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Die mahagonifarbene Parkbank mit silbergrauem Graffiti

Liebeserklärung an den Nordpark

Von weitem sah er aus wie ein alter Mann. Doch mit jedem Schritt, den man sich näherte, bekam man das Bild eines höchstens Mitte dreißig Jahre jungen Burschen, mit dunkelblondem Haar, kurzer schwarzer Hose, weißen Turnschuhen und blau mit weiß gemustertem T-Shirt. Die Gehhilfen dicht links an seine Seite gepreßt, saß er auf einer mahagonifarbenen Parkbank mit silbergrauem Graffiti.

In seiner rechten Hand spielte ein Werbekugelschreiber des Mitteldeutschen Rundfunks, während sich die Linke, mit halb ausgestrecktem Arm, fest an die Lehne der mahagonifarbenen Parkbank mit silbergrauem Graffiti klammerte.

Rechts von ihm lag auf der mahagonifarbenen Parkbank mit silbergrauem Graffiti ein mit wenigen Zeilen beschriebener Schreibblock. Es war ein Schreibblock mit schneeweißem Papier und dem Werbelogo der Deutschen Telekom. Ferner lag dort noch ein Buch mit dem unscheinbaren Titel "Ort der
Augen", bedeckt mit einem mobilen Telefon und einem mit fünf unterschiedlichen Schlüsseln versehenes Bund, das neben einem Einkaufschiphalter, durch einen orangefarbenen schmunzelnden Garfield geziert wurde.

Von Weitem sah er aus, als träumte er in den Tag hinein, ohne auch nur an irgend etwas zu denken. Doch mit jedem Schritt, den man sich näherte, sah man sein geschultes Auge, dem anscheinend nichts entkam, was sich vor und im Park abspielte. Und sei es nur eine Ameise, die sich auf dem mit rötlichem Splitt bedeckten Weg über einen Stock quälte. Die mahagonifarbene Parkbank mit silbergrauem Graffiti wurde für ihn zum Hochsitz. Hier entging ihm nichts, fast nichts!

Der Wind trieb die ersten Herbstblätter des spätsommerlichen Nachmittags vor sich her. Hier im Park, auf einer mahagonifarbenen Parkbank mit silbergrauem Graffiti, hier im Park, mit seinen fast parallel laufenden Wegen, hier im Park, der bis 1898 noch ein Friedhof im Norden Magdeburgs war, wurde die Ruhe unterbrochen durch das dumpfe, knatternde Geräusch eines Rasenmähers, die mahnende, weit entfernt und doch so nah klingende Sirene eines Rettungsfahrzeugs, und das metallische Rauschen einer Straßenbahn.

Doch das wesentliche Geräusch dieses Parks war der Wind. Der an diesem bedeckten Spätsommertag die Äste in Bewegung setzte, wie die Bögen eines Violinkonzertes. Und die Blätter in Schwingung versetzte, wie viele kleine
Harfen, nicht so summend und doch aber mit ebensoviel Harmonie.

Wenige Kinderstimmen drangen wie gefiltert bis zur mahagonifarbenen Parkbank mit silbergrauem Graffiti vor. Die Stimmen verschmolzen mit dem Konzert des Windes zu einer erhebenden Partitur, während sich das Laub an einem
Grabstein, nur zehn Schritt weit entfernt von der mahagonifarbenen Parkbank mit silbergrauem Graffiti, verfing und zu tanzen begann.

Scheinbar lautlos zog ein Läufer seine Joggingbahn. Ob auch er das Geräusch dieses Parks, den Wind, der an diesem bedeckten Spätsommertag die Äste in Bewegung setzte wie die Bögen eines Violinkonzertes, und der die Blätter in
Schwingung versetzte wie viele kleine Harfen, nicht so summend und doch aber mit ebensoviel Harmonie; ob auch er dieses Geräusch in sich aufnahm? - Wohl kaum! Die fließend athletisch anmutenden Bewegungen des Läufers wurden hastiger. Es begann zu regnen.

An diesem Spätsommertag war der höchstens Mitte dreißig Jahre junge Bursche der Einzige im Park, der im Regen auf einer Parkbank saß. - Die mahagonifarbene Parkbank mit silbergrauem Graffiti, es gibt sie noch immer. Ohne Graffiti. Und das Holz ist schon morsch!

Doch wenn Du Dich in den Park setzt und die Augen schließt, kannst Du es spüren: Das Herz des Nordparks, den Wind, der an diesem bedeckten Spätsommertag die Äste in Bewegung setzte wie die Bögen eines Violinkonzertes, und der die Blätter in Schwingung versetzte wie viele kleine Harfen. Nicht so summend, aber mit ebensoviel Harmonie.



Dirk Michael Boche, 47 Jahre, 2. April 2007
ID 00000003112




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