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Berliner Festspiele - Konzerte – Oper 2004

2. – 25. September



Dieses Jahr haben sich die Berliner Festspiele unter anderem zum Ziel gesetzt eine junge Generation von Künstlern im Bereich des „Musiktheaters“ zusammenzuführen.
„Interzone“ ist ein Ergebnis davon. Enno Poppe als Komponist zeitgenössischer Musik, Marcel Beyer, ein mittlerweile auch international bekannter Erzähler und Lyriker, und Anne Quirynen, freischaffende belgische Regisseurin, haben an dem Werk „Interzone“ gearbeitet.

Ein weiterer Schwerpunkt sollte sein die Treue zu überragenden Komponisten unserer Zeit zu halten, wie zum Beispiel Karlheinz Stockhausen oder Claude Debussy. Dazu gehört auch die Komponistin Kaija Saariaho.


Wir haben uns für Euch umgeschaut und als Fazit schon mal vor ab:
Zeitgenössische Musik ist nicht so schlimm!
Es ist Musik, in der die Ohren gefordert werden aktiv zuzuhören, eine gar nicht so unangenehme Erfahrung…
Eine Gruppe von finnischen Künstlern und Künstlerinnen, zu denen auch Kaija Saariaho und Magnus Lindberg gehörten, gründete Anfang der 80er Jahre „Korvat auki!“. „Korvat auki“ setzte sich für die Aufführung zeitgenössischer Musik ein. Auf Deutsch heißt es „Ohren auf!“.



Foto: Anne Quirynen, entnommen aus dem Video der Aufführung.

Interzone, Lieder und Bilder für Stimmen, Video und Ensemble

Musik: Enno Poppe
Video und Raum: Anne Quirynen
Libretto: Marcel Beyer
Ensemble Mosaik
Stimme: Omar Ebrahim

Auftragswerk der Berliner Festspiele

Uraufführung

Das Instrumentalensemble präsentiert sich mit Flöten, Oboe, Englisch Horn, Klarinetten, Saxophone, Akkordeon, Schlagzeug, Klavier und zwei Keyboards.
Das Vokalensemble besteht aus Sopran, Mezzosopran, Countertenor und Bass.

Ein Konzert kann ein Austausch sein zwischen Komponist, Musiker und Zuhörer. Manchmal ist es lediglich ein Monolog…
Kein Ton darf man verpassen in „Interzone“, in der Zwischenwelt, sonst verpasst man den Anschluß. Sonst fehlt ein Detail des geformten Kaleidoskops. Genau zuhören muß man, sonst entgleitet einem das Stück, wie weich gewordene Butter. Kein Werk zum zurücklehnen. Höchste Aufmerksamkeit und dann doch für Momente eine kurze Entspannung, wenn man das System gefunden hat, wenn sich die Gestalt der Musik fassen läßt .Doch noch im selben Atemzug beginnt wieder etwas anderes, unerwartetes. Das kann für geübte Hörer zeitgenössischer Musik ein spannendes Moment sein, für Unterhaltung sorgt diese Zersplitterung, dieses Facettenartige keineswegs.
„Grundsätzlich gibt es immer einen kreativen Konflikt zwischen musikalischen Details (Einfällen) und einer formalen Planung (Dramaturgie), zwischen dem Entwerfen von Systematiken und dem signifikanten Verstoßen gegen die eigenen Regeln. “

Die Worte von Marcel Beyer, die Bilder von Anne Quirynen bringen auch keine Besänftigung des verwirrten und erregten Gehörs, im Gegenteil, die Erregung und Verwirrtheit nimmt zu. Bewegte Bilder, Facettenaugen ähnelnd- hier wiederholt sich das Bild des Kaleidoskops- werden auf acht im Achteck angeordneten Leinwände projiziert. Erstmal scheinen sie vollkommen getrennt von der Musik zu sein.
Bewegende Worte des Sprechers Omar Ebrahim in englischer Sprache, geben Intimitäten preis:
when there was green around, the green taste in my mouth, there goes my frequency. I`m on now.
In a land of grass without memory
Ein kurzes Durchatmen im Dritten Teil des Werkes, wenn elektronisch erzeugtes Bienensummen ein meditatives Moment einläutet, ein Moment der Besinnung, nicht lange:

God grant i never die in a fucking hospital!…
anyplace, but not in a hospital, in bed.

Danach das Finale, die Explosion, die Begeisterung, die aufgeladenen Emotionen entladen sich in nur wenigen Sekunden und lassen uns erahnen, was alles möglich ist in dieser Musik.
Am Ende bleibt keine Zeit, wie es doch so sehr die Art dieses Werkes ist. Dem Zuhörer wird keine Sekunde des Durchatmens gegönnt, das Wahrgenommene zu verarbeiten, sofort der Schluß
„ i can only wait for it to happen.
I can`t and won`t pretend i am dead.
Und dann die Stille.



