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Literatur-Spezial

ORD

Das Museum für Mentale Kultur (MMK) freut sich, Ihnen die Rückkehr eines Künstlers auf die Bühne der zeitgenössischen Medienkunstszene ankündigen zu können, der durch seinen systematisch gegen den Mainstream gerichteten Geist zur Neuformulierung der moralischen und ästhetischen Werte unserer heiteren Hypermodernität beigetragen hat.
Bevor er seine Forschungen ausschließlich auf die Textur des Bösen konzentrierte, hatte Ord massenhaft mit seinem Leben verbundene Erinnerungen und Daten gelöscht, und zwar so weitgehend, dass viele noch heute an seiner Materialität zweifeln.
Gewiss gibt es wenige konkrete Elemente, die gegen diese Vorstellung sprechen. Einige Theorien behaupten gar, dass er zufälliges oder akzidentelles Ergebnis der Kräfte der globalen Gleichgültigkeit sei.
In diesem Labyrinth von Anzeichen und Vermutungen scheint es, als ob nur das Werk allein die Ahnung einer Spur erkennen ließe.
Aber ist ORD eigentlich Künstler? Kann er überhaupt noch als Humanoid beschrieben werden? Der Schlüssel zu diesem untypischen Werk, so scheint es, ist zwischen diesen beiden untrennbaren Polaritäten zu suchen. Beziehungsweise in den drei mysteriösen Initialen O, R, D.
In der Tat behauptet Ord, dass er die erste Organisch Rückwirkende Dekonstruktion der humanoiden Geschichte verkörpere, ein zu mehr als 99,9% selbstrekonstruiertes Wesen. Abgesehen von den quasi-mythologischen oder mythomanischen Elementen, die dieses sonderbare Wesen mit einer geheimnisvollen Aura umgeben, bleiben doch einige unleugbare biographische Fakten.
Erinnern wir uns an sein Debüt in der Musikszene: Als Sänger der megabekannten Band "Friss deine Fresse" brachte er seine ersten körperlichen Entstellungen auf die Bühne. Damals hat er sich übrigens seine Deliriumbatterien transplantieren lassen - ein seltenes Metall, das für seine außergewöhnlichen leitenden Eigenschaften bekannt ist.
Diese vielversprechende Karriere wurde jedoch leider jäh unterbrochen durch den plötzlichen und unerwarteten Einsatz des planetarischen Sicherheitsdienstes, der damals seine ganze elektronische Ausrüstung beschlagnahmte, unter dem Vorwand, dass die physische Integrität des Volkskörpers durch ihn bedroht sei.
Das brachte ihm, wie wir uns erinnern, einen längeren Aufenthalt auf dem Strafvollzugsplaneten ein, wo er zur psychischen Rehabilitation Ausmalungsarbeiten leisten mußte. Zehn Sonnenjahre lang durfte er nicht einziges Mal über den Strich malen: Rotkäppchen geht im Wald spazieren, der Wolf verkleidet sich als Großmutter, der Wolf tunkt seine Pfote ins Mehl, der Wolf geht ins Haus, der Wolf frisst die Großmutter, usw...
Die Fundamente unserer Kultur wurden ihm dank der pädagogischen Elitetruppen des Systems mit viel Geduld wieder eingetrichtert. Es ist ganz klar, dass die lange Abwesenheit ihn irgendwie beflügelt hat: Die Konsequenz seines Denkens wurde nur noch schärfer, und der Mythos um ihn konnte sich in dem fruchtbaren Boden alternativer Strömungen weiter entfalten.
Sein erstes öffentliches Auftreten in Freiheit war ausgesprochen anrührend: der Mann hatte keine einzige Falte bekommen, er war mit seinem üblichen weißen Titananzug bekleidet, perfekt gebügelt wie noch nie.
Seitdem ihm der Titel eines Professors für Apokalyptische Wissenschaften verliehen worden ist, hat Ord sich mit seiner ganzen Person, heißt es, der sorgfältigen Vorbereitung dieser einmaligen Performance gewidmet, deren gewagter Titel "Globales Selbstmordattentat durch Spaltung der kritischen Massen" lauten wird.
Seine Rückkehr bedeutet zugleich eine beispiellose Wiedergeburt im Spirituellen wie in der Medienkunst und stellt sicherlich den kulturellen Event der Saison dar - ja vielleicht sogar noch viel mehr.

(Sicherheitsdienst am Eingang. Eintritt nur mit Einladung und in angemessener Garderobe)


Quentin Duclos, 29. Oktober 2003



Übersetzung aus dem Französischen: P. Wilden
Zum Originaltext: O.R.D.




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© 2003 Kultura-Extra (alle Beiträge unterliegen dem Copyright der jeweiligen Autoren, Künstler und Institutionen. Widerrechtliche Weiterverbreitung ist strafbar.)
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