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Haimo Hieronymus / A.J. Weigoni: "Unbehaust"
Faszikel - digitale Manufaktur | Kurzporträt: der Verlag uräus-Handpresse | Haimo Hieronymus / A.J. Weigoni: Künstlerbuch "Unbehaust" | A. J. WEIGONI: ZUM UNBEHAUSTEN MENSCHEN
siehe auch: HörBuch »1/4 Fund«* | »Schland« nun digitally remastered auf DvD erhältlich. || »Dichterloh« - LYRIKEDITION 2000
Faszikel - digitale Maunfaktur
Ein Bild beschreiben heißt auch, es mit Schrift zu übermalen. Die Beschreibung übersetzt es in ein anderes Medium. Die Struktur des Textes ist: Ein Bild stellt das andere in Frage. Eine Schicht löscht die vorige jeweils aus, und die Optiken wechseln. Dem bildenden Künstler Haimo Hieronymus und dem Schriftsteller A.J. Weigoni geht es in ihrer Arbeit um die Übersetzung in andere Medien, um die Bildung von Schichten, die simultan und konsekutiv, Gedichte sichtbar/hörbar machen - wechselnde Optik, die schließlich auch den Betrachter heilsam in Frage stellt. Das Bild ist Materie, kein Anschauungsmaterial. Material, das zerstört werden kann, um es neu zu fügen, andere Gedanken zu formulieren, neue Zusammenhänge zu erschließen. Der Tastsinn des Beschauers wird angeregt, um wieder negiert zu werden. Dabei entsteht kein Schock, sondern ein subtiler Dialog zwischen Bild und Betrachter, zwischen Materie und Fügung. Anstatt eines beliebigen Dekors der Geschwindigkeit entsteht eine leise Schwingung, eine Vibration in der Oberfläche von Bild und Text. Diese fügt das Bild zusammen, nicht Linien oder Linienkonstrukte für sich: Sie sind eingebunden in eine Gesamtabsicht der Komposition. Aufgelöste Flächen in beständigem Schwingen, im Gespräch und Streit mit den Lineaturen. Haimo Hieronymus und A.J. Weigoni gehen bei diesem Projekt vom Virtuellen ins Materielle und zielen auf ein älteres Speichermedium, das mittels neuer Medien hergestellt wird und mit analogen Medien zur gebundenen Form findet. Die Entstehung einer Einheit von Schrift und Bild untersuchen Haimo Hieronymus und A.J. Weigoni im Medium des Computers und setzen sie im Neheimer Atelier um. Die "digitale Manufaktur" produziert ein »Faszikel«.

