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Jazz-Electro - CD Tipps

Latin- / Nujazz - listening perals IV

Monate sind vergangen und es stapeln sich CDīs auf dem Fensterbrett neben meinem Player, alles CDīs, die endlich mal einer Revision unterzogen sein möchten. Monate sind vergangen, in denen ich einfach nicht zum schreiben, wohl aber zum hören gekommen bin und jetzt, jetzt wird es endlich zu Papier gebracht, was meine Sinnesorgane für Geräusche solange beschäftigt hat.

Es gibt Schallplatten über die gibt es eigentlich gar nicht viel zu sagen wenn sie in die Plattenregale kommen, weil allein die Tatsache, das diese Platte erscheint schon ein Garant für deren Qualität ist. Solch ein Fall ist "In Between" von Jazzanova (JCR). Sehnsüchtig war das Debutalbum des berliner DJ-Kollektivs erwartet, immer wieder verschoben worden und jetzt hält man es tatsächlich schon eine ganze weile in den Händen. Viel ist schon drüber geschrieben und gesagt worden und der Tenor verlautet einheitlich: In Between ist so gut wie erwartet!
Das ist natürlich eine feine Aussage, aber was hat man denn erwartet von Jazzanova, den Meistern der Remix-Kunst im jazzigen Downbeatuniversum? Sensibelste Arrangements, gekonnter Umgang mit Instrumentierung und, siehe da, Vocals. Ein Großteil der Stücke auf In Between featuren einen Gastmusiker, meist Sänger oder Chanteuse. Beim Anblick deren Liste fühlt man sich unweigerlich an 4Heros vorletztes, als Meilenstein im Drum īn Bass / Nujazz Universum gefeiertes Album Two Pages erinnert, selbst die Namen sind zum teil die selben. Ob Jazzanova nun so viel Fremdunterstützung nötig haben darf in Frage gestellt werden, denn die meisten Tracks kämen auch ohne den Sangespart gut zurecht. Dieser setzt sicherlich manchem Stück das Krönchen auf, möchte aber an anderer Stelle auch geradezu vom Kern der Sache ablenken. Fazit: Wer Nujazz hört, braucht Jazzanova. In Between reiht sich in die Basics und Must Haves der Szene ein.

Vom selben Labelverband gesellt sich noch ein latin beeinflußter Silberling in die Playlist. Minuit von Minus 8 (Compost) ist die vierte Albumveröffentlichung des Zürichers Robert Jan Meyer. Minuit ist ein durchdachtes, schön angelegtes Album, das Spaß macht von vorn bis hinten durchgehört zu werden. Ohne in stilistische Monotonie zu verfallen, gelingt es Minus 8 einen straighten Faden durch das Album zu ziehen. Ergänzt wird das Repertoire durch drei Remixe von Stücken des letzten Minus 8 Albums ""Elysian Fields", die bislang nur auf 12" zu haben waren. Somit spannt Minuit den weiten Bogen von Downbeat-Latin&Bossa bis hin zu housigen oder Breakbeatartigen Stücken. Sehr empfehlenswert!

Das der Bossanova jetzt nicht vom Zuckerhut zum Matterhorn migriert ist, sondern auch am Fujiama eine Heimat gefunden hat veranschaulicht das Album "Aile Alegria" von Lava (Audiopharm). Dieser darf sich mit dieser Veröffentlichung in die Liste so prominenter Landsleute wie Pizzicato Five, Towa Tei oder Tokios Coolest Combo einreihen, die allesamt Samba-Jazz-Listening zu einer japanischen Sache gemacht haben. Lavas Bossa klingt dank der Unterstützung zweier brasilianischer Sängerinnen sehr authentisch. Trotzdem merkt man aber auch, die japanische Handschrift des DJīs und Produzenten.

"Seduction at 33 1/3" (Move) so heißt die Aktuelle CD des Elektronik-Projekts Blaktronics. Die Blaktronics finden ihre Einflüsse vor allem im Jazz, HipHop und RnB, verstehen es aber auch Tendenzen aus Ambient und Detroit-Techno zu verarbeiten und somit einen einzigartigen Sound zu kreieren. Seduction heißt Verführung, und genauso verhält sich die Platte auf dem Teller, verführerisch. Ein ganz cooles Downtempo-Gerüst stützt die 10 Kompositionen, der Rest ist Freestyle, Freejazz oder irgendwie Jamsession like, aber immer sehr relaxed und groovy. Seduction at 33 1/3 ist eine Scheibe mit bestand, ein Tonträger, der nicht so schnell abgespielt und aufgehört klingt, sondern lange Zeit seinen Platz in der vorderen Reihe im Plattenschrank finden dürfte.

