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Literatur-Miniatur

Fenster

Der Korridor, in dem er warten musste, war grau und die Luft dick. Graue Wände. Graue Türen. Keine Fenster, nur weißliches Licht von Neonröhren, die die Decke wie blutleere Adern durchzogen. Er ging auf und ab. Die Schuhe drückten an den Fersen, der Rand rieb scharfkantig an seinen Achillessehnen und er hatte das Gefühl, dass die Socken wohl bald durchgescheuert sein mussten. Die Sohlen waren zu hart. Er wusste nicht, was er mit seinen Händen tun sollte. Er wollte sie zuerst in die Hosentaschen stecken -
aber die waren zugenäht. Genauso die des Jacketts. Also fiel ihm nichts Anderes ein, als sie hin- und herzuschwenken, während er auf und ab ging. Der Flur war zu eng, um richtige Schritte machen zu können. Die Krawatte war auch zu eng, ebenso das Hemd und das Jackett. Vielleicht hätte er sich doch mehr Zeit für den Einkauf nehmen müssen. Zu Hause hatte er festgestellt, dass er mit dem schlaff und länglich vor sich hinmäandernden Stück Stoff nichts anzufangen wusste. Er war gezwungen gewesen, ins Geschäft
zurückzugehen und den Verkäufer zu bitten, ihm die Krawatte zu binden.

Endlich öffnete sich eine der grauen Türen. Heraus kam ein attraktiver junger Mann in einem schicken gutsitzenden Anzug. Er machte einen Luftsprung und schrie juchuh. Als er durch den Ausgang verschwunden war, konnte man gedämpft ein großes Gejohle und das Knallen von Sektkorken hören.

Dieser schreckliche Anzug. Vor allem die Krawatte. Und die Schuhe. Er hasste es, wie sich der starre Stoff des neuen Hemdes auf der Haut anfühlte. Er verabscheute den Plastikgeruch neuer Kleidung. Nun begann er zu schwitzen. Aber die versiegelten Fasern des bügelfreien Hemdes wollten die Flüssigkeit nicht aufnehmen. Die Schweißtropfen suchten sich ihren Weg an seinem Körper entlang. Es fing an zu jucken. Erst am Hals unter dem engen Hemdkragen und der Krawatte. Unmöglich sich zu kratzen. Der Juckreiz bre
itete sich aus wie ein Heer von Flöhen, das seinen Körper in Besitz nahm.

Wieder öffnete sich die graue Tür. Man bat ihn herein. Verkrampft betrat er den Raum. Er versuchte, nicht mehr an die quälenden Flöhe zu denken, doch vergeblich, ihre Macht über seinen Körper und sein Denken wurde noch größer. Er umklammerte die Türklinke. Er wollte die Tür vorsichtig hinter sich schließen, aber die Anstrengung, den Juckreiz zu unterdrücken, entlud sich in seiner Bewegung und die Tür krachte zurück an ihren üblichen Platz. Er zuckte zusammen und vergaß den Juckreiz.
Guten Tag.
Drei Leute waren im Raum, zwei hinter einem großen Pult und einer etwas abseits mit Papier und Kugelschreiber.

Man hieß ihn Platz nehmen. Als er sich setzte, kniff die Hose im Schritt und das Jackett spannte noch mehr am Rücken. Jetzt würde ihm gleich die erste Frage gestellt werden. Ein Geräusch ließ ihn aufschauen. Eine Wespe war zum schräggestellten Fenster hereingeflogen und fand den Ausgang nicht mehr. Summend flog sie wieder und wieder gegen die Fensterscheibe und jedes Mal wenn sie dagegen stieß, gab es ein knisterndes Geräusch. Ihre Flugbahn wurde immer taumelnder. Man stellte ihm eine Frage. Gebannt star
rte er auf das Insekt und versuchte, sich an die Frage zu erinnern. Es gelang ihm nicht und der Juckreiz begann von neuem.
- Wollen Sie das Fenster öffnen und das Tier befreien, wenn es Sie so sehr irritiert? fragte ihn eine gütige Stimme vom anderen Ende des Pults.

Endlich Bewegung. Ruckartig sprang er auf, wobei der Stuhl hinter ihm umkippte. Er zwängte sich zwischen zwei Tischen hindurch zum Fenster. Die Wespe kämpfte noch immer. Er bewegte den Fenstergriff und zog daran. Nichts geschah. Die Wespe kam nun auf ihn zu. Mit seinem ganzen Gewicht hängte er sich an den Griff und zog mit aller Kraft. Knirschend löste sich das Fenster aus dem Rahmen und er taumelte und stolperte und stieß halb im Fallen wuchtig gegen das schwere Pult.
Frische Luft strömte zum offenen Fenster herein. Die Wespe entfloh.

Er fing sich wieder und atmete tief ein. Wie war die Frage gewesen? Er atmete noch einmal tief durch. Plötzlich stützte er beide Hände auf das Fensterbrett und sprang mit einer Hockwende ins Freie. Kaum gelandet, lief er über die Wiese davon und man konnte durchs Fenster sehen, wie er beim Laufen an seinem Krawattenknoten zerrte.

- Zum Glück befindet sich das Prüfungszimmer im Erdgeschoss, sagte die Professorin und rief den nächsten Prüfling herein.


Mai 2001

Nicole Krieg

 
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