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Opernkritik

2. Mai 2008, Deutsche Oper Berlin

JEANNE D'ARC - SZENEN AUS DEM LEBEN DER HEILIGEN JOHANNA

von Walter Braunfels (szenische Uraufführung!)

Idee, Konzeption: Christoph Schlingensief

So ungefähr soll sie ausgesehen haben, die Jungfrau von Orleans, aber es gäbe keine authentischen Bilder, heißt es... | Bildquelle: Wikipedia



Hohes Amt

Jeanne d'Arc - auch als Jungfrau von Orléans bekannt - hat sich über Jahrhunderte hiweg diverse künstlerische Deutungen gefallen lassen müssen. Ihre Fabel: "Während des Hundertjährigen Krieges führte sie die Franzosen gegen die Engländer. Durch Verrat wurde sie von den Burgundern gefangen genommen und an die mit ihnen verbündeten Engländer verkauft. Ein Kirchenprozess sollte sie diskreditieren. Unter dem Vorsitz des Bischofs von Beauvais, Pierre Cauchon, der den Engländern nahe stand, wurde sie wegen einiger Verstöße gegen die Gesetze der Kirche verurteilt und auf Befehl des englischen Königs auf dem Marktplatz von Rouen auf einem Scheiterhaufen verbrannt. 24 Jahre später strengte der Vatikan einen Revisionsprozess an und hob das vorherige Urteil im Jahr darauf auf. Johanna wurde zum Märtyrer erklärt und von Papst Benedikt XV. schließlich heilig gesprochen." (Quelle: Wikipedia) So die Faktenlage.

Brecht, Tschaikowski, Schiller - um nur drei zu nennen - nahmen sich des Stoffes an. Man muss auch nicht so sehr katholisch wie die Heilige Johanna sein, um mit ihrer einem Mysterienspiel so nah seienden Umverwandelungsgeschichte klar zu kommen. Sie (diese Geschichte) ist an sich schon mysteriös und vieldeutbar genug. Am wenigsten lässt sie sich freilich dann bei Walter Braunfels, einem in der letzter Zeit wiederentdeckten deutschen Komponisten, nacherzählen. Ist partout nicht möglich. Zu viel handelnde Personen, viel zu viel Geschwätz.



Unübersichtliche Gemengenlage! SZENEN AUS DEM LEBEN DER HEILIGEN JOHANNA von Walter Braunfels, urinszeniert nach einer Idee und dem Konzept von Christoph Schlingensief an der Deutschen Oper Berlin - Foto (C) Thomas Aurin


Der Heiligen Johanna wird durch Braunfels - der dann auch den Text zu seiner zweieinhalbstündigen Oper schrieb - der (später!) massenmörderische Kinderschänder Gilles de Rais als personelles Schwergewicht, und "philosophisch" sozusagen, an die "schwache" (Frauen-)Seite hin gestellt. Er ist ihr Gegenpart, er nimmt (für sie) das Böse weit voraus, er deutet seinen menschenabschlachtenden Aktionismus ungeschminkter Weise ab dem Zeitpunkt an, da sich das Wunder - die Erlösung der wie eine Fackel lodernden Johanna auf dem Scheiterhaufen - überhaupt nicht einstellt; seine Worte lauten: SATAN HAT GESIEGT (o. s. ä.) = als die Handlung seiner Oper irritierendstes Moment ist es der Hauptsatz dieses Braunfels-Stückes; er allein macht(e) sein Werk für eine Aufführung so staatstragend wie legitim!!

*

An der Deutschen Oper Berlin ist Walter Braunfels' Jeanne d'Arc - Szenen aus dem Leben der Heiligen Johanna in einer über jede Kritik erhabenen und alle Maße sprengenden spektakulären Produktion als szenische Uraufführung auf die Bretter gestemmt worden. Christoph Schlingensief - der krankheitshalber nicht höchstselbst die Inszenierung übernehmen konnte - stellte sein Konzept und alle die hierfür erforderlichen Unterlagen für ein Co-Regie-Team (Anna-Sophie Mahler, Søren Schuhmacher, Carl Hegemann) frei zur Verfügung; und heraus kam eine schon im Schlingensief'schen Sinn wiedererkennbare Bilder-/Bewegungsflut.



Mary Mills erkennt man an der Farbe ziemlich gut, sie spielt und singt die Heilige Johanna in der szenisch uraufgeführten Werner-Braunfels-Oper an der Deutschen Oper Berlin - Foto (C) Thomas Aurin


Zur Vorbereitung seiner Inszenierung reisten er und Mitglieder des Teams nach Nepal, um dort Filmaufnahmen ritueller Leichenverbrennungen zu machen; diese waren permanent in Richtung Bühne projiziert.

Reizüberflutungen.

Die Doppel-Zumutung - Braunfels' so kompliziert gestrickter Text mit Schlingensiefs so ungezügeltem Bebildern - hat wohl einen starken Vorteil: Sich auf jeweils eins der intellektuellen Angebote einzulassen, ohne dann dem Zweiten (sozusagen Abgedrängten) ausweichen zu können. Auch so eine Art Gesamtkunstwerk.

Braunfels' Musik ist, wie die revolutionäreren Musikrichtungen vor und nach ihm, uneinprägsam. Sie klingt gleichsam "altmodisch", traditionell. Aber vielleicht trifft das dann "nur" auf diese Oper zu, die meine Erstbegegnung mit dem reichhaltigen Oeuvre Werner Braunfels' war. Am 8. Juni soll durchs Deutsche Symphonie Orchester sein Te Deum in Berlin erklingen!!


Andre Sokolowski - 3. Mai 2008
ID 3823
http://www.andre-sokolowski.de


JEANNE D'ARC - SZENEN AUS DEM LEBEN DER HEILIGEN JOHANNA (Deutsche Oper Berlin, 02.05.2008)
Musikalische Leitung: Ulf Schirmer
Idee, Konzeption: Christoph Schlingensief
Regieteam (nach Aufzeichnungen von Christoph Schlingensief): Anna-Sophie Mahler, Carl Hegemann, Søren Schuhmacher
Bühne, Konzeption: Thomas Goerge, Thekla von Mülheim
Kostüme: Aino Laberenz
Personen und ihre Darsteler:
St. Michael ... Paul McNamara
St. Catharina ... Anna Fleischer
St. Margarete ... Julia Benzinger
Karl von Valois, König ... Daniel Kirch
Erzbischof von Reims ... Nathan Myers
Cauchon, Bischof von Beauvais ... Peter Maus
Vicar Inquisitor ... Simon Pauly
Johanna ... Mary Mills
Jacobus von Arc ... Ante Jerkunica
Colin ... Paul Kaufmann
Gilles de Rais ... Morten Frank Larsen
Herzog de la Trémouille ... Lenus Carlson
Herzog von Alencon ... Jörg Schörner
Ritter Baudricourt ... Markus Brück
Lison ... Nicole Piccolomini
Bertrand de Poulengy ... Clemens Bieber
Florent d'Illiers ... Nathan Myers
Page ... Laura Borgwardt
Salisbury ... Nathan Myers
Hohepriesterin ... Karin Witt
Tänzer ... Marcos Abranches
Chor der Deutschen Oper Berlin
(Einstudierung: William Spaulding)
Staats- und Domchor Berlin
(Einstudierung: Kai-Uwe Jirka)
Orchester der Deutschen Oper Berlin
Szenische Uraufführung war am 27. April 2008 an der Deutschen Oper Berlin
Nächste Termine: 6., 7. und 31. 5. 2008



Weitere Infos siehe auch: http://www.deutscheoperberlin.de





 
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