Manufaktur in Schorndorf, 19. November 03
Senor Coconut & His Orchestra
Die Instrumente einer Band spiegeln ihren Charakter wider. Und der lange musikalische Weg des Uwe Schmidt alias Senor Coconut um den halben Globus versprach so einiges für diesen Abend.
Mit seinem früheren Künstlernamen Atomic Heart war er schon Mitte der Achtziger ein bedeutender Vorreiter elektronischer Klänge in der Frankfurter Szene. Da er jedoch nach mehr strebte und sein elektronisches Repertoire ausgeschöpft war, zog es ihn nach Chile und er verwandelte sich vom einseitigen Elektroniker zum umfassenden Liebhaber südamerikanischer Musik.
Fast kann man glauben, er und seine Freunde sind dazu auserkoren, die Geschichte der Musik auf eine besondere Art noch einmal zu schreiben. Der chilenische Einfluss ist unüberhörbar: Vibraphone, Marimba, Saxophon, Trompete, Bongo und Bariton geben hier den Ton an. Wie kann man sich das vorstellen, wenn das in einem Arrangement aus gecoverten Liedern von Kraftwerk, Michael Jackson, Rolling Stones oder Jim Morrison vorgetragen wird?

Die etwa 100 Gäste der Veranstaltung waren daher anfänglich teilweise ein bisschen überrascht, Samba und Kraftwerk´s Roboter in fusionierter Form dirigiert zu bekommen. Und so richtig verstanden die Musiker die nachdenkliche Zurückhaltung des Publikums zu Beginn des Konzertes nicht. Nach der dritten Einlage von Kraftwerks "Tour de France" war das Eis aber schließlich gebrochen und die entstandene Begeisterung des Publikums kommentierte Senor Coconut mit den Worten "Yes, i´ve got you".
Die neun Musiker, die sich auf der Bühne zusammengefunden hatten, kommen aus Dänemark, Chile, Deutschland und England. So verschiedene Wege die einzelnen Bandmitglieder eingeschlagen haben, um sich in dieser Formation zu einigen, so gemeinsam ist Ihnen die Musik, die sie zusammenführt.
Was ist der Reiz einer solchen
musikalischen Verschmelzung? Senor Coconut erklärte dies in einer persönlichen Stellungnahme in einem Interview (in Magazin "Maufaktur"): "Was sich auf 'El Baile Aleman' manifestierte, wird mit 'Fiesta Songs' einen Schritt weitergetragen: Die Kombination und Manipulierbarkeit immenser Audio-Datenmengen auf der Festplatte erzeugt eine Illusion von 'Authentizität'. Diese Illusion aber entspringt dem Irrglauben, man könne Musik die Attribute 'echt' oder 'falsch', 'akustisch' oder 'elektronisch' zuordnen. Die Wahrheit ist, dass alle Daten immer gleichwertig verfügbar sind – sowohl live von der Combo eingespieltes Material als auch Fragmente von bereits existierenden Originalaufnahmen und synthetische Klänge."
Die Interpretation der Musik vermittelte folgendes:
Es ist ein fließender Übergang von traditioneller und neuhergebrachter Musik, die völlig übereinstimmend miteinander in Verbindung stehen.
Und wo war der
Macher an diesem Abend? Er vergnügte sich hinter seinem Apple PC in stoischer Gemütlichkeit - das bei solch beintreibenden Samba und Cha Cha Klängen wirklich nicht leicht ist, wie man ihm ansah – um seinem Orchester die volle Aufmerksamkeit zu übertragen.
Übrigens ist Uwe Schmit Gründer von MACOS, einem weltweiten Netzwerk, das gegen gegen die Rechtevermarktung der Musikindustrie kämpft.
Schon 1992 veröffentlichte er unter seinem Pseudonym Atomic Heart mit Lassigue Bendthaus' zweitem Longplayer "Cloned" eine Beilage-CD, auf der alle verwendeten Samples isoliert abrufbar sind, so dass sich Sample-Fetischisten die mühsame Arbeit des Heraustrennens einzelner Strukturen aus seinen Kompositionen sparen können.
Das war ein interessanter Abend für alle Beteiligten und das Publikum genoss es sehr.
s.w. (Text) & f.b. (Bild) - red. / 20. November 03
Bilder: (C) Frank Bayh 2003
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