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Literatur-Spezial

Posthume Bedankungsbotschaft eines Feuerlöschers an die Erdlinge

Bis zu den bewegenden Ereignissen der letzten Zeit war ich nicht sicher, ob ich überhaupt existiere. Und noch immer möchte ich nicht wissen, wieviel Zeit es mich gekostet hat, um zu lernen, wie diese Ungewissheit auszudrücken ist; genug zumindest, um zu begreifen, dass es keine Rückehr mehr geben wird. In gewisser Weise muss ich sagen, dass diese Angst, nicht zurückkehren zu können, meine reale Existenz nur bestätigt. Aber jetzt verliere ich mich schon wieder in Spekulationen über mein Schicksal! Entschuldigt bitte, die Einsamkeit treibt manchmal die seltsamsten Blüten. Was kann ich dafür? Die Zerstreuungen und Betätigungsfelder auf meiner Laufbahn sind sehr begrenzt. Draußen, jenseits meiner Aluminiumhülle, ist es schrecklich finster. Ich spreche hier nicht von Dunkelheit, ich spreche von einer völligen Abwesenheit jeglichen Lichts. Abgesehen von dieser Schwärze ist es dort höllisch kalt. Aber ich beklage mich nicht, schließlich möchte ich meinen Inhalt schön frisch halten. Vor alldem bin ich aus meinem Winkel nicht herausgekommen, in absoluter Gleichgültigkeit hing ich an der Wand. Ich wartete darauf, dass mein Tag kommen wird. Eine rettende Katastrophe, sozusagen. Aber lassen wir das, ich möchte diese traurige Zeit lieber nicht heraufbeschwören. Seither hat mein Leben einen Sinn gewonnen, den ich nicht im Entferntesten zu ahnen gewagt hätte. Ich verdanke meine Existenz vollkommen dem Wesen, das ich in mir berge. Trotz seiner Pulverform - und seines ein wenig frostigen Äußeren - muss ich sagen, dass es sich um das intelligenteste Wesen des Universums handelt: oder würdet ihr es etwa schaffen, die Substanz eures Körpers in das ABC-Pulver eines Feuerlöschers zu verwandeln? Würde es euch gelingen, die Umlaufbahn eures Planeten in dieser neuen Gestalt zu verlassen?

Von hier aus ist die Aussicht so eintönig, dass ich mich langsam zu fragen beginne, ob ich mich tatsächlich bewege. In vielerlei Hinsicht kann man vom absoluten Nullpunkt sprechen. Rein zufällig empfange ich von Zeit zu Zeit ein undeutliches Lichtsignal von einem weit entfernten nebelig Sternhaufen. In solchen Momenten merke ich dann, wie wahnsinnig schnell ich mich wirklich fortbewege. Oh, ich könnte nicht sagen, mit welcher Geschwindigkeit genau: Raum und Zeit sind im intergalaktischen Raum sehr elastisch - eine Frage der Schwerkraft, wie es scheint. Um die Langeweile zu vergessen, habe ich natürlich die Erinnerungen. Ja, das Ende meiner Welt zum Beispiel: das dauerte kaum ein paar Nanosekunden, und ich erinnere mich noch an fast jede Einzelheit, das Innere des Planeten zitterte zunächst (schon wieder so eine Sache mit der Schwerkraft, scheint es), der Erdboden, der sich mit einem Schlag auflöste, und vor allem natürlich die schreckliche Hitzewelle..., die mir übrigens meine schöne rote Bemalung für immer ruiniert hat. Das sind sie, die Narben der Vergangenheit. Schließlich haben wir uns auch wegen dieser schrecklichen Woge bei Zeiten aus dem sterbenden Planetensystem davon gemacht. Manchmal hat Langeweile eben auch ihre guten Seiten: es ist ein Elan, den man in sich bewahren können muss und der zu bestimmten Gelegenheiten gute Dienste leisten kann. So habe ich es mit der Zeit immerhin geschafft, mir zwei Antennen auf der Oberfläche meines Zylinders wachsen zu lassen. Ich begann zunächst einmal vorsichtig dem Universum zuzuhören, meine ganze Aufmerksamkeit auf eine mögliche Veränderung in der Leere um mich herum zu richten. Und eines schönen Tages habe ich direkt vor mir dieses sehr schwache, ziemlich entfernte Hertzsche Signal empfangen. Euer Signal. Diesen dünnen Faden der seither meine Existenz rechtfertigt und steuert. Habt ihr schon diese wunderbare Melodie vergessen?
"Erfülle deine Mission / in der Unendlichkeit der Galaxien. / Verfolge deinen höllischen Streit / des Guten gegen das Böse. / Mächtiger Roboter des Alls, / stelle dich deinen Feinden. / Ritter der Zukunft, / bleib in unserem Gedächtnis..."

Die Prophezeiung.

Versteht ihr denn nicht? Mein Schöpfer hatte es sich seit dem Ende unserer Welt in den Kopf gesetzt, euch entgegen zu reisen. Und ihr habt mir diese Botschaft zukommen lassen, um mir bei meinem Annäherungsmanöver den Weg zu weisen. Habt Dank dafür, Erdlinge. Ach, von Beginn an ist es in mir angelegt, dass ich diesen segensreichen Tag niemals erleben werde. Nun ist es sicher, dass unsere Laufbahn von eurer Erde jäh unterbrochen werden wird. Macht euch keine Sorgen um enventuelle Brandrisiken: es ist alles vorbereitet. Eine gleichmäßige Kältewelle wird eure Erde komplett einhüllen. Ich tröste mich bereits über meinen baldigen Tod hinweg, denn ich weiß, dass mein Meister dank meines Opfers aus seinem kryogenischen Schlummer erwachen wird, um seine höchsten Absichten Wirklichkeit werden zu lassen, und dass ich während einer kleinen Ewigkeit dessen bescheidenes Gefährt gewesen sein werde.

Auf bald.



Quentin Duclos, 4. September 2003



Übersetzung aus dem Französischen: P. Wilden
Zum Originaltext: Message de remerciement posthume d'un extincteur d'incendie adressé aux Terriens



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© 2003 Kultura-Extra (alle Beiträge unterliegen dem Copyright der jeweiligen Autoren, Künstler und Institutionen. Widerrechtliche Weiterverbreitung ist strafbar.)
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