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SELBST-LOS

J.T. LeRoy schließt Heiliges und Sündiges kurz

"Ich reiße ein Blatt Papier aus einem kleinen Notizblock, den ich geklaut habe. Ich schreibe darauf mit einem roten Marker und falte es zusammen. In meinem Notizblock habe ich auf jede Seite fünf Wörter geschrieben. Während der Fahrt habe ich Geschichten geschrieben, aber nur hier und da ein Wort davon aufgeschrieben, und wenn Sarah sich den Block schnappt, um zu sehen, was denn so verdammt interessant ist, wird sie den Code nicht kennen, die Geschichte nicht verstehen und kann sie mir nicht wegnehmen."

Seine Geschichte wird das einzige sein, was ihm am Ende einer Odyssee durch Pflegefamilien, Highway-Raststätten und Bordelle bleiben wird. Es geht um Geschichten und ums Wegnehmen: Klauen im Supermarkt, Plündern und Abbrennen von Wohnhäusern, eine selbstzerstörerische Flucht. Sarah, mit 14 Jahren von ihrem Vater, einem fanatischen Wanderprediger, schwanger geworden, schleppt ihren Sohn Jeremiah jahrelang durch die Staaten, gibt ihn als ihren Bruder aus, erfindet falsche Namen für ihn, zieht von einem Mann zum anderen. Wenn ihr das Kind zuviel wird, lässt sie es einfach irgendwo auf einem Autobahnparkplatz stehen und fährt davon, längst durch Drogen unzurechnungsfähig geworden.
Einer nimmt dem Anderen alles weg, selbst Geschlecht und Schönheit. Der Sohn klaut der Mutter nicht nur die Kleider, wenn er sich als Mädchen verkleidet prostituiert, sondern auch den Namen: "Sarah". Er will eine "bessere Hure werden" als seine Mutter. Selbst den Geliebten seiner Mutter, den eigenen Stiefvater, verführt Jeremiah in seiner metaphysischen Sucht nach Liebe und Zuneigung - verkleidet als seine Mutter. Aber auch die greift zu allen Mitteln der Enteignung, wenn es darum geht, Liebe und Anerkennung zu finden: Um einem Meteoritenforscher zu imponieren, schlägt sie einen Stein auf Jeremiahs Kopf und erfindet einen spektakulären Meteoriteneinschlag. Schmerz, Verletzung und Geschichten-Erfinden gehören hier untrennbar zusammen. Jeremiah hat viel von seiner ebenso fantasievollen wie hoffnungslosen Mutter gelernt. All das Schreckliche: Missbrauch, Gewalt, körperliche Verstümmelungen, grenzenlose menschliche Grausamkeiten, verwandeln sich in lyrisch-groteske Schönheiten mit mythisch-märchenhafter Tiefe.

Der Autor dieses "Bildungsromans eines Masochisten" (Wilhelm Trapp in der ZEIT) ist der heute 21-jährige J.T. LeRoy. Was so nie gehört brutal und schillernd daherkommt in einer abgründigen Mischung aus drakonischem Katholizismus, karger Poesie und apathischem Gewaltprotokoll, ist vermutlich größtenteils erlebte Wirklichkeit. LeRoy, der sich als minderjähriger Kindertransvestit auf US-amerikanischen Highways durchgeschlagen hat, lebte noch als obdachloser Strichjunge auf der Straße, als seine ersten Texte veröffentlicht wurden. Heute ist er subkulturell geadelter Jungstar der US-Literatur, lebt als Autor und Journalist (u.a. für die New York Press) in Kalifornien. Sein Debütroman Sarah wurde 2001 zum international beachteten Erfolg. Nun ist diesen Sommer mit Jeremiah die Vorgeschichte erschienen. Schwierig ist es, LeRoys Texten einen adäquaten Status zwischen poetisch aufgefangener Autobiografie und Fiktionalisierung, gar Mythisierung zu geben. Auf Rat eines Therapeuten hat LeRoy mit 16 Jahren zu schreiben begonnen, dabei haben seine Texten so überhaupt nichts Therapeutisches: Selbstmitleid und Schuldzuweisungen kommen nicht in Frage; bei aller Ausführlichkeit, mit der die mütterlichen Gewaltexzesse geschildert werden, steht das Ich gutmütig dabei und lässt sich wieder und wieder mit dem Stein auf den Kopf schlagen, bis die Wunde einigermaßen nach Meteoriteneinschlag aussieht.
LeRoys Romane Jeremiah und Sarah handeln von einer außergewöhnlichen Kindheit und Jugend - das allein wäre schon spektakulär. Wahrhaft außergewöhnlich ist jedoch die friedlich-wohlwollende Liebe, die diese Texten zu einer Hommage an eine halt- und "selbst-lose" Mutter werden lässt: Ohne sie zu denunzieren und ohne etwas zu vertuschen. LeRoy gelingt das große Kunststück, alles ganz wahr und alles ganz fiktiv zu erzählen, nichts zu verschweigen und alles dabei doch "ganz anders" zu machen - durch Worte.

a.s. - red / Oktober 2002


Facts:

J.T. LeRoy:
Jeremiah
(amerik. Originaltitel: The Heart is Deceitful Above All Things).
Leipzig (Reclam) 2002.
256 Seiten, 19,90 €.
J.T. LeRoy:
Sarah
Leipzig (Reclam) 2001.
183 Seiten, 14,90 €.


Weitere Informationen: www.jtleroy.com

siehe auch:
www.jtleroys-leben.de

 
siehe auch / Literatur:
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© 2002 Kultura (alle Beiträge unterliegen dem Copyright der jeweiligen Autoren, Künstler und Institutionen. Widerrechtliche Weiterverbreitung ist strafbar.)
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