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Feuilleton

Bescheidenheit im Wagner-Tempel

Ein ganz normaler Besuch bei den Bayreuther Festspielen

von Antal Adam


(C) Foto: Frank Bayh 2004

Die Wallfahrt beginnt um 15 Uhr. Der Fußmarsch von der Bayreuther Innenstadt zum Festspielhaus dauert etwa 20 Minuten. Und man weiß genau, wer auch zur diesjährigen Vorstellung des Tannhäuser pilgert. In der Mittagshitze fallen die Wagner-Jünger mit ihrer Abendkleidung eben auf. Der normale Bayreuther nimmts mit fränkischer Gelassenheit und wünscht einem unterwegs sogar noch viel Spaß.

Schön ist der Weg durch den Park hoch hinauf zum Grünen Hügel, auf dem Richard Wagner seinen Musiktempel bauen ließ. Das Wetter ist blendend, und das erwartet man auch so. Schließlich hat man als „Normalsterblicher“ sieben Jahre auf die Eintrittskarten gewartet. Die Nachfrage nach Tickets ist höher als das Angebot und zwingt zu Zuteilungsmethoden, die man sonst nur noch aus der DDR kennt.

Fast oben stehen plötzlich Schotten im Kilt Spalier und lassen sich vor der Wagner-Statue im Park fotografieren, die laut Spiegel an Renate Künast erinnert (das gilt übrigens höchstens für die Kinnpartie). Das ist aber auch der einzige Hauch von Folklore der auf dem Hügel weht.
Auf der linken Seite des Festspielhauses lassen sich Gäste vorfahren – größtenteils in Taxis. Von Nobel-Limousinen und Co. keine Spur. Direkt daneben stehen eine ältere Dame und ein junger Mann mit Pappschildern: „Suche Karte“. Bis zum Aufführungsbeginn sind es noch 30 Minuten, doch sie werden kein Glück haben. Wer einmal Karten für Bayreuth bekommt, gibt sie so schnell nicht wieder her.

Dann wird man endlich hineingelassen ins Allerheiligste. Wagners Elisabeth wird später singen: „Dich teure Halle grüße ich wieder“. Ein Glücklicher, wer das auch als Zuschauer von sich behaupten kann. Dass die Holzsitze tatsächlich so hart sind wie immer behauptet, erfährt man nun am eigenen Leib. Immerhin ist inzwischen ein Millimeter dünner Cord-Überzug hinzu gekommen; früher muss es noch unbequemer gewesen sein. Aber schließlich lautet die vom großen sächsischen Musik-Meister ausgegebene Losung: „Hier gilt’s der Kunst“ – und eben nicht dem Komfort.

In der siebten Reihe sitzt ein älterer Herr aus Wien. Belehrend klärt er seine Begleiterinnen auf; man sähe heute die Dresdner Inszenierung, äh pardon, die Dresdner Fassung des Tannhäuser. Nähere Details gibt er nicht Preis. Man wirft sich nur Stichworte zu, denn nach Bayreuth fahren angeblich sowieso nur eingefleischte Wagnerianer. Und wer doch keiner ist, kann sein Unwissen so unauffällig kaschieren.

Die Nebensitzerin versucht ihr voluminöses Kleid zu bändigen und entschuldigt sich dafür. Man pflegt eben einen höflichen Umgang in diesem mystisch angehauchten Ambiente.

Interessant die jungen Damen in ihren dunkelblauen Kostümen nebst passender Handtasche, die man nur durch das aufgestickte „W“ am Revers als Hostessen erkennt. Eines von vielen überraschend bescheidenen Momenten im Festspielbetrieb. Synchron und fast ritualartig ziehen sie die Vorhänge vor die bereits geschlossenen Türen und stellen sich dann wie Bewacher neben die Sitzreihen, so als könne es sich jemand anders überlegen. Erst wenn das letzte Licht erloschen ist, nehmen Sie am äußersten Rand der Reihen Platz. Dann ertönen die ersten Takte der Ouvertüre – in fast völliger Dunkelheit, denn der Orchestergraben ist überdacht und lässt kein störendes Licht nach oben dringen. Kein Nachteil für die Musik: sie scheint von überall zu kommen und vermischt sich mit den Stimmen der Sänger zu einem homogenen Tongeflecht. Eine wirklich brillante Akustik.