Dann ist mal wieder eine DJ Compilation erschienen. Das passiert ja nun doch recht häufig in letzter Zeit und droht fast schon ein bißchen langweilig zu werden, aber in diesem fall kann von Langeweile keine Rede sein. "From the decks of Marshmellows" (Audiopharm) ist der auf Doppel-CD gebrannte mix des frankfurter DJ-Duos, das schon lange Zeit in der Welt des Breakbeat und des Drum īn Bass unterwegs ist. Interessant an der Compilation ist, daß sich nicht beide Künstler gemeinsam über beide CDīs hergemacht haben, sondern daß jeder für eine Scheibe verantwortlich zeichnet. Dadurch erhält jede CD ihr eigenes Gesicht und zeigt auf, daß die beiden Marshmellows durchaus leicht diffenrenzierte Ansätze bei der ganzen Sache haben. Mein Favorit ist CD II ein abgerundeter Mix, der wie live aus dem Breakbeat-Club klingt und meinetwegen Stunde für Stunde so weiterwummern dürfte.

Eine Compilation etwas anderer Art präsentiert Dimitri from Paris mit der Doppel-CD "After the Playboy Mansion" (Labels). Schon der Vorgänger Live at the Playboy Mansion, dem Soundtrack zu Hugh Hefners ausgelassenen Playboy-Partys, wies die Richtung in eine Retro-Disco-Welt. Jetzt auf "After the Playboy Mansion" wird 70īs Disco gefeatured und zitiert, daß es eine wahre Freude ist. Der Mix reißt mit, eine absolute Unterhaltungsplatte, auflegen und abtanzen!

Taylor Savvy ist irgendwie ein Parodist, der andererseits das was er tut auch ernst zu nehmen scheint. "Ladies & Gentleman" (Kitty Yo) hat er sein Album genannt, das soundtechnisch direktement in die 80īs zurück weist. Da klingt man mal ein bißchen wie Marvin Gaye, dann scheint der gute alte Rockwell aus dem Lautsprecher zu nuscheln und auch Acid-House-Anklänge kommen nicht zu kurz. Mr. Savvy ist der Gentleman (wohlgemerkt in Einzahl), der es hier mit den Ladies (selbstvertändlich Mehrzahl) zu schaffen hat. Das tut er mal ganz romantisch verträumt und plötzlich wieder ganz schwanzgesteuert. Beim ersten Anhören machte "Ladies & Gentleman" einen albernen Eindruck auf mich, bei vermehrtem Lauschen tun sich dann die ganzen Anspielungen und Achziger-Stilzitate auf und geben der Platte durchaus einen kultigen Charakter.

Ihr sechstes Album haben Tocotronic jetzt in die Läden gebracht und es diesmal, entgegen der gewohnten Manier, einfach "Tocotronic" (LīAge DīOr) genannt. Mit dieser Änderung bei der Titelvergabe, geht auch eine Änderung im Schaffen Tocotronicīs einher. Ließ sich über die letzten zwei Alben hinweg bereits eine Tendenz weg von schrammeligen Gitarren hin zu arrangierteren Stücken, gerne auch mal mit Streicheruntermalung, erkennen, so hat die Musik der drei Hamburger auf diesem neuesten Album einen positiveren, lebensbejahenderen Touch als die, zugegebenermaßen sehr schöne, melancholisch, trostlose Stimmung bisher.
Textlich nach wie vor sehr feinfühlig und geistreich, beschäftigen sich Tocotronic noch immer mit dem Alltäglichen, Banalen, mit alldem, was so ganz nebenbei und unbemerkt im laufe eines Tages, einer Woche, von Monaten und auch Jahren so passiert. Hier lag schon immer Ihre Stärke und so soll es auch bleiben. Nachdem Blumfeld im seichten Liebestaumel verblassen, gebührt Tocotronic der Platz auf dem Thron der deutschen Rockmusik. Herzlichen Glückwunsch!

f.b. / 01. September 2002

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