Die Jahre, die die Grashüpfer fressen
Über die serbische Literatur der Gegenwart
Lange bevor die ersten Granaten in die Bibliothek von Sarajewo einschlugen,
hatten sich dunkle Wolken über dem ehemaligen Jugoslawien gebildet.
Als Rauchzeichen des kommenden Unheils, sozusagen.
Denn lange bevor dieses politische Gebilde zerbrach, wurde es auf
dessen literarischem Feld stellvertretend zerstückelt. In einer
Literaturlandschaft, die aus den mitteleuropäischen Einflüssen,
osmanischen und sephardisch-jüdischen Traditionen sowie dem
italienisch-venezianischen Erbe zusammenwuchs, die einst eines der
Zentren des europäischen Surrealismus war, wo in mehr als einem Duzend
Sprachen gesprochen und geschrieben wurde, unternahmen Literaten
monokulturelle Flurbereinigung - im Namen der Literatur.
Lange bevor der jugoslawische Staat zu Grunde gerichtet wurde, hatte
man ihm Feuer unters Dach gelegt. Die biederen Literaturmänner waren
zugleich die Brandstifter.
So waren es auch in Serbien die machtgeschützten Funktionäre des
Literaturbetriebs, die ihre zumeist Partisanenprosa in den Schulbüchern
und Gesamtausgaben - mit Goldschnitt - schon zu Lebzeiten kanonisierten,
die sich dann Anfang der 1990er Jahre zu den Kanonieren der
nationalistischen Politik machten.
Während man in Europa über das obsolet gewordene Nationale in der
Literatur diskutierte, fiel dieser in Serbien gerade die Rolle zu,
dem territorial Zerstreuten die einheitliche Form der nationalen
Zugehörigkeit zu verpassen; dem, was nun von Grund auf neu zusammenwachsen
sollte, den historischen Sinn zu geben. Während in Europa über das Ende
der großen Erzählungen Konsens herrschte, machte man sich in Serbien
an die epische Dichtung.
Es war also jene nicht unübliche Verbindung zwischen Politik und
Literatur, die immer dann entsteht, wenn die Schaffung der Gründungsmythen
und deren Fortschreibung von den Literaten nicht als Vereinnahmung,
sondern als Pflichterfüllung verstanden wird; wenn die Literaten
anfangen, die Antworten auf politische Fragen zu geben, ohne darin die
Verstrickung zu erkennen, eher die Aufklärung.
Ein solches Klima der Selbstgleichschaltung führte seit Anfang der
1990er Jahre zu dem Paradox, daß Serbien erst nach dem Fall des
Eisernen Vorhangs eine (neue) Art des literarischen Exilanten hervorbrachte.
Ob sie sich als Apatride verstanden (D. Velikic, Der Fall Bremen
u.a. oder der in Deutschland wenig übersetzte Mirko Kovac) oder als
Schriftsteller im Exil D. Albahari, Götz und Meyer,
B. Cosic, Die Zollerklärung), sie suchten die "Sonne des fremden
Himmels", um dem Alpdruck der Vergangenheit zu entkommen. Von
denjenigen, die im inneren Exil geblieben sind, spricht man seitdem
als von der "verlorenen Generation" (V. Arsenijevic, Unter dem
Schiffsdeck).
In gewissem Sinne wurden in den 1990er Jahren die Grabenkämpfe - sie scheinen
für die Literatur in Serbien konstitutiv zu sein - zwischen den
Traditionalisten und den Modernisten fortgeführt. Den einen, die sich
in die Vergangenheit aufmachten, um die autochthonen Wurzeln des
serbischen Wesens zu verorten, schien der chronologische Plot,
naturalistisch-mystische Metaphorik und eine Art abgeschwächter sozialer
Realismus die selbstverständliche Form zu sein, gar der eigentliche
Ausdruck des gesuchten Wesens selbst. Die anderen suchten alledem durch
das Experimentieren mit der Form, das Variieren von Erzählsträngen
u.ä. zu entkommen. Hatte deren spiritus rector Danilo Kiš
(Das Grab für Boris Davidovic) Anfang der 1970er Jahre gerade
darin das Mittel gesehen, die serbische Literatur der europäischen
näher zu bringen, gingen Traditionalisten und Modernisten in den 90ern
eine eigentümliche Verbindung ein. Experimente mit der Form
wurden nun "für die gemeinsame Sache" eingesetzt, um in die
Sphären des Mythisch-Mystischen vorzudringen, in das Reich des
"himmlischen Serbenvolkes", das kryptische universale Geheimnisse
hütet.
Es ist nur konsequent, daß auch die Themenwahl weitestgehend vom
historischen Augenblick bzw. vom politischen Alltag bestimmt wurde.
