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Interview

"Du kommst als Fremder und gehst als Neuköllner."

Das wunderbare Neukölln des wunderbaren Reinhold Steinle


Herr Steinle steht für Neukölln. Hier an der Litfaßsäule am Café Selig. | Foto (C) Arnd Moritz


Reinhold, Du bist ein Schwabe in Berlin. Und deine Botschaft ist das andere Neukölln, wie du es auf deiner Internetseite bezeichnest. Welches Neukölln meinst du damit?

Reinhold Steinle:
Ja, also, ursprünglich hab ich damit das Neukölln gemeint, das neben den negativen Schlagzeilen in der Presse auch propagiert wird. Dieses andere Neukölln, in dem es jetzt einen großen Wandel mit neuen Ansiedlungen gibt.


Was hat dieses andere Neukölln, das einen Schwaben so zu faszinieren vermag, wie es bei dir der Fall ist?

RS:
Das hat was Multikulturelles, das hat was Unaufgeräumtes, das hat was Improvisiertes, das hat zum Teil was Chaotisches, zum Teil was Deprimierendes, zum Teil was Signatives, zum Teil was Mürrisches, zum Teil was Innovatives, zum Teil... zum großen Teil was Kreatives. Und das find ich ganz toll.


Wie kam es dazu, dass du dich für Neukölln so sehr zu interessieren begannst, dass du dein gewonnenes Geschichten- und Geschichtswissen über diesen Bezirk in deinen Führungen weitergeben möchtest? Warum ausgerechnet Neukölln?

RS:
Ja, das hat zwei Gründe. Also ich hab hier mal gewohnt. Hier ganz in der Nähe, 200 Meter weiter, in der Schillerpromenade. Und ich hab, ich glaube, es war 2004, eine Führung für "48 Stunden Neukölln" gemacht. Es waren 5 Teilnehmer, die an dieser kostenlosen Führung teilgenommen haben. Ich hatte keinerlei Wissen über Neukölln, so hab ich mich vorher über die Wikipedia schlau gemacht. Dieses Wissen aber hab ich den Leuten wohl so toll erzählt, dass sie zwei Stunden mit mir mitgegangen sind, und da hab ich gemerkt, holla, ich bin Experte der Vermittlung, nicht vom Wissen, das Wissen kam danach.


Du nimmst deine Zuhörer nicht nur auf Entdeckungstour durch Neukölln mit, sondern auch in die Hörbuchwelt und Kleinkunst. Betrachtest du Neukölln als geschichtsreiche Bühne des Darstellers Reinhold Steinle oder deine Darstellungskunst als ein Ziel deines Weges durch Neukölln?

RS:
Da merk ich die Beschränkung von meinem Intellekt. Das versteh ich beides nicht, aber es klingt als Frage großartig.


Auf die 5 Ortsteile des Bezirks Neukölln verteilen sich 8 Kieze. Welcher ist der für dich interessanteste, und warum ist er es?

RS:
Na, also die Frage ist völlig falsch. Neukölln besteht aus 5 Ortsteilen. Das ist richtig. Neukölln, Britz, Buckow, Rudow und Gropiusstadt! Aber die sind ne Erfindung vom Quartiersmanagement, letztendlich. Du kannst nicht historisch von einem Schillerkiez sprechen oder von nem Reuterkiez. Das sind die Quartiersmanagements. Also, das hat wirklich nix damit zu tun. Ähm, das Interessanteste ist für mich eigentlich immer der, wo ich die neueste Führung mach, weil, da formt sich noch vieles. Also, es hat was mit der Führung zu tun. Und "Kiez" also ist nicht wirklich richtig.


Deine Führungen sind fesselnde Erlebnistouren, die zu weiteren einladen. Es scheint, Neukölln lebt in dir. Deshalb noch einmal: Was an Neukölln berührt dich so tief, dass dieser Stadtbezirk in dir förmlich zu leben beginnt und du zu dem guten Botschafter Neuköllns werden konntest?

RS:
Ja, da erzähle ich eine Anekdote: Ich war 16 Jahre alt und bin mit dem Bus von der Heilbronner Gegend, woher ich stamm, nach Berlin gefahren zur Internationalen Funkausstellung (in Klammern: hab dort auch Hans Rosenthal live gesehn und Thomas Gottschalk in den Katakomben, und er fuhr sich schon damals durch sein Haar, durch das lockige Haar. Gut, Klammer zu). - Und da haben sich zwei Berliner Steppkes, unterhalten. Und der eine hat den anderen gefragt: Kommst du auch aus Berlin? Kann jetzt kein Berlinisch, und da hat der andere gesagt: klar, ich komm aus Neukölln. Ein ganz lapidarer Dialog. Dieser Dialog hat sich irgendwie bei mir eingebrannt. Anders kann ichs nicht sagen. Und als ich dann nach Berlin gezogen bin, 87, wo zieh ich hin? Nach Neukölln! Also ists eher ne psychoanalytische Erklärung als eine rationale.