Eine Stunde später fällt der Vorhang. Der erste Akt ist vorüber. Zeit für eine Stärkung in der Außengastronomie direkt neben dem Festspielhaus. Der Herr aus Wien ist schon beim Hinausgehen wieder am Analysieren. Die Sangeskunst scheint ihm gefallen zu haben – außer dem Wolfram von Eschenbach. „A bisserl zart“ sei er in der Stimme, aus dem Wienerischen übersetzt heißt das wohl: glatt durchgefallen. Wohl dem Kenner, der dies beurteilen kann...

Überraschend jedoch das kulinarische Angebot der Hügel-Gastronomen: Natürlich gibt es die gesamte Feinkostpalette, die meisten Besucher bevorzugen jedoch die rustikalen fränkischen Bratwürste und ein kühles Bier, die es auch gibt und die mit jeweils 3 Euro auch nicht exorbitant teuer sind. Und überhaupt mag sich das Neureichen-, Altnazi- und Schickeria-Image nicht so recht bestätigen. Die meisten Bayreuth-Pilger sind erschreckend normal. Man könnte sie auch bei einer Kulturveranstaltung in Köln oder Jena treffen. Von einigen Ausnahmen abgesehen, die sofort als Effekthascherei entlarvt werden, etwa bei der Dame im durchsichtigen Chiffonkleid mit nahezu nichts darunter.

Die einstündige Pause zwischen den Akten verbringt man ansonsten direkt vor dem Festspielhaus oder im unterhalb gelegenen Park. Auch zu deren Ende gibt es noch etwas Bayreuth-Spezifisches: Das übliche Klingeln zum Ende der Pause wäre hier zu ordinär; die Blechbläser lassen statt dessen vom Balkon des Hauses Motive aus dem nächsten Akt erschallen, um die Wagner-Pilger zur Rückkehr zu bewegen.
In der nächsten Pause gibt immer noch Würtstel, und manch einer genehmigt sich eine zweite Dosis. Da ist es schließlich auch schon halb neun. Anders ist diesmal nur, dass der Tannhäuser-Interpret Stephen Gould seine Stimme durch Übungen am offenen Fenster warm hält. Auch für die Sänger sind die Pausen (zu) lang, und als Zuschauer bekommt man in diesem Fall wenigstens etwas geboten außer den Würsten. Und so wartet man darauf, dass es weitergeht und schlendert nochmals hinunter zur Künast-Statue, um erneut festzustellen, dass dort nur Richard Wagner zu sehen ist.

Dann ist das Finale Furioso verklungen und die distinguierten Herren in ihren Fracks mutieren zu kleinen Jungen, die sich über ihr neuestes Spielzeug freuen. Mit glänzenden Augen zücken Sie ihre Digitalkameras, um – trotz hektischer Proteste der Hostessen und dem Hinweis auf der Eintrittskarte, dass Fotografieren verboten ist – die Schlusszene für die Nachwelt festzuhalten. So etwas gab es früher sicher nicht...

Aber auch eine nette Schlußgeste: man verabschiedet sich von seinen Sitznachbarn, fast wie um sich dafür zu bedanken, dass man diesen heiligen Abend ungestört von Husten oder Tuscheln verbringen durfte.
Und dann macht man sich auf den Weg in die Bayreuther Nacht, wo irgendwo ein reservierter Tisch auf die Herrschaften wartet. Denn das normale Leben kann nun weitergehen; die Pilgerfahrt ist vorüber. Hoffentlich darf man in sieben Jahren wiederkommen.


Antal Adam - red. / 20. August 2004
ID 00000001314

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