Mit vollen Armen Hans-Hinrich Renner: "Musik für Cello"
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Seit Bachs Solosuiten gilt die Komposition für das solistische Cello als eine Art Königsdisziplin, die virtuoses Können, melodisch-gesanglichen Einfallsreichtum und intim-meditatives Musizieren zusammenführt. Brittens drei Suiten können dafür als typisch gelten, stellen mit ihrer barockisierenden Kontrapunktik gewissermaßen das moderne Pendant zu Bachs Werken dar. Der Cellist Hans-Hinrich Renner hat sich auf seiner CD unbekannteren, im Konzertbetrieb raren Stücken gewidmet, die das Repertoire lohnend erweitern: Neben der wertvollen späten Passacaglia (1982) des 1983 verstorbenen britischen Komponisten William Walton findet sich unter anderem auch eine Ersteinspielung: Die zweite Suite (1956) des Schweizer Juden Ernest Bloch, die in gesteigertem Maß dramatischen Ausdruckswillen und Blochs Streben nach geistiger Durchdringung der musikalischen Struktur erkennbar werden lässt.
Hans-Hinrich Renner hat bei den Größen des Cellospiels studiert: Angefangen von Boris Pergamenschikow (Köln), William Pleeth und David Popov (London) über zahlreiche Meisterkurse unter anderem bei Mischa Maisky, Daniel Schaffran und Yo Yo Ma. Heute lebt Renner als freier Künstler und Cellolehrer im süddeutschen Sigmaringen, arbeitet als Dozent an der Landesakademie Baden-Württemberg und unterrichtet die Celloklasse bei den Meisterkursen im rumänischen Arad.
Einnehmend an Renners Klanggestaltung ist zunächst der kompromisslose Wille zum unbedingten Ausdruck, der seinen fesselnden Monologen eine große Tiefe und Glaubwürdigkeit gibt. Waltons "Passacaglia" wird von heftigen Erschütterungen vorwärtsgetrieben: Renner spielt mit "vollen Armen", schöpft aus dem Vollen, umfasst nicht nur sein Cello, sondern auch einen unendlich weiten Klangraum und eine gebahnte Zuhörerschaft. Sein packender Zugriff, seine unerschöpfliche Mitteilsamkeit nimmt auch den Hörer der Aufnahme gefangen, bewahrt seine Spannung und ursprüngliche Kraft. Gewaltig schwillt Renners Ton auch zu Beginn von Aram Chatschaturjans "Sonata-Fantasie" (1974) an, beschwört die einsamen Gipfel des Ausdrucks, steigert sich in chromatischen Doppelgriffen und sonnt sich in durchsichtigen Tanzlinien. Hans Werner Henze gibt sich in seiner "Serenade" (1949) gewohnt publikumswirksam, Renner stellt hier unter Beweis, dass er nicht nur den ernsten Monolog, sondern auch die charmante Konversation, das geschliffene Bonmot auf dem Cello beherrscht. Mit der Suite Nr. 2 von Bloch liegt eine überzeugende Ersteinspielung vor, in der Renner zarte Landschaften malt, große Bögen hindurchwebt, dem Werk plastischen Ausdruck verleiht. Besonderes technisches Können verlangt György Ligeti in seiner "Sonate für Cello solo" (1948/53): Pizzicato-Glissandi verraten die Anknüpfung des frühen Ligeti an Bartók und Kodaly. Auch hier hat sich Renner gewissenhaft in die musikalische Struktur eingearbeitet; keine Phrase, die unreflektiert oder ungestaltet wäre. Renner weiß bei jeder Note genau, warum er sie genau so spielt: Das ist einer der Gründe für die erfreulich stimmige Interpretation der hier versammelten zeitgenössischen Werke. Technisches Handwerk und unbeirrbare Musikalität runden diese Aufnahme zu einem berührenden Hörerlebnis ab.
a.s. / 17. Januar 2002
Facts:
Hans-Hinrich Renner: "Musik für Cello"
Gesamtspielzeit: 64'27
Pintarelly Records P 9801
Kontakt:
Günter Pintarelly
Bremerhof 46
66352 Großrosseln-Nassweiler
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