Gibt es Ecken und Kanten in Neukölln, die du in deinen Führungen aussparst?

RS:
Na ja, ganz viele. Na ja, ich kann ja nur nen kleinen Teil zeigen. Also, eigentlich bräucht ich zwei Leben, wenn ich ganz Neukölln führungsmäßig erschließen wollte. Einen Kiez im Jahr schaff ich. Also ein Gebiet im Jahr. Mehr nicht.


Möchtest du in Neukölln leben und wenn ja: in welchem Ortsteil oder Kiez?

RS:
Hm, also ich hab ja hier gewohnt, also nee, möcht ich nicht, wobei, wenn ich älter werde, werden sollte, könnt ich mir schon Britz vorstellen, so als Altersruhesitz. Das muss ich sagen, dass die Anfahrt nich mehr so weit wäre.


Hat Britz die Ruhe, die du dir für deinen weisen Lebensabschnitt...

RS:
Ja, die hat sie. Ja, und so was brauch ich. ich brauch beides. Also, ich brauch Leben und ich brauch viel Ruhe.


Du warst lange Stammgast, zusammen mit Herrn Dr. Konrad Übelhack, in der ALex-TV-Sendung B-Mix, die hauptsächlich im Club der polnischen Versager aufgezeichnet wurde. Was reizte dich an B-Mix, und warum hörtest du dort auf?

RS:
Ja also, weil es Bestrebungen gab, das professioneller zu machen und aufzuziehen. Was mich gereizt hat, war dieses total Anarchische. Man kommt en paar Minuten vorher an, man kennt die Leute nich, man hat sich auch nich groß mit dem Thema beschäftigt, des warn oft sehr interessante Leute, die eingeladen wurden - des "oft" möcht ich wegstreichen, weil alle Menschen sind interessant, was ist denn das für ne Auswahl? - Äh, also, das fand ich einfach großartig, und man musste nichts leisten, man musste nur dumm schwätzen, und das fand ich toll, weil, ich hab ja gewusst, wenn ich dummschwätze, Dr. Konrad Übelhack ist immer auf der Höhe mit dem Thema, ganz toll intellektuell, und das fand ich einfach faszinierend bei diesem Menschen.


Das Symbol deiner Neuköllnbotschaft ist die Gerbera, eine Blume afrikanischen Ursprungs, die überall dort wächst, wo es sonnig und schön ist, und durch die auch alles schöner wird. Was muss in Neukölln schöner werden, damit sich hier die Gerbera heimisch fühlen kann?

RS:
Also ich würd so sagen, also äh, ich hätte nichts dagegen, wenn die jungen Leute langsam wieder weiterziehen würden und wo anders einen IN-Bezirk machen würden. Also, ich hab einfach Angst, dass sich Neukölln zu sehr ins Kommerzielle verändert, und das finde ich schade.


Wo und womit muss deiner Meinung nach begonnen werden, damit Neukölln der Gerberabezirk Berlins wird?

RS:
Na ja, also ich bin ja auch ein Teil der Gentrifizierung, indem ich Führungen anbiete. Aber es muss, das ganz Wichtige, ein Mietenstop, das muss unbedingt her. Und ich würd auch, also da wär ich restriktiv, nicht in jedes Haus unten ein Café reinsetzen lassen wollen. Des wollt ich auch nicht. Also des sind so Sachen, wo ich dann denk, nee, es darf kein Prenzlberg werden. Das würd mir sträuben. Das heißt nicht, dass ich es so möchte wie es vorher immer alles war. Das auch nicht. Aber nich so was total Durchkommerzialisiertes, Durchorganisiertes, Langweiliges.


Welche ist die Kernbotschaft über Neukölln, die du verbreitet wissen willst?

RS:
Da sind mehrere. Also erst mal, dass Menschen aus 150 Staaten hier zusammenleben können, oder auch nebeneinander her, ohne dass es so gewalttätig ist, wie es sooft propagiert wird. Also, dass es sehr wohl möglich ist, und das ist auch für mich eine Bereicherung, dass es so multikulturell ist. Und was ich nicht missen möchte, sind die ganzen Künstler hier in Nord‑ Neukölln. Das wär ganz traurig, wenn die hier nicht mehr wären.


Siehst du den gesellschaftlich gewollten Multikulti-Gedanken in Neukölln gescheitert oder gibst du ihm mit der Kraft und Liebe der roten Gerbera eine Zukunft?

