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Feuilleton


28.-31. Oktober 2005, Stadthalle Chemnitz

GoGospel 2005



Gospel sells

Der Rücken schmerzt, die Kehle brennt, Hände und Füße tun weh – GoGospel2005 ist Geschichte. Drei Tage Gospel zum Mitsingen und -swingen, mit Gleichgesinnten sowie Künstlern aus Chicago und einem Abschlusskonzert am Montagabend.

Knapp 1200 Menschen können nicht irren. Nunmehr zum zweiten Mal in Chemnitz sind allerdings gut 500 Teilnehmer weniger zu verzeichnen als 2003. Obwohl dieses Jahr der Sachsen-Zuschuss – vor zwei Jahren vom Bundesland mit 20 Euro pro Teilnehmer angesetzt – wegfällt, kommen immer noch zwei Drittel aller Teilnehmer aus Sachsen. Die anderen Gospelfans reisen aus allen Windesrichtungen an: Aus ganz Deutschland, Österreich, der Schweiz, ja gar aus Litauen und Lettland. Weder Reisestrapazen noch Turnhallen-Nächte auf der Isomatte werden gescheut.


Cynthia Nunn bei den Proben | (C) Foto HEIKO HAHNEBACH


Am Freitag ist Startschuss für Gogospel 2005, die erste Probe für 19 Uhr 30 angesetzt. Ich erreiche um punkt sieben mit wehenden Fahnen die Stadthalle; zeitgleich mit Chorleiterin Cynthia Nunn, die in diesem Moment im weiten Gewand und weiß-güldenen Turnschuhen auf die Eingangstür zuwogt. Schnell melde ich mich an und sehe, dass Liedermacher Wolfgang Tost heute die Garderobe schmeißt. Oben im Saal alles wie gehabt, außer der Sitzordnung. Die Stimmung ist vorfreudig gespannt.

Als Vertreterin der Alt-Fraktion suche ich mir ein Plätzchen im hinteren Teil des Zuschauerraumes; dort herrscht schon Klassenzimmerfeeling. Bereits kurz nach Probenbeginn werden Zettel geworfen („Wie heißt Du? Ich bin Lisa aus Kaiserslautern.) - die Aufforderung im Programmheft, aufeinander zuzugehen, wird sofort in die Tat umgesetzt. Die erste Probe heute wird geleitet von Walt Whitman, Eddy-Murphy-Verschnitt, GoGosplern bekannt von den letzten Festivals. Ein erstes aufbrausendes Toben des Riesenchores, als er die Bühne betritt. Das verflüchtigt sich schnell wieder, als Walt in den ersten Sätzen seine neue CD anpreist, die man doch bitte kaufen solle, um seine Arbeit in Indien zu unterstützen.



Chor bei Probe in der Stadthalle Chemnitz | (C) Foto HEIKO HAHNEBACH


Am Samstag nächste Verärgerung bei den Teilnehmern durch Hinweise der ehrenamtlichen Einlasser, der Veranstalter wünsche keine Jacken im Saal, wir sollen sie doch an der Garderobe abgeben – für zwei Euro pro Tag! Nun, ein täglicher Umsatz von 2400 Euro klingt verlockend, ist er aber gerechtfertig, wenn man weiß, dass er zu mehr als 50 Prozent aus den Geldbörsen von Schülern und Studenten kommt? Von diesem Zeitpunkt an wartet man förmlich auf ein Essen-mitbring-Verbot und die veranstaltereigene Catering-Firma. Auch im Saal kommt an diesem Samstag keine rechte Freude auf, mehr und mehr macht sich das Gefühl breit, als Chor nur Hintergrund für die Stars zu sein und dafür noch teuer bezahlen. 89 Euro Teilnehmergebühr sind schließlich kein Klacks, 69 Euro für Schüler kaum vom Taschengeld zu bezahlen. Ein Baby schreit auf Papas Arm, neben mir wird gehäkelt - der älteste Festivalteilnehmer ist 74, der jüngste singfähige sieben Jahre alt.


