Belcanto-Innigkeit und Verismo-Feuerwerk
Operngala am Theater Bielefeld
Für Parteigänger des Musiktheaters bleibt die Operngala eine ästhetisch zwiespältige Veranstaltung: Die aneinander gereihten Arien, Duette und Chorsätze verlieren durch ihre Isolation vom szenischen und musikalischen Kontext einen erheblichen Teil ihrer Suggestionskraft. Eine Reise von Bellinis „Norma“ bis zu Giordanos „Andrea Chenier“ verlangt neben den Sängern auch den Zuhörern ein schnelles Umschalten zwischen grundverschiedenen musikalischen Ausdruckscharakteren ab. Das Nebeneinander des Disparaten droht das Einzelne zu entwerten. Wenn jedoch ein Stadttheater seinem Publikum mit einem so hochkarätigen Opernensemble aufwarten kann wie die Städtischen Bühnen Bielefeld, dann bringt dies alle ästhetischen Bedenken, die sich zum Thema Operngala vortragen lassen, zum Verstummen. In Bielefeld ist als Resultat einer hervorragenden Ensemblepflege die Anzahl der auch überregional geschätzten Sängerinnen und Sänger gar so groß, dass gleich zwei Galavorstellungen mit unterschiedlicher Besetzung und separatem Programm angeboten werden können.
Mit einem italienischen Abend präsentierte sich jetzt die erste Staffel dem Publikum, zu der auch Ki-Chun Park als Gast aus Hannover hinzugestoßen war. Die spektakulären Einlagen des Tenors beziehen ihren besonderen thrill vor allem aus den reißerisch dargebotenen Acuti, etwa zur Stretta des Manrico oder zur Arie des Kalaf aus Puccinis „Turandot“(„Nessun dorma“). Darüber hinaus bleibt sein dynamisch zu wenig differenzierter Vortrag bisweilen in einem martialischen Ausdruck stecken. So könnte sein Rodolfo im Duett „O soave fanciulla“ noch um einige Nuancen wärmer und zärtlicher klingen und sein Kalaf besitzt wohl die Entschlossenheit, nicht aber die innere Glut, die die eisumgürtete Prinzessin Turandot in eine liebesfähige Frau zu verwandeln vermöchte. Doch immerhin hört man so sichere Spitzentöne, wie sie Park zu bilden vermag, nicht alle Tage. Zusammen mit Karine Babajanyan als Maddalena entfacht Park im Schlussduett von Giordanos „Andrea Chenier“ ein hell leuchtendes Versimo-Feuerwerk.
Für Karine Babajanyan, die zur nächsten Saison an die Württembergische Staatsoper Stuttgart wechselt, war die Operngala zugleich ihr Abschied vom Bielefelder Publikum. In dieser Saison hatte sie ihre Zuhörer als Cio-Cio-San mit vollendetem Puccini-Glück in ihren Bann gezogen und sich mit ihrer Jenufa zugleich als prädestinierte Janáček-Sängerin empfohlen. (Mit Verlaub: auch die Titelpartie aus Janáčeks „ Katja Kabanowa“ würde ihrer Stimme mit dem unverwechselbaren „herb-süßen“ Timbre prachtvolle Entfaltungsmöglichkeiten bieten…). - Mit „Casta diva“ hielt Babajanyan ein ausgesuchtes Abschiedspräsent für die Bielefelder bereit: Auf dem Fundament einer profunden Koloraturtechnik mit perfektem Portamento erweist sich die virtuose Sopranistin hier einmal mehr als Gesangsmagierin, die in ihrem Vortrag durch die Einheit von psychologischer Genauigkeit des Leidensausdrucks und Transzendenz im Sinne einer utopischen Seelengröße die volle Faszinationskraft des Belcanto erschließt. Zu einem sublimen Exemplum akribischer seelischer Durchdringung gedeiht auch Babajanyans Troubadour-Leonora mit ihrer berückenden Version von „Tacea la notte placida“. Die häufig wehmütig gefärbte Emotionalität im Umkreis des Verismo entreißt Babajanyan der Gefahr der Sentimentalisierung durch eine stets spontan wirkende Transparenz des Gefühls, sei es als elektrisierende Maddalena im Schlussduett aus Giordanos „Andrea Chenier“, sei es als in sanfte Trauerstimmung entrückte Wally in der von der Kulturindustrie beinahe zu Tode zitierten Arie „Ebben? Ne andrò lontano“ aus Catalanis „La Wally“. Kein Zweifel: Karine Babajanyan hat in ihren drei Bielefelder Jahren die ruhmreiche Gesangstradition des Hauses um ein zentrales Kapitel bereichert!
Unter den Solisten der ersten Operngala gaben mit Silvia Hablowetz, Raimund Nolte und Hans Griepentrog drei weitere aufstrebende Sängerpersönlichkeiten ihre Visitenkarten ab. Mit konzentrierter Passion zelebriert Silvia Hablowetz die düstere Dramatik der Erzählung der Azucena „Condotta ell’era in ceppi“ und ihre wohlklingende Suzuki im Blütenduett ist bereits ebenso zur Legende geworden wie die Cio-Cio-San ihrer Partnerin. Raimund Nolte weiß die Arie des Malatesta aus „Don Pasquale“ – „Bella siccome un angelo“ – als elegante Glanznummer zu gestalten, so wie er auch bei der berühmten Arie des Giorgio Germont „Di provenza il mar il suol“ eher auf geschmeidige Melodieformung denn auf Virilität setzt. Über einen furios-markanten Bass verfügt Hans Griepentrog, der mit der Arie des Raimondi „Cedi, ah cedi“ aus Donizettis „ Lucia di Lammermoor“ eine Kostprobe seines sängerischen Könnens gab.
Die diszipliniert-sängerfreundliche Musizierhaltung des Philharmonischen Orchesters unter GMD Peter Kuhn trägt wesentlich zum Erfolg des Abends bei, was keineswegs ausschließt, dass Kuhn nicht auch hinreißende Orchesterräusche zu entfesseln vermag, wie etwa in der Begleitung zum Schlussduett aus „Andrea Chenier“ oder in der feurigen Ouvertüre zu Herolds Oper „Zampa“. Angela Sleemann hat in den letzten Jahren den Chor und den Extrachor immer wieder zu großen Erfolgen geführt, zuletzt in „La Traviata“ und „Jenufa“. Die bekanntlich ungünstigen akustischen Verhältnisse im Theaterbau am Niederwall verhinderten dieses Mal (durch die Platzierung des Chores auf der Hinterbühne?), dass der Gefangenenchor aus Nabucco und der Zigeunerchor aus dem Troubadour auch alle Zuschauerplätze in voller Klangpracht erreichten. Erst als der Herrenchor am Ende des Abends zur Stretta des Manrico an der Bühnenrampe postiert wurde, konnte sich jeder einen Eindruck über das derzeit hohe Leistungsniveau des Chores verschaffen.
In einem weiteren Galaabend mit den Schwerpunkten französische Oper des 19. Jahrhunderts, Mozart und Verdi sind u.a. Melanie Kreuter, Silvia Hablowetz und Luca Martin am 12. und 24. Juli zu hören.
chr.t. - red / 16. Juni 2003
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