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maerzmusik.copyright.www.berliner festspiele.de 2007

MaerzMusik 2007

Festival für aktuelle Musik der Berliner Festspiele vom 16. bis
25.03.07

Alpenmusik – Stadtmusik - Turmmusik



„`Ein Ort beginnt Alles (Williams)`. Jeder beginnt an einem Ort. Ein Ort beginnt Jeden. Dinge machen einen Ort. Erde, Bäume, Steine, Luft, Wetter, Jahreszeiten, Bräuche, Laute, Dialekte, Lieder, Musik. Die Dinge, die einen Ort machen, machen auch den Menschen. Der Ort macht den Menschen, und der Mensch macht den Ort.“
(Walter Zimmermann aus Inselmusik, Köln 1981)



Wenn die Sennen mit ihren Chuehlis auf die Alp ziehen, und in Berlin die Forsythien blühen, dann ist die Zeit reif für den musikalischen Frühling in der Metropole.

Er wird auch dieses Jahr zum 6. Mal mit dem Festival für aktuelle Musik eingeläutet.
11 Tage lang bieten die Berliner Festspiele eine Plattform für vielfältige Strömungen zeitgenössischer Musik. Circa 40 verschiedenen Veranstaltungen werden präsentiert,von Orchestermusik, Musiktheaterproduktionen, Kammermusik bis hin zu Hardcore Chambermusik und der Filmreihe "Lokale Musik aus der Schweiz" .

Dieses Jahr kommen auch die Sennen zu Wort und die Chuehlis, die Jodler und die Alphörner.

Unter dem Motto Alpenmusik – Stadtmusik – Turmmusik wird das dialektische Spiel der sich nur scheinbar widersprechenden Pole beleuchtet: Ursprung und Moderne, das Ländliche und das Städtische, die Alpen und die Metropole, die Bet-rufe des Appenzellerlandes wie bei Cyrill Schläpfer und die durchstrukturierten Kompositionen eines György Ligeti. Die beiden Pole kontrastieren, ergänzen sich und letztendlich verschmelzen sie auch, und das nicht nur bei der Musik von Stimmhorn.
Der Turm ist in diesem Konzept der metropolitane Montblanc. Ein Gipfel, der Macht und Kontrolle bedeutet, aber auch Isolation und Kommunikation. Einen musikalischen Ausdruck davon präsentiert unter anderem Moritz Gagern mit einer Komposition im Berliner Fernsehturm am Alexanderplatz.


Kultura-Extra berichtet von der Eröffnung des Festivals am 16. März, der Raum-und Konzertinstallation fichten. von Klaus Lang und Claudia Doderer, sowie dem mit diversen Preisen ausgezeichneten Duo Stimmhorn mit premier cri, dernier souffle. Zwei Konzerte, wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Zudem haben wir mit Klaus Lang ein Interview geführt, in dem der aus Graz stammende Komponist einem jegliche Illusionen, seine mystischen Klänge betreffend, raubt.
Ein kurzer Bericht über „lokale Musik aus der Schweiz – Ur-Musig von Cyrill Schläpfer“ rundet den Themenkomplex ab.

Ein weiterer Schwerpunkt wird Querklang sein, experimentelles Komponieren an der Schule, ein Projekt der Universität der Künste Berlin. Es wurde bereits zur MaerzMusik 2004 vorgestellt. Dieses Projekt ist leider eine der wenigen tatsächlichen Umsetzungen der Idee einer Vermittlung von zeitgenössischem musikalischem Material im Rahmen von Maerzmusik.
Schülerinnen und Schüler Berliner Schulen entwickelten gemeinsam mit Musikschaffenden und Musikstudierenden eigene Kompositionen.
Wir haben mit den Schülern und Schülerinnen dieses Projekts gesprochen und uns gleichzeitig die Frage gestellt, warum im Bereich der so genannten sekundären Vermittlung aktueller Musik auch für Erwachsene so wenig getan wird. Würde eine Öffnung vielleicht eine Bedrohung darstellen? Ist es womöglich Angst vor Überfremdung durch die kulturelle Trivialität des Prekariats? Ein Essay dazu wird in den kommenden Tagen erscheinen.





fichten.copyright www.berliner festspiele.de 2007
Klaus Lang fichten.
für großes Orchester und Rauminstallation (2006)
deutsche Erstaufführung


fichten. wurde als Auftragswerk im Rahmen des steirischen Herbstes 2006 uraufgeführt.



