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Wenn ich meine sechzig Lebensjahre so überdenke, kamen meine besten Zeiten später. Wenige Jahre zuvor konnte Mann(damals man) noch mit umfangreichen Briefmarkensammlungen fast jede Frau anmachen.
Ob man nun eine derartige Sammlung seine Eigen nannte oder auch nicht, jede erfahrene Frau wusste, will er mir seine gesammelten Marken zeigen, dann will er zeigen, wie er erotische Erfahrungen sammelt. Und Frauen, die das nicht wussten, wunderten sich, dass er sein Sammelalbum ihr sofort auf den Schoß und wenigstens einen Arm um ihre Schultern legte.
Nun gehört zum wirklichen Sammeln von Briefmarken eine besondere und ganz andere Art von Leidenschaft, derer ich mich nie rühmen konnte.
Dennoch las ich kürzlich mit Entsetzen in einer ernst zu nehmenden Tageszeitung: Die Philatelisten-Vereinigungen plagen allergrößte Nachwuchssorgen. Ja, sie und die Postwertzeichensammler überhaupt drohen gar auszusterben. Das Durchschnittsalter mancher Sammler-Clubs liege inzwischen bei gut achtzig Lebensjahren. Damit ist der Trick mit der Briefmarkensammlung zur bloßen Seniorinnenanmache verkommen oder einer, mit der, wenn überhaupt, sich nur noch jüngere Frauen mit Großvaterkomplex in die Höhle eines zahnlosen oder bestenfalls drittgebissigen Löwens locken lassen.
Und die Chancen, bei dieser Art von Anmache könne nach gewissen Scham-, Schwangerschafts- und Heranwachsfristen etwa ein späterer Philatelist entstehen, sind bei der männlichen Fruchtbarkeit jenseits des achtzigsten Lebensjahres eher gering.

Mit gemeinster Deutlichkeit zeigen mir derartige Zeitungsmeldungen, in welche Generation ich mich als einer, der diesen Trick noch kannte (allerdings nie anwandte), inzwischen einzuordnen habe.
Nun gut, ich neigte einst mehr dazu, mit zu meiner Angebeteten in die Wohnung zu gehen. Und sie versuchte es meistens mit einem Fotoalbum aus ihrer Mädchenzeit, das bei elektrischem Licht und danach mit einer Tasse Kaffee und Gebäck bei Kerzenlicht. Nach der dritten Tasse und eventuell noch einem Glas Rotwein verließ ich mich ganz auf meine Körpersprache, bei der meine Hände der Dame meiner Begierde zunächst andeutungsweise und schließlich immer unzweideutiger zeigten, welche wahren Absichten ich (und eigentlich auch sie) verfolgte.
Zwar besaß ich in jungen Jahren auch eine Briefmarkensammlung, kam aber nie auf die Idee, sie für erotische Abenteuer einzusetzen, konnte ich mir doch einfach nicht vorstellen, dass attraktive Damen sich wirklich für Postwertzeichen oder gar für Männer interessieren, die diese kleinen gezähnten Bilder ordnen und aufbewahren. Heute weiß ich, dass nicht nur kleine Jungs ihrer Mama gern zeigen, was sie gefunden und gesammelt haben und ich weiß, dass ältere Jungs, wenn sie ihre Briefmarkensammlung einst erfolgreich heiratsstiftend einsetzen konnten, auch nach der silbernen Hochzeit noch "Mutti guck mal" sagen. Und Mutti weiß natürlich, womit große und kleine Jungs sich gern sehen lassen.
Meine Briefmarkensammlung habe ich bereits weit vor meiner Brunftzeit der Nächstenliebe geopfert. Eine gemeinnützige Vereinigung für Entwicklungshilfe war offenbar in der Lage, Briefmarken Gewinn bringend zu verkaufen, um das so erworbene Geld zum Bau von Krankenhäusern und Schulen in den ärmsten Regionen Afrikas einzusetzen.
Und heute wäre ich für den Briefmarkensammel-Club wegen des dort anzutreffenden Durchschnittsalters noch zu jung. Für den Arbeitsmarkt hingegen eigentlich schon zu alt, jedenfalls dann, wenn ich meinen Job verlöre. Zum Glück kann ich mich jenen konsumfreudigen jungen Alten zurechnen, die wenige Jahre vor der Verrentung so gut verdienen, dass sie als bedeutender Wirtschaftsfaktor gepflegt werden. Und selbst teure medizinische Operationen, die Gott verhüten möge, rechnen sich bei mir noch. Ja selbst, wenn ich eine Briefmarkensammlung besäße, müßte ich sie nicht veräußern. Im Gegenteil, ich könnte mir noch einige seltene und deswegen teure Marken dazukaufen.
Als älterer Langzeitarbeitsloser wäre ich auch Wirtschaftsfaktor, allerdings einer, dem unser Gesundheitswesen Zahnlücken statt dritte Zähnen ermöglicht und bei dem durchaus zu überlegen ist, ob zum Beispiel eine kostspielige Lebertransplantation noch lohne. Und meine Sammlung müsste ich zu Geld machen, um mir einen Goldzahn leisten zu können.
Als konsumfreudiger und deswegen junger Alter aber liege ich voll im Trend. Und selbst nach dem Eintritt ins Rentenalter kann ich als junger Alter mit den fälligen Auszahlungen einiger Kapitallebensversicherungen noch ein paar Jahre die Konjunktur im Dienstleistungsgewerbe ankurbeln.