Denn auch dann, wenn mancher Schriftsteller dachte, der alles zerfressenden
Hypokrisie und dem Werteverfall durch Flucht in die Literatur entkommen
zu sein, mußte er herb feststellen, daß er eigentlich nur einer weiteren
Illusion verfallen war. Zynisch sind die Zeiten, wenn die Wirklichkeit
wahrhaftiger als die Literatur zu sein scheint. Wie in dem 2001 mit
dem prestigeträchtigsten NIN-Literaturpreis ausgezeichneten Roman
eines Autors der jüngeren Generation, Goran Petrovic, mutiert die ersehnte Heimat,
die Nation, bald zu einer Festung. Der Mensch darin verwandelt sich
in einen Gefangenen seines eigenen Werks. Der allgemeine Belagerungszustand
wird zur Normalität. Selbst der feinfühlige Seismograph der serbischen
klaustrophoben Regungen, D. Kovacevic (bekannt u.a. als Drehbuchautor
für den Film Schwarze Katze, weißer Kater von E. Kusturica),
hat dem in einem seiner neueren Dramen nichts entgegenzusetzen als
nur ein profanes "Vater unser".
Daran wird deutlich, daß die Literatur Serbiens wenig weltläufig
ist. Das merkt man auch daran, daß dem Helden die Handlungsspielräume vom Kollektiv
vorbestimmt sind - sogar dort, wo er sich dagegen stellt. In der am
meisten verbreiteten Romanform, dem Familienroman, tritt das Individuum
v.a. als moralischer Verwalter des väterlichen Erbes auf. Seine
Entwicklung ist gekennzeichnet durch den engen familiären Kreidekreis.
Den Gesellschaftsaufsteigern begegnet man selten, eher den Existenzabsteigern.
In Serbien selbst kann man für individuelle Muster heute aber kaum
Vorbilder finden: Das Bildungsbürgertum fehlt, die Mittelschicht ist
verarmt, der Generationenkonflikt zwischen den Vorbildern und den
Bilderstürmern ist infolge der Abwanderung unfruchtbar geworden. Wenn
das Diktum von H. Böll, daß jede Nachkriegsliteratur eine Literatur
der Ruinen sei, auch für Serbien gelten soll, dann sind Versuche zwar
zu registrieren, sich gegen die literarischen Väter aufzulehnen, ihre
Gesellschaft zu verurteilen usw. Sie bleiben jedoch vereinzelt, und
ihre Wirkung ist allzu schwach.
Trotz der ausgedünnten Leserschaft und ihrer beschränkten Kaufkraft,
trotz des geschrumpften, dazu instabilen Buchmarktes ist die
Buchproduktion in Serbien erstaunlich lebendig. Dennoch sollten die
Präsenz von über 200 Ausstellern bei der traditionellen Belgrader
Buchmesse und über 400.000 Besucher in zwei Wochen nicht täuschen.
Nicht die Literatur ist das Vademecum in den Krisenzeiten, es sind
die praktischen Ratgeber, Kochbücher u.ä. Daß sie mittlerweile zum
festen Programm vieler Verlage gehören, liegt auch daran, daß man mit
etwa zwei von ihnen einen Roman finanzieren kann. Es sei denn, es
handelt es sich um P. Coelho, N. Hornby, den Herrn der Ringe
oder Harry Potter, die im letzten Jahr das Lesefieber unter den
serbischen Lesern anfachten. Was aber unter solchen Umständen ein
Bestseller ist, wissen offensichtlich weder die Buchhändler noch die
Verleger noch die Kritiker. Alle sind sich aber darin einig, daß eine
Verkaufszahl zwischen ein- und dreitausend Exemplaren bereits einen
einheimischen Bestseller ausmacht.
Und wie so oft, gab es auch hier eine Ausnahme: einen im Bekennerstil
verfaßten Antikriegsroman aus der Feder einer Schriftstellerin
mit dem eindringlichen Titel Uho, grlo, nož (abgewandelt
von "Uho, grlo, nos" = "Ohr, Hals, Nase" in "Ohr, Hals, Messer"). Damit
wurde einerseits der Boom der von Frauen geschriebenen Prosa in den
1990er Jahren bestätigt; andererseits ist es einer der ersten Versuche
seit dem Zerfall des gemeinsamen Staates, Serben und Kroaten zusammen
zu bringen - auch wenn dies in einem Roman geschieht, um zunächst
die eigenen, sich gegenseitig angetanen Verbrechen zu betrachten.
Daß Vedrana Rudan, die Autorin des Buches, aus Kroatien
stammt und als Immobilienverkäuferin ursprünglich ohne literarische
Ambitionen mit ihrem Schreiben allein ihre Angst und ihren Ekel
vor dem Krieg von sich fern halten wollte, spiegelt die Gemeinsamkeit
tiefsitzender Frustrationen auf beiden Seiten nur allzu gut wider.
Rudan ist aber auch das zarte Blümchen auf den Ruinen der
innerjugoslawischen literarischen Mauer. Denn in Serbien erschien der
Roman in V. Arsenijevics Rende-Verlag und wurde damit von
einem Autor und Kulturschaffenden verlegt, der ansonsten von
Belgrader Seite an dem mit Zagreb und Novi Sad gemeinsam gestalteten
Literaturevent "Festival Alternativne
Književnosti JU" beteiligt ist.
FAK JU. Knapper kann man den gegenwärtigen Zustand der serbischen
Literatur nicht beschreiben.
Jovica Lukovic, 1. Juli 2003
Siehe auch:
Rezension von David ALbaharis Roman Götz und Meyer
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