Mit weißen Einwegsocken betreten die Zuhörer und Zuhörerinnen den Konzertsaal und können sich zunächst nicht deutlich verorten: Die Raumkunst von Claudia Doderer lässt keine Stühle zu, dafür eine große Matratze. Das Publikum sitzt oder liegt im Zentrum des Saales. Aus der Liegefläche heraus ragen vertikal, leicht zueinander geneigte Stahlseile empor. Es ergibt sich gerade auch durch den Titel der Komposition fichten. die Vorstellung eines Waldes, der nun von Menschen belagert wird. Das Publikum befindet sich nach Claudia Doderers Konzeption nicht nur in Zentrum des Raumes, sondern auch im Zentrum des Klanges: Das aus knapp 90 Musikern und Musikerinnen bestehende Orchester ist wie ein Rahmen um den Publikumsraum gesetzt, quasi quadrophon. Die Orchestergruppen sind durch halbdurchsichtige Wände vom Zuschauer getrennt. Die Bedingungen laden zum Entspannen ein und zur Konzentration weniger auf die Musiker als auf die Musik. Dadurch verschwindet das Befremdliche und weicht einem in sich gekehrt sein des einzelnen. Ein Bier wäre jetzt genau das richtige.
Der gestresste Zahnarzt macht es sich auf der Matratze bequem, streckt die Beine aus und schließt die Augen. Er weiß, was ihn erwartet. Ein Wellness-Programm für den schwerhörigen Großstädter oder

mystische Klänge von der ungeheuer langen Zeit der Berge:

Auch wenn Klaus Lang, der gebürtige Grazer, kein Patriot ist, so ist das Sein in der Natur, in den Alpen für ihn wesentlich. Deren Größe, Masse und Unendlichkeit führten zur Partitur. Fichten. der Titel der Komposition ist die sprachliche Metapher dafür.


Es ist eine Komposition ohne Melodie und Rhythmus. An deren Stelle tritt vor allem die Klangfarbe als entscheidender Parameter. Fichten. ist ein kontinuierliches Klanggeschehen ohne Pausen. Alles ist im Fluss. Aus einzelnen Tönen werden Klangflächen und diese wiederum zeigen sich in ihren Einzelheiten. Dabei werden Klänge geschaffen, die dem an Traditionen gewöhntem Ohr manchmal erstaunlich harmonisch erscheinen. Alles geschieht sanft und unmerklich. Dissonanzen sind ausdrucksstark aber drängen sich nicht auf. Klaus Lang kraftmeiert nicht, er liegt eher auf der Lauer.
Perkussive Elemente wie die Pauke sind selten, aber deutlich und klar gesetzt. Es ergibt sich alles in allem eine weiche Komposition mit unterschiedlichen nuancierten Klangfarben.
Nicht nur durch die Anordnung in verschiedene Orchestergruppen um das Publikum herum, schafft die Komposition einen musikalischen Raum. Auch durch die Klänge selbst wird eine akustische Tiefe und Ferne geschaffen. Der Klang der menschlichen Stimme zum Beispiel, kaum hörbar, scheint aus der Ferne zu kommen.

Die Partitur ist streng konstruiert und dennoch mystisch.

Fortschreitende, fast unmerkliche Veränderungen von Klangstrukturen scheinen sich stets zu wiederholen.

Es entsteht ein Gefühl der Zeitlosigkeit.

Vergangenheit und Gegenwart der Musik verschmelzen. Zeit ist außer Kraft gesetzt. Die zeitlose Musik fließt durch die Gehörgänge und vernebelt das Bewusstsein. Ohne eine Antwort geben zu können, fragt man sich, ob man gerade für ein paar Sekunden weggenickt ist. Die Lichtinstallation greift die verzerrte Zeitwahrnehmung auf und verstärkt sie durch sanfte und dennoch deutlich spürbare Veränderungen des Lichtes im Publikumsraum, von gedämpft, dunkel bis hell, wird man fast in einen tranceartigen Zustand versetzt. Weiche Überlagerungen von Klangfarben. Ab und an durch die Klarheit einzelner Töne, die sich aus den Feldern rauskristallisieren, ergeben sich Momente des Wachseins bis wieder alles im Fluss begriffen ist.

Die Tempi des Verdauens sind beim Publikum unterschiedlich. Gerade die Wirkung von fichten. ist eher eine indirekte, nachhaltige - verhaltener Applaus, als am Ende des Konzerts Klaus Lang den Raum betritt. Die klangliche Faszination erschließt sich erst, wenn die alltäglichen Geräusche allmählich zurückkehren.

Dann kommt die Erkenntnis, dass nicht nur die Klänge im Fluss waren, sondern auch man selbst.



maerzmusik. copyright www.berliner festspiele.de 2007



ID 00000003070

Weitere Infos siehe auch: http://www.berlinerfestspiele.de





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