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Das Rauschen des Windes in den altehrwürdigen Baumwipfeln, war das Einzige,was er noch wahrnahm. Der niemals endenwollende Gesang der Vögel, die ihn federreich geschmückt aus sicherer Entfernung beobachteten, war ihm längst schon viel zu vertraut, als das er ihn überhaupt noch bemerken würde. Lang schon schritt er durch die smaragdgrünen Wälder, zu lang, denn nun konnte er sein Ziel nicht mehr erkennen. Alles wurde ihm fremd, sogar die Erinnerung an sich selbst verlor sich im Strudel seiner Gedanken. Während seine Füße fast automatisch die zahllosen Unebenheiten seines Weges ausglichen, ging seine Seele auf eine sehr viel weitere, eine zeit- und raumlose Reise. Er wurde eins mit dem Wind, der Luft, dem Lärm und der Ruhe, so sehr, dass er schon bei dem leisesten Anzeichen von Zivilisation erschrocken zurückwich und schnell nach Wegen suchte, den Kontakt mit Menschen zu vermeiden. Zu sehr fürchtete er, dass ihm die naive Blindheit seiner Mitmenschen, wie ein bleiernes Gewicht an seiner Seele lastend, daran hindern könnte, diesen Zustand der absoluten inneren Ruhe zu erhalten oder gar wiederzuerlangen. Dieser Zustand war ihm das Höchste, das Beschützenswürdigste, was er je erlebt hatte, und er fragte sich, wie er es je aushalten konnte, ohne dieses Gefühl in sich zu tragen. Selbst das Wort "Fühlen" konnte diesem Zustand nicht gerecht werden, wohl eher "Sein", denn es war eine höhere Form der Existenz, der göttlichste Zustand, den ein Geschöpf überhaupt erreichen konnte. Er war sich sicher, der Gott, von dem ihm schon ewig gepredigt wurde, wenn er auch sein Dasein anzweifelte, musste sich so fühlen, wie er es gerade tat. Er war frei von Zweifeln und Bedürfnissen, nur die Angst, als ausgeprägteste aller menschlichen Schwächen, lastete ihm wie ein Schatten eines früheren Lebens an. Es musste wohl schon Tage her sein, dass er das letzte Mal etwas gegessen hatte, aber Hunger ist ein durch und durch menschliches Bedürfnis, und von der Menschlichkeit war er viel zu weit entfernt, um sich noch nach ihren Regeln zu richten. Irgendwo in sich wusste er bereits, dass er sterben würde, doch es störte ihn nicht im Geringsten, nein, er war wohl eher glücklich darüber und auch ein wenig gespannt, wie es wohl sei, sich letztendlich voll und ganz dem Drang nach endgültiger Ruhe hinzugeben. Plötzlich blieb er stehen. Durch das Blätterdach, welches wie ein Ozean grün-schimmernder Augen auf ihn herabsah, sah er mit einmal der Sonne Boten, die Lichtbringer, hereinbrechen und strahlende Schneisen in den nebelerfüllten, dunkel glimmenden Wald zu schneiden. Was war mit einmal los? Dieses Szenario war ihm besser bekannt, als die Erinnerung an die letzte Begegnung mit einem Freund, doch irgendetwas erschien ihm anders, verändert, wenn vieleicht auch nicht oberflächlich. Seine Seele schien durch diesen Anblick noch höher emporzusteigen als jemals zuvor, ja mittlerweile erschien es ihm, als wäre er sogar in der Lage, über die Unwissenheit ihres Gottes zu spotten. Er war nun endlich das Höchste aller Wesen, niemand hätte ihn mehr von seiner Reise zurückholen können, dafür war er viel zu sehr eins mit sich selbst und seiner Umgebung. Nicht einmal die verachtenden Blicke der Menschen, vor denen er lang, viel zu lang mittlerweile, floh, konnten ihn je mehr erreichen oder gar treffen. Er sank auf die Knie, wie aus Ehrfucht vor sich selbst, und er brauchte mehr Zeit, alle Zeit dieses Universums, um diesen Moment auch nur in seinen Grundzügen zu verstehen. Er fragte sich: "Warum ich? Wieso wurde gerade ich mit diesem übermenschlichen Glück gesegnet?" Er konnte natürlich keine Antwort finden, denn auch dem Höchsten aller Wesen, sofern er dies überhaupt war, kann es nie möglich sein, auf alles eine Antwort zu finden. Er fürchtete sich, da war sie wieder, die Furcht, so lasterhaft, so menschlich, so unzurücklassbar. Er ahnte, dass dieser Zustand der höchste, aber zugleich auch der kürzeste ist, den Mutter Natur einem ihrer Geschöpfe in den Schoß legen konnte. Bei diesem Gedanken verspürte er eine übermenschliche Schwäche, er wurde zu schwach, um noch zu knien, und so ließ er sich fallen. Der Sturz schien Dekaden zu dauern, es erschien ihm, als würden Sonne und Mond viele tausende Male die Erde mit betrachten, währen er noch sank. Ihm liefen Tränen über das Gesicht, und noch ehe er auf den Boden schlug, vertrockneten sie auf seinen Wangen. In seinem Kopf gebar er drei Embryonen, die ihre Flügel aufspannten, ihren Weg durch die Herzen der Menschen zu bestreiten. Jeder von ihnen war mit einem Wunsch, einem tiefen Bedürfnis nach Frieden, Ruhe und Erkenntnis beseelt, und irgendwann, wenn vieleicht auch noch nicht in der Ära der Menschen, würden sie sich wieder vereinen und eine andere Seele mit diesem höchsten Glück segnen. Und endlich, nach Jahren des Verfalls, nachdem sein Körper schon längst als Nährboden für anderes Leben diente, traf auch sein Geist auf den Untergrund und verschwand in einem letzten Aufschrei all seiner Emotionen. Endlich war er tot, endlich war er frei, endlich konnte er seine Angst ablegen. Doch im letzten Moment seiner bewussten Existenz, als alles aus ihm herausbrach und die Überreste seiner Seele entzweiriss, bemerkte er, dass er trotz seiner Freiheit nie glücklich war, dass seine Suche nach einem Ziel sein eigentliches Ziel war, und als er selbiges erreicht hatte, verlor er sich selbst. Von dieser traurigen Erkenntnis beseelt, entwich ihm jeder Lebenswille, und so starb er, gleich jedem anderen Menschen, traurig und allein.



Tim, 19 Jahre, 23. September 2005
ID 2076




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