RS:
Ja na klar. Alles ist auf dem Weg. Das ist ja kein Endprodukt, wo man sagen kann, jetzt ists geschehen. Da gibts noch viel zu tun. Aber ich seh das Ganze als Weg, nicht als Ziel in dem Sinn.



Herr Steinle setzt auf Neukölln. Hier übereinander im Café Selig. | Foto (C) Arnd Moritz


Erhältst du nach deinen Führungen Rückmeldungen von deinen Teilnehmern, die ihre Begeisterung für diesen Stadtbezirk nachempfinden können, oder aber der Begeisterung Reinhold Steinles auch durch enttäuschte Rückmeldungen Grenzen setzen?

RS:
Nee, enttäuschte weniger. Ich verbinds eher damit, dass die Leute froh sind, dass jetzt die Führung beendet ist, und ich wieder die Zeit maßlos überzogen hab und die einfach so was von erschöpft sind. Ich glaub aber, ich setz da so auf son Nachwirkungseffekt, paar Tage später, dass sie sich vielleicht dann doch ertappen zu sagen: och da fahrn wir noch mal hin.


Neukölln ist ein Bezirk mit geringstem Durchschnittsalter der Einwohner. Demzufolge bereiten typische Jugenddelikte hier auch die größten Probleme. Obwohl Mitte statistisch der gefährlichste Bezirk Berlins ist, gerät von Mal zu Mal ausgerechnet Neukölln in den Fokus öffentlicher Betrachtung. Gibt es eine mediale Neukölln-Verschwörung?

RS:
Verschwörung würde ich nich sagen, aber es ist halt so, wenn mehrere Zeitungen diesen negativen Aspekten da so viel Raum geben, dann schließen sich andere an, und dann ists ganz schwierig, dass dann der erste Artikel mal kommt, wo was Positives oder mal ne andere Sicht reinkommt.


Dein Wissens-, Bild- und Text-Fundus bezüglich Neukölln wächst ständig. Diese deine Info‑ Datenbank sollte unbedingt dauerhaft für alle erhalten bleiben. Deshalb: hast du schon einmal daran gedacht, all dein Neuköllnwissen in einem Buch zusammenzufassen?

RS:
Nee, ich bin nich so der Historiker dafür. Aber die DVD, wo ich da immer all meine Sicherheitskopien mach, die kriegt mal das Museum Neukölln, das ist mal klar. Also das ist schon sicher.


Hast du schon einmal mit Heinz Buschkowsky zusammen in der Hasenheide eine Blutwurstschrippe aus der Blutwurstmanufaktur zu einem Glas Rollberger Helles genossen?

RS:
Also meine Antwort darauf ist ganz konkret, dass Frau Dr. Giffey, die Nachfolgerin von Heinz Buschkowsky, vor Jahren schon mal an einer Führung von mir teilgenommen hat, und das hat mir große Freude bereitet. Punkt. Des ist genau die Antwort darauf.


Mit welchem der zahlreichen bekannten Gesichter Neuköllns würdest du oder hättest du dich gerne einmal unterhalten?

RS:
Ja, da gibts eins: Littke-Carlsen. Der war Künstler, hat aber nicht in Rixdorf gewohnt, aber hat wohl im Laufe seines Lebens 10 000 mal den "Rixdorfer" getanzt mit einer Puppe. Und zwar ist der auf Tournee gegangen in ganz Deutschland, und der war von New York bis Moskau, von Stockholm bis Odessa mit dieser Puppennumer unterwegs und hat den "Rixdorfer" getanzt "In Rixdorf ist Musike", und mit dem hätt ich mich unheimlich gern mal unterhalten.


Welche Ecke in Neukölln ist für dich die neuköllnischste?

RS:
Das ist ne gute Frage, aber die ist ganz schnell... Das ist die Karl-Marx-Straße, ganz klar. Da ist alles komprimiert. Da sind die Handyläden und die Dönerbuden, 2 Currywurstbuden und die Ein‑Euro‑Geschäfte und die 1000 Bemühungen, Neukölln zu verschönern.


Gibt es was, was du den Lesern von KULTURA-EXTRA noch über Neukölln oder über dich oder über beide jetzt mitteilen möchtest?

RS:
Unbedingt mal nach Neukölln herkommen und an einer Führung von mir teilnehmen. Was Wichtigeres fällt mir dazu nicht mehr ein.


Lieber Reinhold, Ich danke dir für die Ehre dieses Interviews.

RS:
Das war keine intellektuelle Hochleistung von mir, aber es war doch prima. Außer die eine Frage, die hab ich nicht gewusst.
Interviewer: Arnd Moritz - 17. April 2015
ID 8576
Weitere Infos siehe auch: http://www.reinhold-steinle.de/


Post an Arnd Moritz

http://www.arndmoritz.de



 

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