Vom Ende der Menschlichkeit ...
Was sehen wir, wenn wir durchs Leben gehen? Wenn wir die Straßen entlanglaufen? Wir die Menschen beobachten?
Wir sehen den Verfall der Menschheit, den Verfall der Menschlichkeit. Wir sehen Gefühle und deren Unterdrückung, und mit eben jener Knechtschaft der Emotionen verlieren wir das, was uns eigentlich ausmacht. Wir verlieren uns selbst. Unseren Anspruch des Abhebens von der breiten Masse der Instinktbedingten Wesen. Denn der Verlust der Gefühle, welcher mit deren Unterdrückung einher geht, nimmt unserer Hochkultur das letzte Merkmal der Zivilisation.
Menschlichkeit, sooft eingeschränkt wie sie gefordert wird, verlangt an sich nur eines: Gefühle.
Neid, Hass, Mitgefühl, Trauer, Wut, Ärger, Eifersucht, Angst, Schmerz, Glück, Bewunderung, Vertrauen, Liebe ... alles Begriffe, die heutzutage nichts mehr zählen.
Da wird nicht mehr gehasst, getobt, missgönnt, weil man den anderen nicht verletzen möchte, und es wird nicht mehr mitgefühlt, getrauert, geliebt, um nicht selbst verletzt zu werden.
Wir laufen durchs Leben und sehen einen Jungen, der voller Hingabe und Vernarrtheit ein Mädchen anstarrt, das er seit Jahren begehrt, jedoch dieses Gefühl lieber verleugnet und unterdrückt, anstatt es auszuleben.
Wir sehen Mutter und Sohn, die angesichts ihrer Differenzen Nebensächlichkeiten zum Thema machen, anstatt die wahren Probleme anzusprechen und unterdrückten Emotionen freien Lauf zu lassen.
Wir sehen Freunde, die das Aus- und Anschweigen dem Aus- und Ansprechen vorziehen, um so ja nicht in Versuchung zu kommen, etwas Gefühl zu zeigen.
Wir sehe Ehen ohne Differenzen, aber auch ohne Gemeinsamkeiten, als Resultat rudimentierter Gefühlsduselei.
Wir sehen Belanglosigkeit, Gleichgültigkeit. Und wir sind erschüttert darüber. Scheinen erschüttert zu sein. Jedoch nur bis wir erkennen, das wir uns sehen. Unser Leben, worüber wir dann plötzlich nicht mehr so erschüttert sind. Oder sind schon erschüttert, nur verleugnen es.
Wir verleugnen unsere Erschütterung, und gestehen uns damit ein, was wir ja gar nicht wahrhaben wollen. Dass das Gefühl, die Hauptsache der Menschlichkeit, zur Nebensache der Menschheit geworden ist.
Welch tragische Ironie des Schicksals und Komik der Historie, das ausgerechnet die beiden Dinge, welche ohne einander nichts sind, miteinander zum Scheitern verurteilt wurden, denn mit dem einen kommt wohl auch des anderen Ende.
Willi Wrubel, 19 Jahre , 28. November 2005 ID 2153
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