Eine Kurzgeschichte:
Fell und Seele
Ich setzte mich in den Sand und zog meine Beine an mich heran. Ich legte meine Arme fest um meine Knie und verharrte einige Zeit regungslos. Dann streckte ich einen Arm aus und ließ die Sandkörner durch meine Hand gleiten. So wie ein Sandkorn im Sand, so bin auch ich nur ein Mensch unter vielen, dachte ich, nichts Besonderes also. Es ist windig in dieser Nacht im September.
Ich drehte mich nicht um, aber ich wusste, Fell steht bereits hinter mir. Fell hatte ich gerade auf einer Party kennen gelernt. Ich mochte ihn erst nicht, denn Fell hatte keine Haare. Immer wieder blickte er zu mir herüber, wie ich rauchte, schweigend vor irgendwelchen Leuten stand oder in mein Glas mit Pernod starrte. Das verunsicherte mich und ich versuchte, ihm mit Ignoranz zu begegnen. Fell blieb hartnäckig. Nachdem sich seine Freunde von ihm verabschiedet hatten, kam er zu mir herüber. Er sagte nichts, sah merkwürdig aus und steckte sich eine Zigarette an. Obwohl er neben mir stand und mich überhaupt nicht kannte, wirkte er nicht aufdringlich.
"Du redest wohl nicht viel, was?" fragte Fell.
"Ich habe in den letzten Tagen zu viel nachgedacht und dabei das Sprechen verlernt." Sofort bereute ich es, diesen Satz ausgesprochen zu haben.
Er nickte.
"Worüber?" Fell trug eine schwarze Hose.
"Ich wüsste nicht, was dich das angeht."
"Du hast doch damit angefangen." Und ein schwarzes, enges T-Shirt.
"Womit?"
"Mit deinem poetischen Gefasel. Du kannst mir nicht einfach so eine Antwort um die Ohren hauen und dann erwarten, dass ich nicht neugierig werde."
Fell lies eine Packung Gauloises in seiner Hosentasche verschwinden.
Ich schwieg.
"Fell. Mein Name ist Fell."
"Du verarscht mich." Ich starrte geradeaus.
"Nein! Ich bin in San Francisco aufgewachsen. Meine Eltern sind ´69 aus der bürgerlichen Enge des grauen deutschen Alltags geflüchtet. Meine Kindheit hab ich praktisch am Strand verbracht mit Wandergitarre, Gras und Sonnenbrand."
Ich lachte laut und glaubte ihm kein Wort.
"Mein Name ist nur eine weitere Abgrenzung meiner Eltern von der Gesellschaft. Jedenfalls sagen sie das, wahrscheinlich waren sie bei meiner Zeugung auf LSD und Gott hat ihnen diesen Namen geflüstert, wer weiß das schon so genau."
Ich war nun wirklich ärgerlich.
"Auch wenn du diese Hippie-Masche vermutlich bei jedem Mädchen abziehst, das du aufreißen willst, bin ich doch halbwegs erstaunt."
" Ja!?"
"Seele."
"Was?"
"Mein Name ist Seele."
"Ich…äh…" Im Hintergrund lief leise Silverchair.
"Hast wohl gedacht, ich fall drauf rein, aber ich hab dich durchschaut. Hast dich nach meinem Namen erkundigt und dir dann diese nette Geschichte ausgedacht. Wolltest mir vorgaukeln, das Schicksal hätte dich zu mir geführt. Sehr witzig. Wirklich." Kühl, abweisend nahm ich einen Schluck Pernod aus meinem Glas. Ich hasste mich in diesem Moment.
Fell grinste teuflisch, verschmitzt, schüttelte den Kopf und sah mich lange an.
"Bist du immer so misstrauisch?"
Ich wollte etwas entgegnen, wutentbrannt, aber er legte seinen Zeigefinger auf meinen Mund, bevor ich überhaupt zu Wort kam. Sein Blick ging so tief. Bis auf den Grund meines Herzens. Dann nahm er mich bei der Hand und zog mich davon.
"Hey! Du kannst doch nicht einfach…mein Glas…" Mein Getränk fiel mir aus der Hand und zerplatzte auf dem Boden. Es roch nach Anis. Ich liebe Anis.
"Komm wir gehn raus!" Er führte mich durch die unruhige Menschenmenge bis wir schließlich nebeneinander auf der Terrasse standen. Er ließ sofort meine Hand los, als wäre es ihm peinlich. Jemand hatte die Anlage laut aufgedreht und der schmerzerfüllte Gesang von Daniel Johns transportierte mich an einen anderen Ort. Ich schloss die Augen und ich sah Farben. Das passierte mir immer, wenn ich Musik hörte. Ich sah dunkel blau, fast schwarz, einen hellen Schein, vielleicht ein Flimmern.
"Fell und Seele. Ein guter Titel für einen Film oder einen Roman, findest du nicht auch?"
