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FEUILLETON: Oper

Mitleid mit einem wissenschaftlichen Artefakt

Musikalisch fulminant: Janáceks "Die Sache Makropulos" am Oldenburgischen Staatstheater


Das Gros des Publikums in Oldenburg scheint es mit Kurt Honolkas wenig schmeichelhafter Charakterisierung der "Sache Makropulos" als "äußerst unlyrischer Konversationsoper" mit lediglich "respektabler Trotzdem-Musik" zu halten: Im schwach besetzten Parkett nutzten einige Zuhörer noch vor der Pause die erste sich bietende Gelegenheit für einen unauffälligen Abgang; die bis zuletzt Zurückgebliebenen vermochten sich nur zu einem kurzen Höflichkeitsapplaus aufzuraffen. Am Staatstheater mag man sich damit trösten, dass Oldenburg mit solchen Erfahrungen nicht alleine dasteht. Die zurückhaltende Aufnahmebereitschaft des Publikums gegenüber den Opernschöpfungen des mährischen Meisters stellt ein fortdauerndes Ärgernis dar. Dies gilt besonders für sein schwierigstes Werk "Die Sache Makropulos" - Janáceks Vermächtnis für das 21.Jahrhundert.

Mit seiner vorletzten Oper hat Janácek eine in der Tat ‚unerhörte' Musik zu einer ebenso ungeheuerlichen Handlung nach einer Komödie von Karel Capek hinterlassen: Die ‚Sache', um die es geht, ist die Formel zu einem Lebenselixier, das Anno 1601 an Elina Makropulos im Rahmen eines wissenschaftlichen Experiments ausprobiert wurde. Nach über 300 Jahren beginnt die Wirkung der Arznei nachzulassen. Um ihr Leben nochmals zu verlängern, versucht sich Elina, die Probandin, wieder in den Besitz der verloren gegangenen Formel zu bringen, womit sie einen Reigen grotesk-tragikomischer Begebenheiten eröffnet. Die innere Handlung der Oper ist um die seelische Befindlichkeit einer äußerlich jungen und schönen Frau zentriert, die alles schon einmal erlebt hat, für die alles leer und sinnlos geworden ist, die keinerlei Liebeshoffnung mehr antreibt, kurz die durch die Option eines ewigen Lebens in ein emotionales Nichts gestürzt wurde.


Noch gerät der Rationalismus des Anwalts Dr. Kolenaty nicht ins Wanken, als mit Emilia Marty alias Elina Makropulos das Mystische sich des Kanzleialltags bemächtigt. Tadeusz Galcuk als Kanzleiangestellter Vitek und Henry Kiichli als Anwalt Dr. Kolenaty neben der Elina Makropulos von Ks. Marcia Parks.

Diese Handlung rührt natürlich an den Lebensnerv der Gattung Oper, der es bekanntlich um die Beschwörung der Macht der Gefühle zu tun ist. Ironischerweise ist Elina, das wissenschaftliche Artefakt, auch noch eine Operndiva und damit von Berufs wegen Sachwalterin der ganz großen Gefühle. Einer solchen Handlung ohne intakte ‚natürliche' menschliche Empfindungen lässt sich nicht mehr mit den Heldinnen-Kantilenen aus "Jenufa" oder "Katja Kabanova" beikommen. In der "Sache Makropulos" bedient sich Janácek für den Orchesterpart einer Rastertechnik, in der die ausgedörrten Partikel einer atomisierten Volksmusik zu Klangwüsten ausgebreitet werden, aus denen zumal in Elinas Gesang die Fata Morganen echter Gefühle gleißend aufragen. Mit schockierender Schärfe antizipiert die Musik eine Zeit, in der die Möglichkeit des Gefühls selber als identitätsbildendes Reservat des Individuums zu verschwinden droht. Damit wird das 1926 uraufgeführte Werk, das nominell der Klassischen Moderne angehört, zur Gegenwartsoper par excellence!