Damit man und frau mich nicht missverstehen: Zu langweilenden moralinsauren Abhandlungen über die Auswüchse des Jugendwahns in unserem sogenannten gesellschaftlichen Alltag will ich mich jetzt nicht hinreißen lassen. Dennoch, wie gelegentlich depressives und gar todessehnsüchtiges Empfinden älterer Langzeitarbeitsloser beweist, ist es schon von Vorteil, sich jung und lebenssüchtig zu fühlen.
Und da ist es selbstverständlich auch ein Beweis von Jugendlichkeit, nicht an die erotische Wirkung von Briefmarkensammlungen zu glauben (wie alte Alte jenseits der Achtzig).
Doch ich will nun einmal nicht jugendwahnsinnig werden, will der wahren Jugend nicht den Platz streitig machen und mich sogar bemühen, friedlich neben und viel lieber noch mit meinen jugendlichen Zeitgenossinnen und Zeitgenossen zu leben. (Damit wir jungen Alten uns nicht falsch verstehen, ich meine tatsächlich solche zwischen etwa 12 und 20 Jahren.)
Auf jedem größeren und kleineren Affenfelsen in europäischen Zoos werden die alten Alpha-Affenmänner von jüngeren gestürzt. Und da Affen unsere nächsten tierischen Verwandten zu sein scheinen, liegt der Verdacht nahe, es könnte demnächst unter Menschen einen tierischen Generationskrieg geben - allerdings weniger um die allgemeine Vorherrschaft als möglicherweise um die Teilnahme an ewiger Pubertät, jener Phase notwendiger und normaler Verrücktheit, in der ein durchaus vorhandener Verstand so gut wie jeden Kampf gegen überbordende (Jugend-)Gefühle verliert.
Nun scheint es zum Glück ein gesellschaftliches Unbewusstes zu geben, das die Gefahr des Generationskriegs geschickt zu umgehen versucht. Menschenmännchen nämlich zeugen in unseren Breiten einfach nicht mehr genügend Nachwuchs, denn erfindungsreich, wie sie sein können, entwickeln sie immer raffiniertere und leichter anwendbare Verhütungsmethoden. Dadurch werden junge Junge immer mehr zur Minderheit und die jungen Alten, die sich lebensverlängernde medizinische Eingriffe und Methoden leisten können, werden zur nicht altern wollenden Mehrheit. Und wer entscheidet in der Demokratie? Genau! Die Mehrheit.
Alles ist eben immer eine Frage von Einfluss und Machterhalt. Und die Briefmarkensammlung als Anbahnung einer möglichen Fortpflanzung ist für die jungen Alten sowieso indiskutabel, denn nicht neues Leben, sondern ewige Jugend ist ihr erklärtes (wenn auch nicht offen zugegebenes) Ziel. Für die notwendigen pubertären Machtkämpfe gilt es, einen älteren Alten zu finden, der bereit ist, sich als älterer junger Alter dem Kampf zu stellen.
Doping ist erlaubt. Die Pharmaindustrie braucht neue Märkte. Die Post, jedoch, mit ihren Marken gerät immer mehr aus dem Rennen. Ein junger Alter kennt sich schließlich längst mit E-Mail und SMS aus. Liebesbriefe, einst unverzichtbare Teile menschlichen Brunftverhaltens, haben nur noch historischen Wert. Selbst ein Goldhochzeiter, der mit Tränen in den sentimental dreinblickenden Augen daran erinnert, "Mutti, weißt du noch, diese Briefmarke habe ich damals auf den ersten Liebesbrief an dich geklebt!" wird nur ein müdes und gleichzeitig angestrengtes Lächeln im straff gelifteten Gesicht seiner Jubelbraut ernten.

Karl Feldkamp, 61
ID 1174






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