"Bereits der Titel seines jüngst erschienenen Lyrikbandes »Gewolltes Blauauge«, der wohl meint, dass der Autor, oder sein lyrisches Ich, blauen Augen nicht aus dem Weg geht, da er lieber ehrlich mit blauem Auge als verlogen in weisser Weste leben will, lässt Grundmotive von Hans-Ulrich Prautzsch anklingen: das Desperadothema, sein erster Erzählband hieß »Fünf Desperados und eine Rothaarige«, samt seiner "Solidarität der Solitäre", eine Sympathie für Aussenseiter, Verweigerer, Gescheiterte, und ein Kämpfernaturell, das sich aus solcher Erfahrungswelt entwickelt und zum Überleben nötig ist. Mit dem Kämpferischen im Autor, der auch Verleger und Buchdrucker ist, korrespondiert der Name seiner "uräus-Handpresse". Die altägyptische Uräus-Schlange gilt als äusserst wehrhaftes Wesen. Und das Wort Uräus wird übersetzt mit: die sich Aufbäumende.
Wer keinen künstlerischen Trends folgt, kann Nebenflüsse schaffen, Mäanderströme der Kultur. Haimo Hieronymus und A.J. Weigoni versuchen in ihrem Künstlerbuch die Erlösung von Erfahrungswelten durch virtuelle Neukomposition. Die Gedichte nehmen Strukturen und Ausdrucksweisen moderner Medien und Kommunikationstechniken auf und transformieren sie mit aufklärerischem Anspruch, indem sie öffentliche Sprache spielerisch virtuos verwenden und zugleich kritisch reflexiv ihren Funktionswert hinterfragen. Die Texte selbst nähern sich grafischen Formen. "Ein Strich in der Landschaft", lehrt uns der Volksmund, sei ein dünner Mensch. Tritt man etwas weiter zurück, wird aus dem Strich eine Linie und der Betrachter sieht sich vor die Fragen gestellt: Wo endet die Schrift, wo beginnt die Zeichnung, wo geht sie ins Zeichen über, das übers Sichtbare hinausweist? Die expressive Farbigkeit von Haimo Hieronymus, die man als vital bis aggressiv empfinden kann, korrespondiert mit dem Stachel der Analyse in Weigonis Texten wie umgekehrt die relativierende Denkhaltung derselben mit den ambivalenten Bedeutungen der Farben Schwarz, Rot und Weiß, die zusammenwirken, während sie Kontraste bilden. Der Ernst paart sich indes mit Leichtigkeit. Praktisch alle Techniken dieses Buches, die aphoristische Struktur, der gestische Duktus, die ironischen Untertöne, die Unterwanderung vorgeprägter Sprache, die umgedeuteten Sprichwörter, die filmischen Momentaufnahmen, dienen einem reflexiv vom Intellekt gelenkten und dabei häufig parodistischen Spiel.
Indem Weigoni Postulaten, die ihm abstrakt erscheinen, ob Mythen, Moralvorgaben oder Utopien, mißtraut, doch zugleich den Mangel an ideell Gelebtem in vorgefundener Wirklichkeit konstatiert, verweist er auf ein Grundproblem postmoderner Intellektualität. Sarkasmus und Ironie sind so auch ein Refugium gegen totale Ernüchterung, obwohl, oder weil, manche Stellen dem kaltgenauen Blick Heiner Müllers oder Ernst Jüngers allerdings schon nahekommen."

Holger Benkel

»Faszikel« ist zum Subskriptionspreis von 900,- Euro erhältlich über: Werkstattgalerie Der Bogen / Möhnestr. 55 / 59755 Arnsberg


»Unbehaust« ist erschienen bei: uräus-Handpresse / Postfach 11 06 05 / 06020 Halle
Kurzporträt: Der Verlag uräus-Handpresse
Während Prof. Willi Sitte Weinbergslagen vor der Verdatschung rettete, rettete den anderen vor dem heute epidemisch auftretenden Existenzruin eine Datsche im Weinberg. Hans-Ulrich Prautzsch, der extraktreiche Künstlerbücher keltert, kann nun bald seinen eigenen Wein keltern. Auf dem "Hintergrund des Verlagssterbens. in den neuen Ländern" verlor der Schriftsteller seine Verleger. Er "verbesserte" sich zum eigenen Setzer, Drucker, Gestalter und Verleger von Künstlerbüchern. Hans-Ulrich Prautzsch gründete 1991 in Halle die uräus-Handpresse. Schicksalhaft dankt er den Namen seiner Handpresse dem Naumburger Karl Richard Lepsius, dessen Vater übrigens einen Weinberg im Naumburger Steinmeister besaß, und die wissenschaftliche Ägyptologie begründete. Aus Lepsius »Das Totenbuch der Ägypter« (1842) erfahren wir, dass die grüne Schlangengöttin Wadjit (griech. Uto) als Sonnenauge des Allgottes Re, die Uräusschlange als Insignie trug. Aus ihr ging die Papyrosstudie hervor. Die schöne Göttin gilt damit als Urheberin des Schreibmaterials. Wie Lepsius ab 1872 die Bücher der königlichen Bibliothek hütete, so bringt sie heute Prautzsch im Höhnstedter Kelterberg unter dem Zeichen der Uräus hervor.
Prof. Dr. hab. Karl-Dieter Gussek

uräus-Handpresse
Postfach 11 06 05
06020 Halle
A. J. WEIGONI:
ZUM UNBEHAUSTEN MENSCHEN


Text: Jens Pacholsky, (Dieser Artikel erschien bereits im goon Magazin. Der Autor und Redakteur des goon Magazins Jens Pacholsky gestattete uns die Veröffentlichung auf unserer Internetseite | Foto oben: A. J. Weigoni

