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Interview

Peter Heine - Professor für Islamwissenschaft - über sein Buch
DER ISLAM



Das Interview führte Tim Farin, Büro für Stilsicherheit



„Wir erleben ein Coming-Out des Islam“

Der Islam sorgt für Konfrontationen und gesellschaftliche Spannungen, doch Wissen über diese Weltreligion ist für die Mehrheit der Gesellschaft mitunter schwer zu gewinnen. Peter Heine, seit 1994 Professor für Islamwissenschaft an der Berlinder Humboldt-Universität, hat nun eine 400-seitige Erschließung der Weltreligion vorgelegt (Der Islam, patmos, ISBN: 9783491725140, 39,90 Euro). Tim Farin sprach mit Heine über seine Motivation und seine Prognosen für die Entwicklung des Islam.

Herr Heine, wir schreiben das Jahr 625. Der Prophet Muhammad wird in der Schlacht von Uhud gegen die Mekkaner schwer verletzt, aber er überlebt. Was wäre, wenn er doch gefallen wäre?


Dann wäre sein ganzes Werk und seine Verkündung ein für uns völlig unbekanntes Phänomen der arabischen Religionsgeschichte. Nach der Schlacht hatte er noch sieben Jahre bis zu seinem Tod, in denen sein Reich sich extrem ausbreiten konnte. Und die Rolle der Weltreligion war dem Islam danach nicht mehr zu nehmen.

Spätestens seit dem 11. September 2001 bestimmt der radikale Islam die öffentlichen Diskussionen. Damals hieß es, man müsse die Religion erst kennen lernen, bevor man über ihre Probleme redet. War das Ihre Motivation, um das Buch zu schreiben?

Das war sicherlich ausschlaggebend. Wir haben eine große Nachfrage nach Büchern über den Islam. Schauen Sie in die Geschäfte: Da steht etliches über den Koran und viel über den radikalen Islam. Aber das bildet nur einen Teil einer Kultur ab, zu welcher 1,3 Milliarden Menschen gehören und die 1400 Jahre Tradition hat. Ich habe die Chance genutzt, als mein Verlag mich fragte, ob ich nicht 400 Seiten zum Islam ganz allgemein schreiben wolle.

War das nicht eine unglaubliche Herausforderung angesichts der Komplexität des Islam?

Ich habe zum Glück keine Schreibhemmungen – und mich über 40 Jahre beruflich mit verschiedenen Aspekten des Islam auseinandergesetzt. Es war eine große Herausforderung, das alles zu bündeln – und zu beurteilen, was in das Buch gehört und was nicht.

Haben Sie schon Reaktionen von Vertretern der Muslime in Deutschland erfahren?

Noch habe ich nichts gehört, befürchte aber auch nichts. Meine Absicht war schließlich, ein Buch zu schreiben, zu dem jeder Muslim sagen kann: ‚Im Großen und Ganzen stimmt das‘.

Seit einiger Zeit diskutiert man in Deutschland teilweise sehr scharf den Bau neuer Moscheen, beispielsweise in Köln. Was sagt das über den Zustand des Islam in unserem Land aus?

Wir erleben zurzeit ein „Coming-Out“ des Islam. Die Zahl der Moscheen hat sich nicht groß erhöht. Aber die Muslime treten anders auf. Ihre Präsenz ist nicht mehr vorläufig. Sie haben erkannt, dass sie auf Dauer Teil der Gesellschaft sind, daher wollen sie auch Moscheen nach ihrem Wunsch haben. Das ist grundsätzlich eine positive Entwicklung. Das mag konfrontativ wirken, stellt aber doch ein Zugehen auf die deutsche Gesellschaft dar.

Ist die Gesellschaft dafür reif?

Nein. Das ist unser Problem. Die Gesellschaft hat mit Religion grundsätzlich wenig am Hut, das gilt als Privatsache. Ein Moschee-Bau wendet sich an die Öffentlichkeit, was zu Irritationen führt. Der 11. September hat sicher dazu geführt, dass die Aufregung groß ist – wir verbinden mit Islam derzeit vorwiegend negative Erfahrungen. Andererseits sind 60 Prozent der deutschen Buchproduktion esoterischer Natur, das heißt es gibt eine enorme Nachfrage nach Religiosität. Das dürfen wir nicht verkennen.

In Ihrem Buch erwähnen Sie, dass der Kölner Kardinal Frings in den 60ern den Dom für das Freitagsgebet von Muslimen öffnete. Was wäre heute, wenn der aktuelle Kardinal so etwas entschiede?

