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Spezial: Literatur / Celluloid
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John Ridley
Schriftsteller, Drehbuchautor
Die Bücher:
- U Turn - Kein Weg zurück (Stray Dogs, 1997). Ullstein 24253 (1998); DM 12,90.
- L.A.Blues (Love Is A Racket, 1998). Ullstein Hardcover (2000); DM 39,90.
- Everybody Smokes In Hell, Alfred A.Knopf, 1999.
mehr zu John Ridley siehe auch:
http://www.npr.org/
www.lectures.org/ridley.htm
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Foto: Terry Johnson 2000
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KEINER KOMMT HIER LEBEND RAUS
von
Martin Compart
Es gibt Romane, die gehören einfach nicht auf die Bestsellerliste. Das mag
hart sein für Autor und Verlag, ist aber ein Naturgesetz. Denn wo der Pöbel
trinkt, sind alle Brunnen vergiftet. Das gilt auch für John Ridley, dessen
Bücher bei uns anscheinend unter Ausschluss der Öffentlichkeit erschienen
sind.
John Ridley, die große schwarze Hoffnung des Noir-Romans, gehört zu den
neuen Giganten, und hat in bisher drei Romanen den Amerikanischen Traum
entsorgt. Keine zehn Minuten möchte man in seiner Welt leben, aber jederzeit
darüber lesen. Im Noir Roman geht es nicht ums Gewinnen, sondern darum, das
Verlieren so lange wie möglich rauszuzögern. Kaputt und gescheitert krabbeln
Ridleys Protagonisten durch ihr übles Schicksal, verstecken sich in Suff und
Dunkelheit, bevor sie langsam ins Nichts abrutschen. "Man kann der Vergangenheit nicht davonlaufen. Man kann sie nur ein bisschen verscharren." Seine
Protagonisten sind Leute auf der Flucht, denen der Geldhai im Nacken sitzt
und die nur eine Hand gebrauchen können, weil sie gerade die letzte
Zahlungsaufforderung erhalten haben. Sonderlich sympathisch sind sie nicht,
diese miesen kleinen Verlierer, die gerne jeden übers Ohr hauen wollen.
"Jedes Jahr muß ich mehr Zeit aufwenden um weniger Geld zu verdienen", sagt
eine alte Nutte und stellt den allgemeinen Stand der Ökonomie fest. Ridleys
unbarmherziger Kosmos ist pragmatisch: "Ich bin kein Mörder." "Woher willst'n
das wissen, wenn du's nie probiert hast?"
| Gleich sein Erstling STRAY DOGS war eine Sensation! Frischfleisch für die
ganz harten Noir-Afficionados. Oliver Stone besorgte sich umgehend die Rechte
und machte den unterschätzten Film U-TURN daraus: Als John Stewarts 64er
Mustang in dem Wüstenkaff Sierra verreckt, kann er sich völlig auf Murphys
Gesetz verlassen. Am heißesten Tag des Jahres landet er in einem Ort voller
Maniacs, Bekloppter und einer verdammt gefährlichen Frau. Nicht nur die Sonne
brennt so erbarmungslos "als marschierte man in benzingetränkten Shorts durch
die Hölle". In der Wüste zu verdursten wäre ein gnädigeres Schicksal; wenn
Stewart geahnt hätte, was auf ihn zukommt, hätte er die Feldflasche
ausgeschüttet und wäre den Geiern begeistert entgegengeeilt. Was folgt ist
eine Noir-Farce, die sich James M. Cain und Charles Bukowski nach einem nicht
wiedergutzumachenden Trinkgelage ausgedacht haben könnten.
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In L.A.BLUES geht es ganz tief in die Gülle von Los Angeles und Vegas. Die
Geldverleiher von der harten Sorte brechen dem Ich-Erzähler Jeffty gleich auf
der ersten Seite den Finger. Idyllischer Auftakt zu einer bösen Geschichte
die souverän zwischen unglaublich komischen Szenen und dunkelsten Abgründen
balanciert. Jeffty, gescheiterter Drehbuchautor, miserabler Zocker ist
Kino-Fan: "Schwarze Serie. Die sollen bloß nicht so angeben. Selbst in den
schwärzesten Filmen leben die Leute tausendmal besser als ich." Als sein
alter Kumpel Nellis auftaucht, dem er mal die Frau ausgespannt hat und der an
der Nadel hängt, sieht Jeffty hinterlistig seine Chance. Denn Nellis kann
Zen-Poker und verliert nie. Wer die besten Bücher von Elmore Leonard liebt,
wird Ridley verschlingen.
