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Konzert
Julie Delpy in Berlin

"Ich lieb dich doch, dennoch"

Julie Delpy singt in der Berliner Kulturbrauerei von hinkender Liebe und der Langeweile des Großstadtlebens
Wenn man den auffallend häufigen Hinweisen der hauptstädtischen Plärrstation Radio Eins auf das kleine Konzert, das Julie Delpy am 18. Januar im Palais der Berliner Kulturbrauerei gab, wirklich hätte Glauben schenken wollen, dann hätte man am vor Jahresfrist neugegründeten Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) zweifeln können. Dort wurde die Französin nacheinander als Julie Deply, Delply und Delphy vorgestellt. Ob es an dieser unprofessionellen Ankündigung oder nur an den eisigen Außentemperaturen lag, daß im Konzertsaal nicht so recht Stimmung aufkommen wollte, wird ein Rätsel bleiben. Am mangelnden Charisma der Sängerin, die man seit "Homo faber" eigentlich eher als Filmschauspielerin kennt, lag es jedenfalls nicht
Julie Delpy weiß, daß sie gut aussieht, und sie weiß auch, welches Image der Schauspielerin Delpy in den Feuilletons einmal verpaßt worden ist: Französin, blond und zerbrechlich, hintergründig-erotische Rollen ("Drei Farben: Weiß") wechseln sich ab mit lebensphilosophisch-verspieltem Geplänkel à la "Before Sunrise". Kommt so jemand auf die Idee, es nun auch einmal mit Singen zu versuchen, denkt man, werden dabei einige gefällige bis ironische Chansons mit einem bonny bunch of ballads aus der Folk-Ecke herausspringen, eine relaxte Sonntagabendmusik garniert mit dem Charme einer Schauspielerin.
Mit einem entsprechenden Bild vor Augen geht man vielleicht zu ihrem Konzert - um sich dann von der Sängerin Delpy in fast jeder Hinsicht vor den Kopf stoßen zu lassen. So ähnlich könnte man das Kalkül des Konzertauftritts jedenfalls zusammenfassen.

Es beginnt schlicht und wird immer heftiger. Scheint sich zunächst das Singer-Songwriter-Gesäusel aus dem Radio zu bewahrheiten, ein kleines Repertoire aus selbstgezupften Liebesliedern, zeigt die gebürtige Französin, die jedoch schon seit vielen Jahren in Los Angeles lebt, recht bald, daß sie vor allem eines kann: laut sein. "I love screaming", schreit sie einmal zwischen zwei Songs. Das bedeutet zum Glück nicht, daß man nichts als Lärm erwarten darf. Julie Delpy hat eine schöne, feste Stimme, die nicht zum Kieksen neigt, sondern allenfalls schärfer wird, je kräftiger sie singt. "Mr Unhappy" oder auch ein hübscher Song über einen Moment, der nicht vergeht, machen denn auch Lust auf mehr - ihr Debütalbum "Julie Delpy" ist bereits im Oktober 2003 erschienen.
Je lauter und wilder die Stücke werden, desto mehr verfestigt sich allerdings das Schema "leiser Anfang, und jetzt legen wir mal so richtig los", desto mehr ähneln sich die Lieder. Und man fragt sich, ob die zahllosen Affären, die darin besungen werden, nur schlechten Sex meinen, oder ob sie nicht vor allem die ungestillten Bedürfnisse des Großstadtmenschen portraitieren. "Let me sing you a waltz about this lovely one-night-stand" - als sei das die einfältigste, ja langweiligste Sache der Welt.
"I'm not a romantic", erklärt uns die Sängerin daraufhin in vollendetem Amerikanisch. Ich bin nicht die, für die ihr mich haltet, heißt das. Eine Französin schon gar nicht - auch wenn ihre Band, vier überzeugende Herren mit fettigen Haaren, die sämtlich als Ex-Ehemänner vorgestellt werden, ausschließlich aus compatriotes besteht. Man konnte zwar "Je t'aime autant, pourtant" schon vorher im Radio hören, allerdings nicht mit dem überkandidelten "oh là là", "fantastique" und "merci", das uns Julie Delpy dazu servierte. Dabei war das einzige französische vielleicht auch das einzige Liebeslied des ganzen Abends. An anderer Stelle besteht sie mit herrischer Geste darauf, daß man ihren Songtitel "Lame Love" in keine andere Sprache übersetzen kann. Damit ist vielleicht sogar schon alles gesagt - mit hinkender Liebe.

Am Ende blieb trotz eines netten klanglichen Nachgeschmacks der bohrende Gedanke übrig, von der rockenden chanteuse-actrice ordentlich brainwashed worden zu sein, deren exzentrische Ansagen ("Ich wollte gerade sagen, daß ich Ihnen ein Lied singen werde. Aber daß ich ein Lied singen werde, brauche ich Ihnen ja eigentlich nicht zu sagen. Es ist offensichtlich, deswegen stehe ich ja hier.") schon bald Kultstatus erlangen werden. Einen ganzen Abend lang durfte sich das Publikum kein Bild von seinem Star machen - das Fotografieren war unter der Androhung, das Konzert werde augenblicklich abgebrochen, verboten. Aber es ist gutgegangen. Erst in der vierten Zugabe bricht die Performance dann endgültig zusammen, und die Band geht unter Pfeifen und Klatschen lachend ab.
Das Licht wird angedreht, alle hatten ihren Spaß und drängen hinaus in die Kälte, es ist schließlich Sonntag abend, und Berlin ist eine weitläufige Stadt. Doch während man so die Schultern hochzieht auf dem Weg zur U-Bahn, scheitert der Versuch bereits kläglich, sich an eines der Stücke zu erinnern, die gerade verklungen sind. Und hätte man nicht schon viel früher einmal gedacht, daß Julie Delpy aber doch gut aussieht und daß sie vielleicht in bälde in der Fortsetzung von "Before Sunrise" wieder auf der Leinwand zu sehen ist, hätte man wohl auch schon wieder vergessen, ob die Dame Julie Delpy, Delply oder Delphy hieß, die da eben zu uns gesungen hat.

p.w. - red. / 31. Januar 2004

Mit Dank an Harald Peters von der taz, der sämtliche Liedansagen ordentlich mitstenographiert hat.

 



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