ATTACCA GEISTESGEGENWART. MUSIK
Konzert und Diskurs am 15.3.2002 in der Stuttgarter Hochschule für Musik
Der Diskurs
Geistesgegenwart war vom Publikum gefordert und wurde auf unterschiedliche Art und Weise belohnt.
Umrahmt vom musikalischen Angebot präsentierte Dietrich Brants, Redakteur der Sendereihe "SWR2 Forum", in der Gesprächsreihe "Kulturverlust - Bürgerliche Verarmung oder ein Glücksfall?" drei prominente Gäste aus Politik, Wissenschaft und Kunst zum Thema: "Wozu Kultur?".
Die Gäste waren die ehemalige Kultursenatorin Berlin Adrienne Goehler, der Direktor der Akademie Schloss Solitude Jean-Baptiste Joly und der Experte für Literaturwissenschaft und Medientheorie Professor Jochen Hörisch.
Frau Goehler, die sich im Laufe des Diskurses auf die von den Gesprächsteilnehmern erwähnten Aspekte einließ, überraschte mit einer kurios wirkenden Schlussbemerkung, in der sie den Sinn der Diskussion und somit auch ihre Teilnahme am Diskurs in Frage stellte.
Das Publikum reagierte belustigt mit Applaus. Die Kritik über den abgehobenen und unverbindlichen Gedanken-Austausch, der den Charakter eines Glasperlenspiels für die mittlere und ältere Generation hatte, mochte einen berechtigten Ansatz haben.
Trotz des Plaudertons gaben die Gesprächsteilnehmer interessante "konstruktive" Hinweise auf den Facettenreichtum des Themas.
Zwar erwies sich die mangelhafte Begriffsbestimmung und die wenig konkrete Vorgabe der Fragestellung "Wozu Kultur?" als unzureichende Grundlage für ein zielorientiertes Gespräch, doch befriedigte den Gesprächsleiter und zumindest einen großen Teil der Zuhörer die Erkenntnis: "Gut, dass wir darüber gesprochen haben".
Nach Ansicht der ehemaligen Kultursenatorin war die Gesprächsrunde lediglich die "Selbstbefriedigung" einer öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt.
Nun - die Suche nach Antworten, die das Gewicht von Lösungsvorschlägen im Zusammenhang mit den aktuellen Problemen von Kunst und Kultur sowie einen praktischen Wert den Kulturbetrieb unserer Gesellschaft darstellen, durfte niemand ernsthaft erwartet haben.
Nicht nur wegen des knappen Zeitrahmens änderten auch die kompakt-fundierten und erhellenden Ausführungen von Professor Hörisch und die sympathischen Hinweise des Herrn Joly zur Mentalität des französischen Kultur nichts am Torso des Diskurses.
Die Musik
Die stimmige musikalische Programmgestaltung entsprach dem Titel des Abends, wobei der Begriff GEISTESGEGENWART besondere Betonung fand.
Den Ausgangspunkt der Exkursion zeitgenössischer Musik bildeten die Komponisten Pierre Boulez und György Ligeti.
Vom französischen Meister Boulez, der 1976 das Ensemble Intercontemporain gründete und 1977 bis 1991 Pariser IRCAM (Institut de Recherche et Coordination Acoustique Musique) leitet, war "Incises" (Einschnitte), ein kontrastreiches Klavierstück aus den Jahren 1993/94 zu hören. Am Klavier saß der 1957 in Lyon geborene Pierre-Laurent Aimard, der bereits als 19jähriger von Boulez zum Solopianisten des Ensemble Intercontemporain ernannt wurde.
Der Franzose Aimard gilt als unumstrittener Kenner des Klavierwerks György Ligetis, eben jenem Komponisten, der sich unter anderem auch mit der Musik seines Kollegen Boulez sehr intensiv beschäftigte. Mit einer Auswahl von Ligetis Etüden für Klavier konnte der kompromisslose und gleichermaßen souveräne Aimard ebenso beeindrucken wie mit "Kosmos", einem frühen Musikstück von Peter Eötvös für Klavier solo.
Peter Eötvös wurde 1979 für zwölf Jahre Nachfolger von Boulez Ensemble Intercontemporain.
Das Ensemble Intercontemporain glänzte unter der Leitung von Pierre-André Valade mit der deutschen Erstaufführung von "Barbarismes - Trilogie de L'an mil", einem Musikstück für Instrumentalensemble und Elektronik. Der Komponist Pierre Jodlowski war 1979 selbst IRCAM-Stipendiat
Einen wichtigen Schwerpunkt des Musikprogramms bot das swr Vokalensemble Stuttgart. Mit "Flora Tristan" für gemischten Chor a cappella erklang ein Werk von Louis Andriessen aus dem Jahr 1990. Das Chorwerk thematisiert das Schicksal der gleichnamigen französischen Frauenrechtlerin und Sozialistin.
Als Höhepunkt darf die bemerkenswerte Uraufführung einer Auftragskomposition gewertet werden, die der swr an den 1963 in Braunschweig geborenen Komponisten Bernfried Pröve vergab. Der überaus vielseitige Tondichter steht damit in der imposanten Tradition von Uraufführungen namhafter Komponisten wie Wolfgang Rihm, Karlheinz Stockhausen, Helmut Lachenmann, Isang Yun, Mauricio Kagel, Hans Zender und bekannter Komponisten der nachfolgenden Generation, die für das Ensemble Werke schrieben.
In der Person Pröves, der an Kursen für Komposition bei Ligeti teilnahm und ein Dirigierstudium bei Eötvös und seine Promotion unter anderem am IRCAM absolvierte, schließt sich die lobenswerte Dramaturgie des Konzertabends und die Logik der Personalkette. Seine "Hommage á Kurt Schwitters für 36 Stimmen und obligatem Schlagwerk" verdient auch aus einem weiteren Grund besondere Erwähnung:
Unter der Leitung des in den USA geborenen Gary Graden passierte dem erfahrenen Dirigenten das Missgeschick, sich in der Partitur zu verblättern.
Nachdem das Werk und der anwesende Komponist Pröve mit freundlichem Beifall bedacht wurden, hielt Gary Garden eine kurze Ansprache an das Publikum, bedauerte seinen Patzer und ließ das Vokalwerk stehenden Fußes wiederholen.
In der Wiederholung machte nicht nur der Dirigent seinen Fehler gut, sondern auch die wesentlich gesteigerte Leistung des scheinbar nun vom Druck der Uraufführung befreiten swr Vokalensemble Stuttgart machte deutlich, weshalb den Ausführenden so viel an den Feinheiten und Schönheiten des außergewöhnlichen Musikereignisses lag.
Auf gewohnt hohem Niveau und mit erstaunlicher Präzision entführten die Interpreten im zweiten Anlauf in die spannend schillernde Welt der Klangfarben.
Ein anstrengender, aber lohnender Konzertabend in der Stuttgarter Hochschule für Musik.
v. - red / 20. März 2002
Die Konzertteile werden am 2.7.2002 um 19.05 Uhr in SWR 2 gesendet.
Der Diskurs wird in SWR 2 am 25.3.2002 um 17.05 ausgestrahlt.
An die Leser von Kultura-Extra:
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