Die philosophisch-zeitdiagnostischen Dimensionen der Oper finden musikalisch mit GMD Alexander Rumpf, dem Oldenburgischen Staatsorchester und Ks. Marcia Parks beredte Interpreten. Mit Verve gehen Rumpf und das Orchester die enervierend leere und zugleich doch aufpeitschende Motorik an, mit der die Musik die Zuhörer von den ersten Takten des Vorspiels an nahezu anspringt. Immer wieder fasziniert Rumpfs ausgezeichneter Sinn für Agogik bei der Interpretation des musikalischen Materials. So wird ein großartiger Spannungsbogen aufgebaut und bis zu den letzten Takten durchgehalten. Die bizarren Schroffheiten in der Instrumentation präsentiert das Orchester mit einer überraschenden Geschmeidigkeit, ohne je bei spätromantischen Umbiegungen des Klanges Zuflucht zu suchen.

Ein kurzes Aufleuchten von Gefühlen: Elina (Ks. Marcia Parks) und der sympathisch vertrottelte Graf Hauk-Schendorf (Joachim Siemann), dem nach 50 Jahren seine Jugendliebe in scheinbar unversehrter Gestalt wiederbegegnet.

Die enorme vokale Gestaltungskraft, mit der sich Ks. Marcia Parks die Titelpartie erobert hat, lässt den Zynismus, die Illusionslosigkeit und auch die Verzweiflung Elinas auf beklemmende Weise spürbar werden. Vor allem aber transportiert Parks' Erlösungsgesang der sterbenden Diva die Botschaft, auf die es dem Humanisten Janácek ankommt, nämlich Mitleid für das vereinsamte Opfer hybrider Unsterblichkeitsphantasien zu erwecken. Die Elina umschmeichelnde Männerwelt, für die Janácek analog zum egoistisch verstümmelten Gefühlsleben der Charaktere gespenstische musikalische Ruinen menschlicher Leidenschaften komponiert hat, wird von Peter Vincents lyrischen Albert Gregor angeführt. Ks. Bernard Lyon verleiht dem Jaroslav Prus seinen sonoren Bariton. Mit prägnanter Deklamation gewinnt Henry Kiichli der trockenen Partie des Anwalts Dr. Kolenaty ein Höchtsmaß an Ausdruck ab.

Das Ergebnis der szenischen Einrichtung durch Mark Zurmühle fällt ambivalent aus. Der Regisseur überzeugt zwar mit psychologisch differenzierter Personenführung, unterstreicht schlüssig die grotesk-komischen Momente der Schauspielvorlage Capeks und findet besonders im Zusammenhang mit den Begegnungen zwischen Elina und Christa, einer jungen Verehrerin der Sängerin, die am Ende die ihr von Elina überlassene Formel vernichtet, Bilder von anrührender Poesie. Doch der ganz große Wurf will Zurmühle nicht gelingen, was hauptsächlich daran liegt, dass er die Brisanz, die der Oper gerade in den letzten Jahren vor dem Hintergrund der Entwicklung der Gentechnik zugewachsen ist, ignoriert. Immerhin ist das Werk nicht weniger als "eine Widerlegung der Utopien wissenschaftlichen Fortschritts" (Ewans): Gleichzeitig mit Elinas Tod wird die ‚Sache' mit den letzten Takten vom Orchester zermalmt. Das will szenisch kommentiert sein. Bei allem Lamento über die Blüten des Regietheaters, diese Oper verlangt nach einem Regisseur, einer Regisseurin mit dem Mut zur provozierenden Stellungnahme, die Aktualität nicht nur daran erkennbar werden lässt, dass sie die Darsteller in zeitnahe Kostüme steckt. Der Inszenierung entsprechend zweckmäßig, aber unspektakulär wirkt auch das eine welke Atmosphäre beschwörende karge Einheitsbühnenbild von Eleonore Bircher. Die verbreitete Indifferenz des Publikums hat die szenisch zwar etwas zu harmlose, dank eines elektrisierenden Orchesterklangs und einer perfekt singenden Elina aber äußerst hörenswerte Neueinstudierung der "Sache Makropulos" am Oldenburgischen Staatstheater jedoch auf keinen Fall verdient.

Chr. T. - red / 13. Mai 2003
Abbildung: (C) Jörg Landsberg 2003 mit Genehmigung des Oldenburgischen Staatstheaters

Der letzte Vorstellungstermin ist der 24.Mai.
Kartentelefon: 0441/2225 111

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