Als Nietzsche vor über einhundert Jahren den Tod Gottes proklamierte, erschuf er die Sinnleere des Lebens wie auch die Eröffnung ganz anderer Freiheitsräume, als wir bis dato kannten. Seitdem durchirrt die Menschheit diese Räume und verliert sich. Im Zeitalter der kulturellen Globalisierung und Traditionsverschiebungen bleibt der Mensch als strauchelndes Wesen auf den Straßen der Zivilisationen zurück und sucht nach den Bruchstücken seiner selbst. Die Künstler A.J.Weigoni, Haimo Hieronymus und der Handpressendrucker Hans-Ulrich Prautzsch zeichnen das Bildnis der klaffenden Persönlichkeit in ihrem Künstlerbuch »Unbehaust« poetopathologisch auf und führen zugleich eine »poetische Untersuchung über das ›Kunstwerk im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit‹ zwischen Gutenberg und Internet « (Weigoni).

Was ist eine poetopathologische Aufzeichnung?
Weigoni: Der Hauptfigur, Jo Chang, ist das Leben entglitten. Sie versucht es auf dem Papier mit Kanjis (chinesische Schriftzeichen) wieder zu ordnen. Versucht das, was wir alle tun, nämlich dem Leben, wenn es schon keinen Sinn hat, in ihren Aufzeichnungen wenigstens eine erzählerische Ordnung zu geben. In ihren poetopathologischen Aufzeichnungen kämpft Jo Chang gegen das Vergessen, das Verlassenwerden, die Gesellschaft, Gott und den Tod.

Wird durch das Zitieren vieler aktueller gesellschaftlicher Themen in diesem persönlichen Monodrama auf kleinster Ebene das Drama der Welt, der höheren Ebene, gespiegelt?
»Unbehaust« ist ein Stück über die (mögliche) Freiheit des Einzelnen innerhalb der Unfreiheit der Bedingungen. Jeder träumt den autonom-autistischen Traum vom Leben als Held. Jo Chang misstraut diesem Traum. Sie führt ihn vor, destabilisiert, zerreißt ihn. Das Leben bietet andere Realitäten. Und mehr noch – andere Traumata. Jo Chang erkennt die seelischen Verkrüppelungen, Restriktionen und kommunikativen Verarmungen, das Orientierungsdefizit der Mitmenschen, ihre autistischen Tendenzen, Doppelmoral, Neurosen und den Lebensverzicht. Diese Perspektive birgt reizvolle Chancen für kleine Grausamkeiten und unerwartete Wahrheiten.

Das Projekt »Unbehaust« ist eine Vermischung moderner Ästhetik und Technologie mit der alten.
Wir schlagen mit »Unbehaust« nicht nur einen Steg zwischen den Künsten (Malerei/Poesie), sondern auch eine Brücke zwischen den Zeiten und produzieren ein Künstlerbuch. Zugegebenermaßen ist das elitär. Es gibt im deutschen Sprachraum keine 500 Menschen, die meine Gedichte richtig lesen können. Die Höchstform findet also unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Arno Schmidt hat gesagt, er wäre mit 100 Lesern zufrieden, und zitierte James Joyce, der nur zwölf Leser haben wollte.

Wird das Stück irgendwann einmal als Theaterstück erlebbar sein?
Wir haben gerade »Unbehaust« mit Bibiana Heimes als Jo Chang als Hörspiel aufgenommen. Nirgendwo entfalten sich Gedichte so wie auf der Bühne, einem Stück Theater. Dies als Wunsch an meine Fee: Ich möchte alle drei Stücke (mit dem Langgedicht Señora Nada, Sissi-Stück Oden an die Zukunftseelen) auf der Bühne hören und sehen.
  • »Unbehaust« erscheint in einer Auflage von 100 Exemplaren (350 Euro) bei der uräus-Handpresse, Halle 2003

Haimo Hieronymus / A.J. Weigoni:

Künstlerbuch "Unbehaust"







Das Künstlerbuch "Unbehaust" wird am 21. 09. 2004 in der Galerie "Der Bogen" vorgestellt.

Wirtschaftlich gesehen ist Lyrik Unsinn, aber Betriebswirtschaft ist im Leben eben nicht alles. Lyrik wäre nach allen ökonomischen Gesichtspunkten schon immer zum Aussterben verurteilt gewesen, und trotzdem hält sie sich nach wie vor, notfalls eben in der Form der Samisdat.