Er sah hinauf zu den Sternen. Ich war auch dort oben in einer anderen Welt. I'm watching you watch over me. Wie seltsam er doch war. And I've got the greatest view from here. Ich entdeckte an seinem linken Handgelenk ein Armband mit einem silbernen Kreuzanhänger und an jedem seiner Finger einen Ring.
"Bist du religiös?" fragte ich. Ich war wirklich verwundert, aber seine Antwort interessierte mich eigentlich nicht wirklich. "Wenn du ein Kreuz siehst, woran denkst du? Weißt du, viele Menschen erkennen darin ein Symbol, das ihnen Kraft gibt und Hoffnung. Mich aber erinnert es daran, wie blind die Menschen sind. Sie sehen nicht, wie wundervoll es ist, dass sich unsere Welt selbst aus Nichts erschaffen hat. Sie begreifen nicht, dass unser Universum ein Bewusstsein hervorgebracht hat, um sich verstehen und erklären zu können. Wir sind das Sprachrohr des Universums. Die Menschen brauchen anscheinend die Illusion eines Gottes, um ihrem Leben einen Sinn zu geben. Sie brauchen 10 Gebote und die Bergpredigt und eine Kirche, in der sie beten und um Vergebung flehen können, doch eigentlich müssten sie nur mal ihre Augen öffnen. Mich erschreckt allein schon die Tatsache, dass wir sehen, hören, riechen, fühlen und schmecken können. Es gibt Wesen die wahrnehmen und empfinden, das ist doch eigentlich unfassbar. Ich beneide gläubige Menschen aber auch um die Erfüllung, die sie in ihrer Religion finden. Warum kann ich das nicht?" Ich schaute von oben auf ihn hinunter.
"Wollen wir zum Strand?"
"Du willst gar nicht antworten?"
"Ich will etwas erleben, nicht nachdenken." Seine Augen glänzten. "Hast du was geraucht?"
Sofort stand ich wieder neben ihm. Jetzt schämte ich mich dafür, mich so geöffnet zu haben. Fell hatte nicht richtig zugehört oder es war ihm egal oder er hielt mich vielleicht auch für unheimlich naiv. Trotzdem folgte ich ihm zum Meer. Ich ging immer ein Stück hinter ihm, ich hatte die Kontrolle über die Situation verloren, ich war ihm ausgeliefert.
"Gräbst du mir ein Loch im Sand? Ich will darin für immer verschwinden", rief ich.
Und dann setzte ich mich also. Zusammengekauert, verunsichert, mich selbst und meinen Wert in Frage stellend. Ich spürte, wie auch Fell sich setzte, hinter mich, und ganz nah an mich heranrückte. Er wickelte seine Beine um meinen Körper herum und nahm mich ganz fest in seine Arme. Fell legte seinen Kopf auf meine Schulter und küsste meinen Hals, er roch an meinen Haaren, vorsichtig, zärtlich. In seinen Armen hatte ich meinen Platz gefunden, es ist so einfach glücklich zu sein. Fell hatte mich gefangen genommen und ich genoss es. Warum habe ich mir bloß immer diese komplizierten Fragen nach dem Sinn gestellt? Es ist so einfach glücklich zu sein. Das Leben ist ein Chaos, wir können es nicht kontrollieren.
Ich drehte mich um und Fell war nicht da. Er war nicht da, weil er nicht existierte. Es gab diesen Tag, es gab diese Party, aber ich habe sie allein verlassen und bin zum Strand gelaufen. Die Begegnung zwischen mir und meinem Seelenverwandten, der mich fordert, mich zum lachen bringt, zu Boden fallen lässt und dann auffängt und bewundert, ist ausgedacht, nur Phantasie. Ich vermisse Fell, obwohl ich ihm niemals begegnet bin, ihn niemals gesehen und mit ihm gesprochen habe. Ich bin davon überzeugt, ich finde ihn. Vielleicht habe ich ihn mir ja gar nicht ausgedacht, sondern für kurze Zeit in eine fremde Seele blicken dürfen. Auch er wartet irgendwo da draußen auf mich. Ich weiß es.
Meine Hand vergrub ich nun ganz tief im Sand. Als ich sie wieder hinauszog, hatte ich kleine Körner unter jedem meiner Ringe und mein silberner Kreuzanhänger sich von der meinem Armband gelöst. Ich hob ihn auf und warf ihn ins Wasser. Eine Windböe zerzauste mein Haar und ich stellte mir vor, wie alle meine Gedanken aus meinem Kopf hinaus geweht wurden und sich in jeden Winkel der Welt verteilten. Der Wind blies immer stärker und der leichte Sand wurde kräftig aufgewirbelt. Ich wünschte mir, der Sand flöge hin zu dir, in deine Augen und würde dir tiefen, ruhigen Schlaf schenken und im deinem Traum, da siehst du dann mein Gesicht.
Anina Kaßecker (18) / 5. September, 2002
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