Chor bei der Generalprobe | (C) Foto HEIKO HAHNEBACH


Ab heute ist die Band mit dabei und die Hälfte der weiblichen Teilnehmer schlagartig in Keyboarder Terry verliebt. Cynthia Nunn, sonst immer Festival-Darling, wirkt heute während ihres Probenteils erschöpft, teilweise sogar genervt, verlässt nach kurzer Zeit die Bühne, wo noch niemand zur Ablösung bereit steht. Jetzt wird die Dame zur Diva: „It´s unbelievable, this has never happened to me before“ beschwert sie sich offensichtlich missmutig, das Mikrofon in der Hand schlenkernd. Ihre sonst so sprühende Energie scheint auf einmal wie weggeblasen, das ansteckende Lachen vom Gesicht gefallen, die Show beendet. Zum Glück springt Walt in die Presche und hinter´s Piano. Wenn sein „Higher and Higher“ beim Singen aussprachemäßig wie ein Schlaflied klingt, liegt das wohl an den vielen sächsischen Kehlen im Chor.



Walt Whitman bei der Probe | (C) Foto HEIKO HAHNEBACH


Draußen auf den Fluren haben sich inzwischen Grüppchen zur Raucherpause gefunden, am CD-Stand gegenüber kein einziger Kunde. Die Jungs vom Verkauf sitzen an die Wand gelehnt, was dem Gründer und Festivaldirektor von GoGospel gar nicht passt: „Denkt dran Jungs, ihr müsst verkaufen“, raunt Egil Fossum ihnen zu. Ob er die Chorleiter auch vor jeder Probe daran erinnert? Ansonsten ist Herr Fossum ganz der verbindliche, loyale Norweger, an diesem Tag in Jeans und mit Videokamera immer unterwegs in der Stadthalle, die gemütliche Atmosphäre eines Familiengeburtstages verbreitend.

Trotz gestiegener Teilnehmergebühren erscheint das Festival wie eine Billigausgabe von GoGospel 2003: Es gibt keinen Übersetzer mehr, niemanden, der mit dem Chor Bewegungen einstudiert, weder einen gelben Schirm noch Krügerol-Bonbons zur Begrüßung. Birgit Kleindienst aus der Nähe von Hohenstein-Ernstthal bedauert´s: „Daran hängt´s nicht, aber es sind schon so kleine Gesten.“ Auch die Papierqualität des Notenheftes ist dieses Mal schlechter – abgesehen von Text- und Notenfehlern-, die CD kam ohne Hülle und außerdem zu spät. Als am schlimmsten empfunden wird von vielen aber der gesunkene Anspruch der Lieder. Gab es vor zwei Jahren Herzenserwärmer wie „Refiner´s Fire“ oder „Perfect praise“, so will sich diesmal bei keinem der Songs Gänsehaut einstellen. Bei vielen Gospelsängern, die vor zwei Jahren dabei waren, scheint die erste Begeisterung verflogen. Anna Plüschke aus Meißen, zum ersten Mal dabei, ist dagegen begeistert: „Mir gefällt´s richtig gut!“.
Auf der neuen Beamerleinwand über der Bühne immer wieder Werbung für CDs und den Verkauf der Karten für´s Abschlusskonzert. Das war letztes Mal nicht nötig; das Konzert war bereits Wochen vorher ausverkauft. Die Karten kosteten mit 15 Euro allerdings auch nur die Hälfte von den diesjährigen.

Am Sonntagvormittag stehen dann ein paar Ahnungslose ungläubig vor den geschlossenen Pforten der Stadthalle und haben nur eine Erklärung: Das für Montag angesetzte Singen in verschiedenen Gottesdiensten der Stadt muss auf heute vorverlegt worden sein. Schade, vielleicht hätte man die ein oder andere CD-Werbung durch eine Ansage dieser Änderung ersetzen sollen. Nachmittags zur Probe gibt´s dann auf einmal wieder einen Übersetzer, der einen Gaudi aus seinem Job macht und auf Lacher bedacht übersetzt, teilweise sogar falsch, was Chor und Chorleiter verunsichert.