Das Künstlerbuch "Unbehaust" ist eine poetische Untersuchung über das "Kunstwerk im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit" zwischen Gutenberg und Internet. In ihrer Arbeit untersuchen Haimo Hieronymus und A.J. Weigoni Schriftbilder und Scans im Zeitalter zunehmender Immaterialität. Welche Art von Bildlichkeit ist da im Begriff zu entstehen?

Der bildende Künstler Haimo Hieronymus und der Schriftsteller A.J. Weigoni schlagen mit dem Künstlerbuch "Unbehaust" nicht nur einen Steg zwischen den Künsten (Druckgrafik / Poesie), sondern eine Brücke zwischen den Zeiten. Gemeinsam mit dem Handpressendrucker Hans-Ulrich Prautzsch betreiben sie eine digitale Manufaktur, bei der die Instrumente der neuen Medien zum Einsatz kommen. Als Werkzeuge setzen sie einen leistungsfähigen Rechner, Scanner und Laserdrucker ein. Mit Hilfe der geeigneten Software verarbeiteten sie Texte und Bilder. Der Druck geschah nach Gutenbergschen Regeln mit Bleisatz auf Werkdruckpapier.

Beim Holzschnitt auf Bütten durchdringt die Farbe das Papier. Haimo Hieronymus, A.J. Weigoni und Hans-Ulrich Prautzsch gehen dabei vom virtuellen wieder ins Materielle, zielen auf ein älteres "Speichermedium" ab, das aber mit den neuen Medien hergestellt wird, dem Künstlerbuch. Schrift und Bild waren im Buch des Mittelalters eine Einheit. Künstler des Bauhauses schufen im 20. Jahrhundert Bücher von hohem gestalterischen Niveau. Die Entstehung einer Einheit von Schrift und Bild haben die Artisten im Medium des Computers untersucht und mit der uräus-Handpresse umgesetzt. Die digitale Manufaktur produzierte das Künstlerbuch "Unbehaust".

Die fragilste der literarischen Formen gilt gemeinhin als deren teuerste, und dies im zwiefachen Sinn: Die Randständigkeit der Lyrik abseits des ökonomischen Gewinns steht in direkter Proportion zu der hohen symbolischen Wertschätzung, mit welcher man sie bedenkt. Lyrik scheint ein Gut zu sein, das zugleich sein eigener Marktpromoter ist. Wenn es gut geht, schafft sich Lyrik eine Gesellschaft, die bereit ist, sie am Leben zu erhalten.

"Auf der Kenntnis einer weitgehend zivilisierten und untergebrachten Welt einen Begriff wie "Unbehaust" aufzubauen, erzählt einmal mehr von der Skepsis der Künstler, mit der sie den so genannten Tatsachen des Lebens begegnen. Und die Frage nach dem Sinn des Lebens begleiten sie oftmals mit der Möglichkeit seiner Sinnlosigkeit. Dem entgegenhalten kann man zumindest eine erzählerische Ordnung. Zwischen Leben und Tod sind wir bemüht, uns eine Heimat aufzubauen. Dies gilt erst recht für unsere Innere. Und dass gerade beim Liebesakt, bei dem neues Leben entstehen kann, Eros und Thanatos sich begegnen, mag manch einem absurd erscheinen, zeigt aber gerade in dieser scheinbaren Absurdität das kurze Aufleuchten einer möglichen Sinnhaftigkeit. So sind wir bei dem Bemühen um eine erzählerische Ordnung stets auch auf der Suche nach einer gedanklichen Behausung. Die Objekte, Bilder und Texte von Haimo Hieronymus, A.J. Weigoni und dem Handpressendrucker Hans-Ulrich Prautzsch sprechen davon."
Peter Meilchen




»Unbehaust« ist erschienen bei: uräus-Handpresse / Postfach 11 06 05 / 06020 Halle

»Faszikel« ist zum Subskriptionspreis von 900,- Euro erhältlich über: Werkstattgalerie Der Bogen / Möhnestr. 55 / 59755 Arnsberg Weitere Informationen finden Sie unter: www.weigoni.de

Eine Hörprobe von "Unbehaust" finden Sie unter: www.weigoni.de

 



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