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Buchkritik

Dämonen

des Aufruhrs



Bewertung:    



Wer kennt sie nicht, die Dämonen des Aufruhrs? Sie schlummern in den luftigen Kronen der Kiefernbäume oder im Tee, den man gerade in lustvollen Schlucken genoss. Diese unerträgliche Unrast, die uns plötzlich heimsucht und das Leben in neue Bahnen lenkt, ist vielleicht nichts als das Toben dieser Gespenster, die wir uns wie einen Schnupfen einfangen. Sie erwachen in uns und wüten und zürnen und lassen am Ende ihrer Raserei nichts wie es war. Es bedarf einer herkulischen Kraftanstregung, sie wieder loszuwerden.

Als Gilbert Silvester, der das Ende im Namen trägt und als glückloser Privatdozent die Beziehungen zwischen Bärten und Gottesbildern erforscht, aus unruhigen Träumen erwacht, liegt der Spuk in Form einer Meduse mit schwarzen Tentakelhaaren neben ihm. Silvester träumte, seine Frau habe ihn betrogen und so macht er sich voller Zorn auf den Weg nach Japan, um dort die Phantome seiner Eifersucht zu besänftigen.

In Japan gibt es allerhand zu sehen. Doch dieses Land ist in Marion Poschmanns Roman Die Kieferninseln mehr als ein geografischer Ort, auch wenn von den Göttern des Shintuismus und von archaischen Teeritualen die Rede ist. Die Autorin gießt das Japanische vielmehr in eine erzählerische Form, die eine stupente Sichtbarkeit eröffnet. Japan dient dazu, einen Raum zu konstruieren, der es dem Helden ermöglicht, die spirituelle Idee des inneren Selbstmordes auf einer realen Landkarte zu erwandern.

Es beginnt damit, dass Silvester den Studenten Yosa vor dem Suizid rettet. Gemeinsam begeben sie sich auf die Spuren des Dichters Matsuo Basho, der im siebzehnten Jahrhundert den Norden der Insel bereiste. Dabei gelangen sie in den sagenumwobenen Selbstmörderwald Aokigahara und nächtigen an diesem dämonenumhausten Ort. Unheimlich wird es, wenn ein Busfahrer die Reisenden am nächsten Morgen einfach stehen lässt, weil er sie für Totengeister hält. Auf dem Weg zur Bucht der Kieferninseln, dem Ziel der Reise, versucht sich der Held an Haiku-Gedichten und erkennt dabei, wie kindisch der Ehrgeiz ist, allen Dingen auf den Grund zu gehen.

Es ist die Geschichte einer Pilgerfahrt. Doch dem Leser wird kein langatmiger Essay zugemutet. Im Gegenteil, Poschmann erzählt einfach und luftig, so dass man Atem schöpft zwischen den Sätzen, denen man anmerkt, dass sie von einer Dichterin stammen. So gelingt der Text in zweifacher Hinsicht: Als Phänomenologie einer westlichen Krise und als Gleichnis ihrer fernöstlichen Überwindung. Damit enlarvt dieses schmale Buch die launischen Dämonen des Aufruhrs, die unsere Existenz erschüttern. Zwar sind es gewaltige Stürme, die das Leben wie ein japanisches Windspiel zum Klingen bringen. Am Ende aber sind sie nichts als bewegte Luft.

Jo Balle - 30. September 2017
ID 10288
Buch-Link: http://www.suhrkamp.de/buecher/die_kieferninseln-marion_poschmann_42760.html


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