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| Sein dritter Roman, EVERYBODY SMOKES IN HELL liegt bei Ullstein noch auf
Eis. Wieder eine Loosergeschichte, in der Paris Scott über das letzte Tape
eines sich gerade umgebrachten Rockstars und einen Haufen Drogen stolpert.
Natürlich hält Paris nicht die Chance seines Lebens in den gierigen Klauen,
sondern eine Zeitbombe. Wieder geht es von LA nach Vegas, zwei Orte, die
Ridley mehr hasst "als Krebs". Dreckslöcher, in denen man nicht leben mag.
"Einfamilienhausghettos sind eine Spezialität von Los Angeles. Denn unsere
Armen hatten Einfamilienhäuser und unsere Schnapsleichen waren
sonnengebräunt." Auch Vegas findet in seinen Augen kein Erbarmen:
| "Vegas für
Familien? Schneewittchenschlösser und Vergnügungsparks, Schwuchteln, die mit
weißen Tigern zauberten, und Pfeiffen, die man nicht einfach ausnehmen und
umbringen konnte. Was soll der Quatsch? Das Familien Vegas lehrt die Kinder
spielen, damit sie eines Tages ihr Geld hier verzocken."
John Ridley wurde in Milwaukee geboren. Er ging nach New York und
studierte ostasiatische Kultur. Zur Abrundung des Programms begann er mit
Shotokan-Karate. Eine Weile lebte er in Japan, versank in dieser Zivilisation
und lernte auch die Sprache. Zurück in den USA begann er eine Karriere als
Stand-up-Komiker, die immerhin bis in die Tonight-Shows von Jay Lenno und
David Letterman führte. Deshalb wechselte er 1991 nach Hollywood und begann
Drehbücher zu schreiben. Die Tretmühle eines Autors für Black Sitcoms nagte
an ihm: "Für TV-Serien zu schreiben ist - bis auf wenige Ausnahmen - eine
geistlose Fließbandarbeit, bei der man immer wieder dieselben blöden Gags
recycelt. Aus reinem Selbsterhaltungstrieb schrieb ich meinen ersten Roman,
denn ich liebe das Schreiben." Nebenher arbeitete er als Skriptdoktor für
Visionäre wie Coppola und Oliver Stone, der 1997 Ridleys Regiedebüt COLD
AROUND THE HEART (MENSCHENJAGD) produzierte. Für diesen Noir-Film mit David
Caruso wurde er in New York auf dem Urbanworld Film Festival (was immer das
sein mag) ausgezeichnet. Auch mit anderen Drehbüchern hatte Ridley Erfolg,
etwa THREE KINGS mit George Clooney. Außerdem ist er Co Produzent und Autor
der höchst erfolgreichen TV-Serie THIRD WARCH, eine Art NYPD BLUE meets
EMERGENCY ROOM. Im Mai 2000 pitchte Ridley eine neue Serie über das Internet
und war anschließend um eine Million Dollar reicher. Zusammen mit Sofia
Coppola entwickelte er für den Kabelkanal HBO die Serie EMPIRE über zwei
Brüder, die eine Hip-Hop Plattenfirma leiten. Aber seine große Liebe, das
betont er immer wieder, ist der Roman. Das bei seinen Zocker Geschichten
alles stimmt, hat neben auch mit einer Frau zu tun: Ridley ist mit einer
Berufsspielerin verheiratet. Ridleys Frauen sind die schlimmsten femmes
fatales der zeitgenössischen Kriminalliteratur, allesamt Schwarze Witwen mit
gehörigen Macken. Die tumben Protagonisten schnallen natürlich nichts: "Er
musterte sie so skeptisch wie ein Urmensch, der zum erstenmal Feuer sieht."
Seine geschlechtsspezifischen Analysen bestätigen einen Aphorismus von
Nietzsche: "Der Mann ist böse, die Frau ist schlecht."
Martin Compart - April 2002
Mehr zu Martin Compart - Schriftsteller - siehe auch:
"DER SODOM-KONTRAKT"
Martin Compart:
"DER SODOM-KONTRAKT":
www.strange-verlag.de
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