| Konzertbericht: Club off Chaos / Kumo |
Club off Chaos / Kumo
23.09.2000, Düsseldorfer Altstadtherbst
Zu verzollen hatten die rund 300 Zuschauer nichts, die am 23.9.2000 in die Zollhalle nach Düsseldorf gekommen waren; vielmehr galt ihr Interesse den beiden ehemaligen Can-Musikern Jaki Liebezeit und Irmin Schmidt, die im Rahmen des 10. Düsseldorfer Altstadt Herbstes mit dem Club off Chaos bzw. mit DJ Kumo im Electronic Club dort auftreten sollten.
Umso größer die Enttäuschung, als die Schmidt-Fangemeinde schon am Eingang der Halle auf den Programmankündigungen eine unangenehme Änderung feststellen musste: Irmin Schmidts Name war durchgestrichen. Aus Krankheitsgründen konnte er nicht auftreten.
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Jaki Liebzeit / Club of Chaos / 23.09.2000 / Altstadtherbst Düsseldorf / Photo: V.
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Der Konzertabend begann mit Club off Chaos, einem Projekt, das der international wohl bekannteste deutsche Schlagzeuger Jaki Liebezeit vor ca. vier Jahren mit den jungen Musikern Dirk Herweg und Boris Polonski ins Leben rief. Die interessante Instrumentierung (alle drei spielen auf speziell entwickelten Instrumenten) ließ die zunächst etwas zurückhaltenden Zuschauer mit ihren Klappstühlen näher an die Bühne heranrücken. Boris Polonski (ursprünglich aus der Industrial-Szene kommend) legte mit seinem Synthesizer einen elektronischen Rhythmus-Teppich aus vorwiegend dumpf-wabernden Klängen in die Halle; dazu gesellte sich als weiterer Rhythmus-Faktor Jaki Liebezeit mit seinem Minimalschlagzeug (vier Trommeln, drei Becken, aber kein Hi-Hat, keine Pedale!). Zwei der Trommeln fielen dabei wegen ihrer intensiven türkis-metallic Farbe besonders auf und bildeten einen hübschen Blickfang auf der ansonsten undekorierten Bühne. Wie immer beeindruckte Liebezeit durch sein ultra-präzises Spiel, das seine besondere Magie aus dem repetitiven Klangkonzept gepaart mit maschineller Genauigkeit und Ausdauer entwickelt. Liebezeit spielte in frühen Jahren als Jazzer mit Chet Baker und Manfred Schoof, wechselte 1968 vom Jazz zur legendären Avantgardegruppe Can und arbeitete nach deren Auflösung (1978) als gefragter Studiomusiker mit Musikgrößen wie Gianna Nannini, Eurythmics, Brian Eno, Jah Wobble etc. Seine Live-Auftritte mit der Phantom Band und den YaYas erfreuten sich aufgrund des garantierten Trance-Faktors vor allem bei der Kölner Untergrund - und Kellerfraktion größter Beliebtheit.
Der dritte Mitstreiter des Club off Chaos, Dirk Herweg (auch bekannt als Bandmitglied der Bad Little Dynamos und von Rausch), arbeitet mit zwei abgesägten Gitarrenhälsen, die nebeneinander auf einem Gestell installiert und elektrisch verstärkt sind. Die psychedelisch-bunte Bemalung des "Dirkomats" passt wunderbar zu den damit erzeugten sphärischen Klängen, die Herweg zum Teil mittels Geigenbogen oder metallener Stäbe auf den von Bünden befreiten Saiten hervorzaubert und in die vorgelegte Rhythmusbasis einpasst.
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Dirk Herweg und sein "Dirkomat" / Club of Chaos / 23.09.2000 / Altstadtherbst Düsseldorf / Photo: V.
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Liebezeit, Herweg und Polonski schafften es selbst die angeschlagene Stimmung der frustrierten Schmidt-Anhänger wieder aufzurichten, ernteten starken Applaus (der von den sympathischen Musikern fast ein bisschen schüchtern angenommen wurde) und gaben die geforderte Zugabe.
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Club of Chaos / 23.09.2000 / Altstadtherbst Düsseldorf / Photo: V.
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Nach kurzer Umbaupause, während der sich die Zuschauer in der recht kühlen Halle die Füße warmtreten konnten, erschien dann DJ Kumo auf der Bühne, der statt des erkrankten Irmin Schmidt seine Kollegen Ian Dixon (Trompete) und Walter Fabek (Keyboards) mitgebracht hatte.
Kumo alias Jonathan ("Jono") Podmore stammt aus Liverpool; er lernte mit 10 Jahren Geige und studierte später elektronische Musik an der Universität von Middlesex. Seit 1986 schreibt er Musik für Theater und Fernsehen. Nach seiner Rückkehr aus Japan 1990 (wohin ihn sein Interesse an Karatetechniken führte) arbeitete er in London als Produzent und Arrangeur u.a. mit The Shamen, Jamiroquai und Republica. Vor drei Jahren lernte er Irmin Schmidt kennen, der für seine Fantasy-Oper "Gormenghast" einen Toningenieur, Programmer und Sounddesigner suchte. Seitdem geben Kumo und Schmidt gemeinsam Konzerte, bei denen ein klassischer Flügel und elektronische Klangerzeuger zum Einsatz kommen. Kumos nunmehr zweite CD
"1+1=1", die im September erschien, wurde u.a. Auch in Schmidts Studio in Südfrankreich aufgenommen; darauf versucht er, die Bereiche zwischen TripHop, DrumīnīBase und Ambient miteinander zu verschmelzen. In diese Stilrichtung bewegte sich auch größtenteils Kumos Konzert in der Zollhalle. Er legte mit seiner Elektronik einen Rhythmus vor, der bei fast allen Musikstücken wie ein Herzschlag klang. Dixon und Fabek setzten dazwischen wenig aufregende Jazz-artige Akzente, wobei Fabeks Keyboard eher unscheinbar wirkte. Nur eines der ansonsten eher dahin plätschernden Musiktitel erregte mit tanzbaren Reggae-Rhythmen etwas mehr Aufmerksamkeit beim inzwischen stark dezimierten Publikum, das offensichtlich mit dem Ersatzprogramm nicht zufrieden war.
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Kumo & Friends / 23.09.2000 / Altstadtherbst Düsseldorf / Photo: V.
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Es bleibt zu hoffen, dass der ursprünglich angekündigte Act in seiner geplanten Form rasch nachgeholt wird, spätestens aber beim 11. Düsseldorfer Altstadt Herbst 2001.
Epha Siegmund
Irmin Schmidt wurde inzwischen aus dem Krankenhaus in Marseille entlassen, sitzt wieder an seinem Flügel und komponiert. Im November wird die erste Platte von Irmin und Jono, der ja inzwischen zur "Spoon"-Familie gehört, produziert.
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