Am Montag machen wir uns zum letzten Mal auf zur Probe, nicht ohne unsere Standard-Ausrüstung Notenheft, Thermoskanne und Halsbonbons, von vielen wahlweise erweitert durch Strickzeug, Kissen oder Malblock. Zur Generalprobe ab vier hängt freudige Erwartung in der Stadthallenluft. Der Keyboarder trägt Gamaschen, eine Solistin probiert sich auf der Bühne aus. Das ein oder andere Chormitglied sitzt in den Zuschauerreihen, um sich an Anblick und Klang des Spektakels zu erfreuen und die Stimme zu schonen. So auch Carrie Baumgärtel und Janine Lautenschläger aus der Nähe von Aue. Beide sind zum wiederholten Mal bei GoGospel, haben ihre drei Festivalnächte im Massenquartier Wirtschaftsschule verbracht und gucken nach insgesamt 15 Stunden Schlaf etwas müde. Sie empfinden das Festival familiärer als das erste hier in Chemnitz, fordern allerdings: „Die Leute sollten sich trauen, mehr aus sich rauszugehen“. Einige Freunde und Bekannte der beiden sind dieses Jahr nicht dabei, denen war es zu teuer. „Aber wer wirklich auf Gospel steht, bezahlt auch die 20 Euro mehr“, beschließt Carrie und will nächstes Mal wiederkommen. Egil Fossum agiert derweil dompteursgleich auf der Bühne: Er hat den Chor mit wenigen Gesten fest im Griff und fragt zum ersten Mal an diesem Abend, ob´s den Sängern gut gehe, jeder genug Luft und Licht bekomme.



Egil Fossum bei der Probe | (C) Foto HEIKO HAHNEBACH


Eine Stunde vor Konzert dann hektisches Treiben auf den Parkplätzen um die Stadthalle. Da es davon lange nicht ausreichend gibt, und das Parkhaus zu teuer ist, stehen die Autos der Festivalteilnehmer in einer langen Schlange auf den Fußwegen. Im roten VW-Bus neben mir Gewusel: Ein Mädchen schminkt sich mit Hilfe des Rückspiegels, auf dem Beifahrersitz gibt es Abendbrot, im Kofferraum zieht sich jemand ein weißes Hemd an. Im Foyer der Stadthalle anschließend rote Wange und schnelle Schuhwechsel. Gesummte Melodien dringen aus Toiletten und Richtung Garderobe.

Dann ist es soweit, die Band spielt die ersten Akkorde zu „All around me“ und der tausendköpfige Chor fädelt sich auf die Bühne . Walt Whitman provoziert grinsend das noch sitzende Publikum: „Ihr seht sehr deutsch aus“. Chemnitz ist eben nicht Chicago, nichtsdestotrotz rocken ab dem zweiten Stück auch die Zuschauer. Der Chor gibt sein Letztes, glückliche Gesichter singen mit geschlossenen Augen, der ein oder andere setzt sich, von Erschöpfung gezeichnet, zwischen die Beine der anderen auf den Boden, was nicht auffällt in der Masse der Sänger. Egil Fossum lässt den Chor mitten im letzten Lied abgehen, rechnet aber nicht mit der immer noch anhaltenden Energie der Gospler: Im Foyer wird weiter gesungen, es entsteht eine Polonaise, Sätze wie „Schön, dich kennen gelernt zu haben“ und Adressen werden getauscht. Das Singen geht in Summen über, am schwarzen Brett vereinbarte Mitfahrgemeinschaften finden sich. Auf der Rückfahrt werden Schnitten ausgepackt und Eindrücke ausgetauscht, treffen erhitzte Gemüter aufeinander. Mit mir im Auto sitzen Kristin Jaschinski und Liane Jorschick aus Leipzig, beide beseelt vom Wochenende, aber gleichzeitig auch etwas entzaubert: „GoGospel baut jedes Jahr mehr ab“, meint Liane, die zum sechsten Mal dabei war. „Wir hatten das Gefühl, die Chorleiter waren wenig motiviert und machten nur ihren Job“. Genau wie die Politessen der Stadt Chemnitz, die an diesem Abend den parkenden Autos Strafzettel hinter die Scheibe geklemmt haben. Wen auch das nicht verdrossen hat, kommt in zwei Jahren wieder oder fährt schon im nächsten Oktober nach Fellbach.


Sarie Teichfischer - red. / 3. November 2005
ID 00000002098
GoGospel_05 in Deutschland
28. - 31.10.2005

Das internationale Gospel_Festival für alle,
die Spaß am Singen haben

4 Tage Gospelmusik pur zum Mitsingen und Abswingen

3 hochkarätige Gospelsänger/-songwriter aus den USA

4 begnadete Studiomusiker aus der Gospelmetropole Chicago

1 groovender Wikinger, der seit 20 Jahren "Gospelmusikgeschichte" schreibt

20 Gospel Gottesdienste am Sonntag, den 30. Oktober in und um Chemnitz
1 Special event: Gospel_Church mit allen Künstlern aus den USA




Weitere Infos siehe auch: http://www.gogospel.de






 
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