Kaija Saariaho || Foto: Maarit Kytöharju, Finnish Music Information Centre, Photo Archives, Helsinki


Je sens un deuxième coeur
(Ich spüre ein zweites Herz)

Kaija Saariaho

Deutsche Erstaufführung

Aufgeführt wurde das Stück gemeinsam mit „Terrestre“, einem weiteren Stück von Kaija Saariaho sowie Werken von Claude Debussy, Manuel de Falla und einem hervorragenden Gitarrensolo „Mano a mano“ als deutsche Erstaufführung des finnischen Komponisten Magnus Lindberg.

Das Ensemble besteht aus Violoncello, Viola und Klavier.

„Ich enthülle meine Haut“ heißt der erste Abschnitt des fünfteiligen Werkes.
Es ist ein Instrumentenouting. Viola, Klavier und Violoncello setzen sich in Szene und bewegen sich aufeinander zu. Eine Charakterstudie.
Der zweite Teil „Ouvre-moi,vite“ (Öffne mich, schnell!) ist neben dem vierten Teil der energiereichste, temperamentvollste.
„Im Traum erwartete sie es“ - der dritte Abschnitt, ruhiger, mit Klangflächen ausgestattet, die drei Instrumente bilden eine klangvolle Einheit.
Der vierte Abschnitt „Ich muß hinein“ setzt wieder den Kontrapunkt.
Faszinierend die Instrumente, wie sie sich gegenseitig aufheizen, sich aufladen und ihren Leidenschaften freien Lauf lassen.
„Ich spüre ein zweites Herz ganz nah an meinem schlagen“ heißt der fünfte und letzte Teil. Und in der Tat, müsste man eine Überschrift für den fünften Teil erfinden, es würde genau dieser Titel sein. Hier kommt die Dualität des Tonmaterials voll zum tragen. Man hört förmlich die zwei Herzen, wie sie füreinander, manchmal auch gegeneinander schlagen, aber immer sich ergänzend, als würden die Instrumente den Herzen Seelen einhauchen. Ein beeindruckendes Werk.

Nicht minder beeindruckend ist „Terrestre“, das zweite Werk von Kaija Saariaho in deutscher Erstaufführung. Ein kurzes zweiteiliges Stück , in der die Flöte, gespielt von Camilla Hoitenga, im Vordergrund steht, ergänzt durch Violoncello, Gitarre, Viola und Harfe. Der erste Teil erzählt von einem tanzenden Vogel, der einem ganzen Dorf das Tanzen beibringt und es bedarf wahrlich keiner erklärenden oder ergänzenden Worte, wenn man die Musik hört, die diese Geschichte erzählt.
„Seit meinen ersten Kompositionen war mir die Flöte ein besonders vertrautes Instrument. Ich mag diesen Klang, bei dem man immer die Atmung spürt und der Nuancen birgt, die zu meiner musikalischen Sprache passen: Der Klangkörper des Instruments ermöglicht es, Phrasen zu schreiben, die sich von rauen, mit gehauchten Lauten versehenen Strukturen allmählich zu reinen und geschmeidigen Klängen entwickeln“ (Saariaho zu Terrestre).
Die Grundstimmung des Stücks, die auch im zweiten Teil zum tragen kommt entspringt ursprünglich den Worten eines Dichters, Saint-John Perse: “Traumflügel, ihr werdet uns heute Abend an anderen Ufern wieder finden.“
Dazu schreibt Kaija Saariaho: „Er spricht eher von ihrem Flug und wählt das bedeutungsvolle Bild des Vogels, um in einer abstrakten und vieldimensionalen Sprache die Geheimnisse des Lebens zu beschreiben…“


Eine Frage schwebte doch immer im Raum, ein Frage, die sich auch Kaija Saariaho im Stück „Je sens un deuxieme coeur“ stellte: Wollen wir durch unsere Musik nicht immer mit dem anderen kommunizieren?

Ergänzend bleibt noch ein Lob an die Autoren und Autorinnen des Programmbuchs auszusprechen. Ein gut strukturiertes Heft, daß in aller Klarheit und Transparenz in notwendiger Kürze den Zuhörern die nötigen Informationen zukommen läßt. Ein Programmheft , daß sich andere Veranstaltungsreihen durchaus zum Vorbild machen könnten.


Silke Parth - red / 12. September 2004
ID 00000001225
Die Berliner Festspiele gehen noch bis 25.September.
Nähere Informationen unter www.berlinerfestspiele.de
Tel.: 030 - 25489100

Weitere Infos siehe auch: http://www.berlinerfestspiele.de






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