Der Teddy
Leise betrete ich das Zimmer. Eigentlich möchte ich sie fragen, ob ich mich zu ihr legen darf, aber dann schießt es mir wieder wie eine Gewehrkugel durch den Kopf: Sie ist ja nicht da. Draußen tobt ein Gewitter. Grollende Donner, die wie ein verzweifeltes Stöhnen von einem Horizont zum anderen hallen. Blitze erhellen jeden Winkel ihres Zimmers. Durch das grelle Licht werden aus den einfachsten, kleinen Dingen plötzlich die unheimlichsten Schattenbilder. Ich kenne diesen Raum in- und auswendig, kenne jede
Ecke, jedes Spielzeugteilchen, jedoch fühle ich mich heute fremd an diesem Ort. Wenn es gewittert ist es so anders - geradezu unheimlich.
Ich setzte mich auf ihr Bett, zünde eine kleine Kerze an und ziehe mir die Decke bis ans Kinn. Bei Gewittern haben wir es immer so gemacht, wir beide zusammen. Dies ist das Erste Unwetter ohne sie. Ich sehe mich um. Seit sie nicht mehr hier ist hat keiner etwas an diesem Zimmer verändert. Sogar frische Blumen stehen auf dem Schreibtisch. Auf dem Nachtschränkchen steht ein Bild von uns beiden. Ich nehme es in beide Hände und betrachte die fotografisch festgehaltene Situation. Beim Anblick dieser Szene flüchte ich mich in ein Paradies aus dem mich niemand vertreiben kann.
Meine Erinnerung. Vergesse den angsteinflößenden Sturm draußen vor dem Fenster, die zuckenden Blitze, die aus diesem Kinderzimmer eine kleine Hölle machen und widme mich nur noch meinen ihr. Ich kann nicht anders. Ich muss an sie denken, damit ihre Seele nicht stirbt. Meine Blicke haften auf dem Foto. Ich erinnere mich ,wann und wo es aufgenommen wurde. Im Hintergrund erkennt man blauschimmernd das Meer, ein Surfbrett am linken oberen Rand.
Man sieht es nur halb, da die beiden Köpfe zweier Mädchen den größten Teil des Bildes ausmachen. Es sind unsere beiden Köpfe, Marie und Jana, meine Schwester und ich. Wir blicken uns an, unsere Stirnen liegen aneinander. Man erkennt ein breites, halbseitiges Grinsen. Marie trägt ihren großen Strohsommerhut auf dem Kopf. Er wirft einen Schatten auf unsere Gesichtskonturen. Sommerferien letztes Jahr. Ich habe in dieser Zeit sehr viel über und sehr viel von Marie gelernt.
Eine Träne bahnt sich ihren Weg über meine Wange und fällt geräuschlos auf das Glas des Bildrahmens. Das Gewitter draußen gewinnt immer mehr an Stärke und Macht. Einige Äste der alten Eiche vor Maries Zimmer schlagen gegen das Fenster, als wollten sie mich zwingen es öffnen. Wieder ein verzweifelter Schrei der Wolken. Wieder ein grelles Zucken über den Himmel.
Ich schau auf unser Foto. Es gibt nur dieses eine Bild von uns beiden. Bei genauerem Hinsehen bekomme ich auf einmal das Gefühl, dass sie ihren Kopf immer weiter zu mir dreht um mich anzulächeln. Ich kann ihr glasklares Lachen hören. Es hallt von den Wänden ihres Kinderzimmers wieder. Marie hat immer gelacht - habe sie nie unglücklich oder weinend gesehen. Ich glaube, sie wusste was mit ihr passieren würde, und daher hatte sie die Kraft, jedem Tag die Chance zu geben, der Schönste ihres kleinen Lebens
zu werden. Immer fröhlich, immer gut gelaunt... und sehr häufig in ihren Träumereien versunken. Träume waren ihre Leidenschaft. Für sie waren Träume die unwirkliche Wirklichkeit des Unterbewusstseins - die Traumwelt ihre zweite Heimat, ein Paradies. Wenn meine kleine Schwester mir etwas aus ihrer geheimen Traumwelt berichtete, spiegelte sich das Geschehen in ihren dunklen Augen wieder. Ihre Augen waren das Letzte was ich von ihr gesehen habe. Noch immer spüre ich die Fröhlichkeit und Energie, die in diesen Augen lebte.
Bis um Schluss - sie hat niemals aufgegeben.
Ich puste die Kerze aus, nehme den Plüschteddy, den ich ihr bei ihrer Geburt geschenkt hatte, damit er sie nachts beschützt und stelle mich ans Fenster. Noch immer betteln mich die dicken Eichenäste an, das Fenster zu öffnen. Eine unsagbare Kälte steigt in mir auf. Ich fühle, wie mich kriechend langsam eine Gänsehaut überzieht. Ein Schauer läuft mir über den Rücken. Ich habe das Gefühl, dass die Kälte eine Fremde aus mir macht.
Vielleicht passe ich als Fremde viel besser in dieses fremde, kleine Kinderzimmer, von dem ich jeden noch so kleinen Winkel in- und auswendig kenne. Es macht mir Angst. Ich glaube, wenn Marie jetzt bei mir wäre, hätte ich keine Angst. Sie hätte die Furcht aus meinem Körper vertreiben und aus mir wieder die normale Schwester gemacht.
Ich blicke auf den dunklen Teddy. Er lächelt. Ich spüre, was er mir sagen will: Ich bin nicht alleine- und werde niemals alleine sein. Ich glaube zu verspüren, wie Maries ganze Willenskraft und Energie sich in diesem Stofftier sammelt um mich zu ermutigen. Ich schaue durch das Fenster. Mir ist gar nicht aufgefallen, dass das Unwetter sich wieder verzogen hat. Kein Klagen des Kosmos mehr, keine grellen Schatten in Maries Zimmer. Die Zweige der Eiche kratzen nur noch ganz leicht an der Fensterscheibe.
Ich tue ihnen den Gefallen, öffne das Fenster und lehne mich ein kleines Stück heraus. Man sieht ein paar Sterne durch die grauen Wolken leuchten. Ich suche ihr Sternbild. Ihre Sterne funkeln ganz besonders hell. Ein Lächeln huscht über mein Gesicht. Ich weiß, dass es ihr jetzt besser geht - dass sie glücklich ist.
Ein leiser Windhauch lässt mich wieder frösteln. Ein letzter Blick auf dieses wundervolle Sternbild, bevor ich das Fenster schließe und die Äste der gewaltigen Eiche wieder der Macht der Natur überlasse. Das Stofftier lasse ich auf dem Fensterbrett sitzen. Leise trete ich aus dem Zimmer, um in mein eigenes Bett zu kriechen.
Der Teddy sitzt auf der Fensterbank und blickt nach draußen. Eine kleine Träne rollt aus seinem Augenwinkel und tropft leise auf den Boden...
Caroline Haaben,18 Jahre / 04.02.2002
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