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Bremer Theater / Theater am Goetheplatz, Premiere am 31. März 2007

Gärtnerin aus Liebe

Wolfgang Amadeus Mozart


Unterschiedliche Interessen: Der Podestà, die Gärtnerin Sandrina und das Kammermädchen Serpetta. | Foto: http://www.bremertheater.com



Irrgärtnerin aus Liebe

Voraussetzung für gelingendes Musiktheater, und dafür steht die Ära von Klaus Pierwoß am Bremer Theater wie kaum eine andere ein, ist eine Kongenialität zwischen Musik und Szene, also zwischen musikalischer Interpretation (der instrumentalen wie der gesanglichen) und der szenischen Ausdeutung. Im derzeitigen Theaterbetrieb erlebt man da oft ein Auseinanderfallen: Mal wird szenisch etwas behauptet, was musikalisch unwahr ist. Oder mal auch Aktualität gesehen, während das Orchester auf Originärklang gebürstet wird. Oder: die Sänger reisen nur mit Stückverträgen an, weil die Ensembles zusammengestrichen werden. Oftmals haben dann ihre Interpretationen mit dem Dirigat nur sehr bedingt etwas zu tun, wie zuletzt bei „La Bohème“ an der Staatsoper Hamburg. Ähnliches Oder, befürchten Theaterexperten, steht den Bremern mit ihrem designierten Intendanten Hans-Joachim Frey demnächst ins Haus. Wird aber über das Verhältnis von Ton, Wort und Bild streng nachgedacht, und kommt es dabei zu dieser besonderen Kongenialität, wie der Erste Kapellmeister Florian Ludwig und der am Haus ebenfalls gut bekannte Regisseur Philipp Himmelmann (zuletzt: „Don Quichotte“) das jetzt zu Mozarts „La finta giardiniera“ (Gärtnerin aus Liebe) demonstrieren, entsteht etwas Drittes, etwas Neues gar als ästhetischer Mehrwert von Oper.


Irrgarten der Liebe | Foto: http://www.bremertheater.com


Dazu wird die Metapher „Garten“, der im ersten und letzten Aufzug (ab Szene VII) von Partiturseite her gefordert ist, einer Neudeutung unterzogen. Man sieht vom ersten bis zum dritten Aufzug einen senkrecht von Hermann Feuchter aufgestellten Irrgarten mit deutlich abgeblättertem Goldbeschlag. Ein Labyrinth mit einem zentralen Raum, mit Schlupflöchern, mit Verstecken, rückseitigen Türen und Leitern für Auf- und auch Abstiege. Der Irrgarten, einst Chiffre der methodischen Lusterzeugung im Rationalismus, erweist sich durchaus als ein plausibler Ankitzler für reigenartig verwickelte Beziehungsprozesse: Der graue Amtshauptmann von Lagonero, Don Anchise, ist spitz auf die verzweifelte Sandrina, klaut ihr einen Schuh, um daran zu riechen. Unterdessen das züngelnde Kammermädchen Serpetta von ihm dort genauere Einsicht verlangt, wo er bei Sandrina nicht hinsehen darf. Jener Glücksschmetterling verteilt wiederum an den verstockt fixierten Gärtner Nardo allerhand Körbe, was ihn nur noch fixierter macht. Ebenso vergeblich ist der Cavaliere Ramiro immer noch hinter der reizenden Nichte des Dons Arminda her, während die sich ihren Gemahl in Spe, den Grafen Belfiore, mal eben hübsch zurechtlegt, wogegen er passiv Widerstand leistet. Alsbald erkennt der Herr Graf in der Ohnmächtigen seine im Eifersuchtswahn – wie er dünkt – getötete Ex, die sich seinetwegen beim Amtshauptmann als Gärtnerin eingeschlichen hat: Die Gräfin Violante Onesti, nun Sandrina. Und damit haben wir hier eigentlich viel mehr „Dramma“ als „giocoso“: Der Wahnsinn aus der gemeinsamen Beziehungszeit, ein fast geglückter Mordversuch, entlädt sich erneut in einem zum zweiten Aktfinale hin enorm verdichteten Furor mit der Folge: Erschöpfungsschlaf. Und nun? Nach all den Jagdirrtümern, Versteckereien, absturzgefährdeten Kontaktverweigerungen, dem Partnertausch im Darkroom mit anschließendem Klamottenwechsel und der Purifikation durch Wahnsinn erscheint das abschließende, erneut mehr als gefährdete süße Festgeküsse von Sandrina und Belfiore wie die Einlösung eines gut zweistündigen Spießrutenlaufs durch den Irrgarten der Liebe. Ein minimaler Ruhepunkt, der beim anschließenden Photogeschiebe und dem Versuch aller Pärchen plus Don Anchise, ein Standbild im Innenraum des Irrgartens zu bilden, so recht schon nicht mehr gelingen will: „Viva pur la Giardiniera“. Ja, so ein achtzehnjähriger Mozart aber auch.


