutsche Organisationen in aller Welt arbeiten, der Begriff des Self Empowerment von Frauen, eben der Selbstermächtigung, einen zentralen Stellenwert hat, ja ein zentrales Ziel ist – und wir Frauen (und auch Männer!) hier in Deutschland immer mehr power abgeben …
Also ich wünsche mir viel mehr Raum für das Erinnern und Wiederbeleben der Energien des Frauenaufbruchs 1989 – und dann lasst uns sofort wieder loslegen, es ist nämlich allerhöchste Zeit! Wir werden gebraucht.
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Madeleine Porr/ 9. Dezember 2009 ID 00000004487
Madeleine Porr (geb. 1961 in West-Berlin) gründete im Dezember 1991 mit Frauen aus Potsdam, Ost- und West-Berlin den Verein "Frauen machen Staat" e.V., mit dem sie ein überparteiliches Bündnis für ihr Projekt "Volksentscheid gegen den §218" am 20.09.92 vernetzte und bis zu ihrem Umzug nach Kuba 1996 weiter frauen- bzw. genderpolitisch engagiert blieb. Seither arbeitet sie an der Umsetzung ihrer Projektvision "El Pan Alegre/Das Fröhliche Brot" in Kuba, seit 2006 auch in Deutschland. Seit 2007 ist sie zudem eine der beiden Vorstandsfrauen von "economista" Existenzgründungsseminare für Frauen e.V./Berlin.
Weitere Infos siehe auch: www.madeleine-porr.de
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