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Feuilleton

Im Reich der Monopole

re:publica und Media Convention Berlin diskutierten die Zukunft der digitalen Gesellschaft


Das Versprechen einer unbegrenzt freien, pluralistischen Gesellschaft im Internet droht im Angesicht der Ausspähungsskandale zu zerplatzten: „Das Internet ist kaputt“, rief daher einer der bekanntesten Netzaktivisten und –publizisten Deutschlands, Sascha Lobo, seinen hunderten Zuhörern der re:publica entgegen, auf der ebenso wie auf der zeitgleich stattgefundenen Media Convention mehr als 6.000 Teilnehmer in Berlin über die Zukunft der digitalen Gesellschaft diskutierten. Lobo, der Mann mit dem markanten Irokesenhaarschnitt, brauchte wieder einmal die größte der vielen Hallen des ehemaligen kaiserlichen Straßenbahndepots am Berliner Gleisdreieck, wo er wie von einer Kanzel der deutschen Internetgemeinde ins Gewissen redete. re:publica-Gründer Markus Beckedahl wandte sich hingegen direkt an die politisch Verantwortlichen: „Es geht um unsere Grundrechte. Und wir fordern unsere Bundesregierung auf, diese auch endlich mal durchzusetzen“, sagte er auf der re:publica. Bürgerliche Freiheiten dürften nicht klaglos zugunsten eines diffusen Sicherheitsbedürfnisses preisgegeben werden, mahnten auch die vielen internationalen Vortragsgäste immer wieder.




Impressionen 1 von der re:publica 2014 - Foto (C) Max-Peter Heyne



Der mutige Held der Internetgemeinde, der ehemalige US-Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden, konnte zwar selbst nicht anwesend sein, aber mit seinem Porträt und seinem Namen war er auf den Konferenzen allgegenwärtig. Immerhin weilte die investigative Journalistin Sarah Harrison in Berlin zu Gast, die bei der Enthüllungsplattform Wikileaks die Nachfolge Julian Assanges angetreten hat und auch Vertraute von Snowden ist. Die 32jährige Harrison reist auf Anraten ihrer Anwälte nicht mehr in ihre britische Heimat oder die USA, sondern verbleibt lieber in Berlin, das sich zu einer Art Mekka der Verfemten entwickelt. Bemühungen, auf internationaler Ebene gesetzliche Regelungen anzustreben, damit Enthüllungen über illegale Geheimdienstaktivitäten nicht mehr strafbar sind, empfindet Sarah Harrison wegen der juristischen Hoheitsansprüche von Nationalstaaten als unrealistisch. Allerdings sollte die Definition von politischen Flüchtlingen ausgeweitet werden, damit Menschen wie Edward Snowden vor einer Verurteilung wegen Hochverrats im Ausland geschützt werden können, forderte Harrison in Berlin.

Die Gefahren des Phänomens Big Data - also das Sammeln und Vernetzen globaler Datenmengen und die mangelnde Datenhoheit der Nutzer - war auf der re:publica ein großes Thema. Um das Individuum stärker zu schützen, müssten bestehende Machtkonzentrationen innerhalb der Internetbranche gebremst oder gar zerschlagen werden, war auf vielen Podien zu hören. Das neue Zauberwort lautet Aggregation. Gemeint sind die Auswirkungen der Vormachtstellung von Konzernen wie Google, Facebook oder Amazon, die dazu führen, dass die gesammelten Kundendaten an Knotenpunkten verknüpft werden. Dieser Informationstransfer erlaubt einerseits noch mehr Aufschluss über das Konsum- bzw. Nutzungsverhalten der Kunden, das entsprechend verwertet werden kann. Andererseits erlaubt es den Konzernen eine noch stärkere Ausgangsposition, um diverse Webinhalte und –services anzubieten, da sie kleinere Anbieter aufkaufen. Nicht zuletzt ist die Position stärker, wenn „Große mit Großen verhandeln“, wie der Direktor der Landesmedienanstalt Berlin-Brandenburg, Dr. Hans Hege es ausdrückte.




Impressionen 2 von der re:publica 2014 - Foto (C) Max-Peter Heyne



Politiker wie Netzaktivisten forderten daher auf der re.publica, diese Aggregationsentwicklungen nicht weiter zu unterstützen, gegenüber Google & Co entschiedener aufzutreten, also die Kartell- und Mediengesetze stärker durchsetzen bzw. anzupassen. Denn seit Google das Clipportal YouTube im Jahre 2006 gekauft hat, ist die Zahl der Inhalte, die in den Händen weniger Kabel- und Contentanbieter liegen, rasant angestiegen. Aber auch die großen Hardwarekonzerne und Betreiber der Infrastrukturen, etwa die deutsche Telekom, sammeln sich über Kooperationen Reichweiten zusammen. Die Aggregation der Konzerne erlaubt das Abschöpfen und Auswerten von Nutzerdaten (die den Inhalteanbietern vorliegen) bereits in einem frühen Stadium der Produktentwicklung und des Vertriebs auf Seiten der Hersteller und Distributoren. Die Bedienungstechnologie kann zugunsten innovativer Produkte immer intuitiver programmiert werden, bis die mobilen, mitnehm- oder gar anziehbaren Endgeräte – Brille als Monitor und andere „wearables“, selbstfahrendes Auto etc. – dem Anwender fast alle Handlungen abnehmen. Die Mensch-Maschine-Interfaces erlauben dem Nutzer die Orientierung oder Fahrerlebnisse ohne selbst nachzudenken. Keine Science-Fiction, sondern Pläne von Google mit den Telekom Innovation Labs.




Impressionen 3 von der re:publica 2014 - Foto (C) Max-Peter Heyne



Konzentrationstendenzen auch bei den Inhalteproduzenten: Der Noch-Printriese, der Axel Springer-Konzern, stößt Druckerzeugnisse ab und investiert stattdessen ins WebTV, um eigene Online-Formate zu entwickeln. Im neuen Berliner „Studio 71“ dürfen Nachwuchstalente ihre Show- oder Infoclips mithilfe professioneller Produktions- und Postproduktionstechnik entwickeln. Eine Talentschmiede mit Christian Ulmen als Aushängeschild, das Erfolg versprechende Formate und Figuren fördert, damit der Konzern als Produzent von Infotainment im Fernsehen von morgen vertreten ist. Schon jetzt produziert man bei Springer das Web-Format Let’s play Poker, in dem User mit Stars spielen. Etablierte Onlinetalente können anschließend in den Shows der Partnerfernsehsender Pro7Sat.1 auftreten. Springer nutzt somit die vorhandenen Online-Distributionswege der Google-Tochter, während die YouTube-Channels kommerzieller werden. Experten meinen, dass auch Inhalteanbieter wie Amazon & Co demnächst Endgeräte einfach verschenken werden, um über Lizenzen wie z.B. mit dem US-Filmportal Netflix sowie Kundenabos und Flatrates zusätzliche Gewinne zu machen.



Gabriele Leidloff / Max-Peter Heyne - 20. Mai 2014
ID 7841
Weitere Infos siehe auch: http://re-publica.de/


http://mediaconventionberlin.com



 

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