Endlich. | Foto: http://www.bremertheater.com


All das wird möglich Dank der in Bremen stets voll eingelösten Kategorie des Sängerschauspielers: Mihai Zamfir gibt als Don Anchise nicht nur in der Instrumentenarie, sondern rundum ein perfektes Rollenportrait, Jewgeni Taruntsov einen smarten Belfiore, der auch vokal Glanzlichter zu setzen vermag, Sybille Specht mit einer unglaublichen Saisongesamtleistung einen überzeugenden Cavaliere Ramiro, Jan Friedrich Eggers mit einer geschlossenen Leistung den so oft versetzten Nardo, Inga Frøseth eine lieblich zickende Serpetta und Dunja Simic reüssiert mit einer durchaus Feuer und Verzweiflung versprühenden Arie „Vorrei punirti indegno“ und daneben in jeder Hinsicht wunderbar nuanciert ausgestalteten Arminda. Als Gärtnerin brilliert die großartige Sopranistin Jennifer Bird, mit nur einigen wenigen, sicher auf Premierenanspannung zurückführbaren blasseren Momenten in der Höhe.
Florian Ludwig lässt am Premierenabend überhaupt keine Fragen offen und sorgt am Pult für eine packende und heutige Lesart. Ohne blind die Tempi zu forcieren, bekommt die Bühne von den Bremer Philharmonikern eine ungemein schlüssige, dramatisch versierte und Abgründe nicht scheuende Stützung. Alles will hier nach vorn, weiter, ist unter Dampf und innerem Zug. Aber ohne gewollt, sagen wir, deutschdurchgeistigt zu wirken, sondern selbstverständlich, leicht, mit Schwung und rhythmisch klug. Neu entstehen so viele Melodien, die man meint, genau zu kennen, so dass man hinterher ganz traurig ist, dass es im Theater keine Repeat-Taste gibt und die Ära des Da capo-Gebrülles vorläufig ruht. Das Publikum entbrandete – untypisch für die Bremer – spontan in Jubel.
Am Ende weiß man kaum, was einen mehr überrascht hat, die Rasanz des penibel durchgearbeiteten Ludwig-Dirigats oder die Finesse, mit der Himmelmann (in den wunderbar nachtstoffigen Kostümen von Gesine Völlm) die Darsteller in Szene gesetzt hat. Das bleibt aber sicher nicht die entscheidende Frage dieser als besondere Bremer Strichfassung in die Werkgeschichte eingehenden, irre dramatischen Gärtnerin.


Wolfgang Hoops - red / 3. April 2007
ID 3116
Wolfgang Amadeus Mozart
DIE GÄRTNERIN AUS LIEBE

Florian Ludwig - Musikalische Leitung
Philipp Himmelmann - Inszenierung
Herrmann Feuchter - Bühne
Gesine Völlm - Kostüme

Theater am Goetheplatz
Bremen

Weitere Infos siehe auch: http://www.bremertheater.com





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