Das steht ja nun gar nicht zu befürchten [lacht]. Die Debatten wären ganz anders. Ich könnte mir vorstellen, dass Muslime das nicht mehr wollen würden, um Konfrontationen zu vermeiden und ihre Identität zu wahren.

Sie erwähnen auch, dass Frauen beim Freitagsgebet in der Moschee selten gesehen werden. Überhaupt ist die Rolle der Frau im Islam hochproblematisch. Gibt es hier nicht Grund zum Misstrauen, gerade aus Sicht unserer Demokratie?

Es hat keinen Zweck, da etwas schönzureden. In weiten Teilen der islamischen Welt gibt es eine klare Trennung der männlichen und weiblichen Sphären, und in den niedrigen Schichten haben die Frauen oft wenige Freiheiten und Rechte. In den 60ern und 70ern gab es Phasen, als islamische Frauen selbstbewusster in die Öffentlichkeit gegangen sind. Die aktuelle Situation auch hier bei uns ist bestimmt von islamisch gekleideten Frauen im Kopftuch. Das könnte aber auch Teil des „Coming-Out“ sein und kann sich wieder ändern.

Aus der Biographie des Religionsstifters Muhammad erwuchs für alle Muslime das absolute Vorbild für ihre Lebensführung. Was bedeutet dieser Maßstab im Alltag?

Fromme Muslime kennen sich mit dem Leben des Propheten sehr gut aus. Sein Beispiel ist sehr wichtig, ein hohes Ideal, das nicht zu erreichen ist. Aber man muss es versuchen. Wenn es für Muslime eine ideale Zeit gab, dann war es die Lebzeit des Propheten, als Gott seine Gemeinschaft durch ihn leitete.

Die Hölle und das Gericht sind sehr wichtige Momente der Religion. Ist der Hang auch zum diesseitigen Richten, zur Gewalt in dieser Religion angelegt?

Es geht immer beides, das ist eine Frage der Lesart und der Auswahl aus den mehr als 6000 Versen des Koran. Es ist grundsätzlich ein Problem, medial zu vermitteln, dass der Islam eben etwas komplizierter und komplexer ist, als sich in Beiträgen von einer Minute 30 erklären ließe. Ich denke, Bücher wie meines geben da mehr Erkenntnis-Spielraum.

Digitale Medien und das Internet werden zunehmend wichtig auch für islamische Inhalte. In Ihrem Buch erwarten Sie, dass die Unübersichtlichkeit des Islam infolge der globalen Kommunikation zurückgeht. Warum?

Für die These spricht, dass bestimmte Protagonisten zu wichtigen Medienfiguren im Islam avanciert sind. Sie gelten als Autoritäten. Der Rechtsgelehrte Yusuf Al-Qaradawi zum Beispiel ist im Internet und im Satellitenfernsehen sehr präsent und vertritt orthodoxe Vorstellungen. An diese können sich Muslime leicht halten. Die globale Kommunikation religiöser Anleitung, auch auf Englisch, hilft den Gläubigen. Muslime fragen sich häufig, was richtig ist und was falsch. Je schneller sie eine Antwort haben, desto besser.

Sie erwarten auch, dass extreme Positionen dadurch zurückgedrängt werden…

…weil sie heute anders kritisiert werden können. Wir werden einen eher orthodoxen Islam bekommen. Die Ausschläge in eine extrem liberale oder extrem aggressive Art werden zurückgehen.

Welche Rolle können die islamischen Institutionen und der neue Koordinierungsrat der Muslime in Deutschland dabei spielen?

Das wichtigste ist, dass eine Sprecherinstitution entsteht. Noch müssen sie sich zusammenraufen, es dauert. Aber dann haben wir die Muslime und die staatlichen Vertreter als Gesprächspartner. Der Dialog wird formaler und verlässlicher, man weiß dann, was man einander zumuten kann. Im Austausch der Positionen auf demokratischem Fundament wird sich der Islam zu einer weiteren, normalen Religion entwickeln, davon bin ich fest überzeugt.

Tim Farin, Büro für Stilsicherheit / 21. Novwember 2007
ID 00000003556
Tim Farin
Diplom-Politikwissenschaftler (Uni Hamburg), Redakteur (DJS)

Büro für Stilsicherheit
Lichtstraße 38
50825 Köln
0221 933 4207
0178 274 1502
Fax 0221 933 4211
tim.farin@stilsicherheit.com
www.stilsicherheit.com




Siehe auch:
http://www.stilsicherheit.com





 

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