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„Das alles ist nur möglich gewesen, weil keiner etwas getan hat. Und ich muss etwas machen“, so schildert Sophie Scholl ihre Einstellung zu Deutschland im Jahr 1943. Kurze Zeit später wird sie wegen des Verteilens von Flugblättern enthauptet.
Während der Film sich weitgehend auf die letzten fünf Tage ihres Lebens konzentriert, leistet das sogenannte „Buch zum Film“ wesentlich mehr. Es erzählt die Geschichte der Geschwister Scholl und ihrer Mitstreiter in angemessener Bandbreite. Es beginnt mit dem Abdruck der Flugblätter der Widerstandsbewegung „Weiße Rose“ und deren Geschichte. Dann werden die Biographien der wichtigsten ihrer Mitglieder gestreift, um schließlich mit den Protokollen der Gestapo-Verhöre zu enden. Das Buch ist also keine Illustration des Filmes, sondern eine sehr eigenständige Erweiterung und enthält sogar das Drehbuch in ursprünglicher Länge, bevor es, dem Kinoformat gerecht werdend, stark gekürzt wurde. Aber so erfährt der Leser, was der Kinogänger gar nicht oder nur in Bruchstücken mitbekommt.
Rückblende: Wir schreiben das Jahr 1933. Hitler ist gerade zum Reichskanzler gewählt worden. Robert Scholl, der Vater von Sophie, Hans und drei weiteren Kindern, ist entsetzt. Der fest an die Demokratie glaubende Mann hat schon 1914, im Ersten Weltkrieg, den Kriegsdienst verweigert, obwohl es in jenen Jahren diese Option gar nicht gegeben hat. Auch gegen Hitler hat der liberale, pazifistisch gesinnte Robert Scholl gute Argumente. „Wir sind doch Menschen, die ihre freie Meinung, ihren eigenen Glauben haben. Eine Regierung, die an diese Dinge rührt, hat keinen Funken Ehrfurcht mehr vor dem Menschen“. Seine heranwachsenden Kinder, insbesondere Hans und Sophie, interessiert das nicht. Sie lassen sich von der Aufbruchstimmung des Nationalsozialismus anstecken und so tritt Hans in die Hitlerjugend ein und Sophie in den Bund Deutscher Mädchen. Auch die protestantisch-christliche Gesinnung der Mutter hält sie nicht davon ab. Erst allmählich machen sie die Erfahrung, dass „die neue Gemeinschaft, die die Nationalsozialisten anstrebten, (...) durch die systematische Auslöschung von Individualität erreicht werden“ sollte.
Für Hans Scholl (Jahrgang 1918) ist allein wegen seines protestantischen Glaubens ein gewaltsamer Widerstand gegen Hitler ausgeschlossen. Aber auch vor gewaltlosen Aktionen hat er Skrupel: „Mögen die Gründe dafür so zwingend sein, wie sie wollen. Verstößt man da nicht gegen eine universelle Ordnung? Es wäre Sache der Bischöfe, Richter etc. Die sind dafür berufen. Die müssen ihr Leben einsetzen. Ist das nicht überheblich, wenn wir eingreifen? Ist nicht Demut richtiger?“ Erst nachdem Hans Scholl von einem Einsatz an der Ostfront wiederkehrt, wendet sich das Blatt. Er weiß nun von den Anstalten der Nationalsozialisten, die polnische Intelligenz und das Judentum auszurotten. Die ihm bekannte Anzahl beläuft sich auf insgesamt 300.000 ermordete Juden. Obwohl er das wahre Ausmaß von Millionen von Opfern nicht kennt, nimmt er sich nun die Freiheit „selbst mit einzugreifen in das Rad der Geschichte“.
Sophie Scholl (Jahrgang 1921) arbeitet vermutlich erst später an den Aktionen mit. Mit der Verfassung der ersten vier Flugblätter hat sie wohl nichts zu tun. Moralisch unterstützt sie den drei Jahre älteren Bruder allemal. Aber sie hat auch persönliche Gründe. Sophies Verlobter, Fritz Hartnagel, ist an der Ostfront in Stalingrad. Nur aufgrund einer schweren Erfrierung wird Hartnagel in ein Lazarett außerhalb Stalingrads verlegt, bevor die Stadt von den Russen eingekesselt und die Deutsche Armee vernichtend geschlagen wird. Hitler hatte den Rückzug verboten und damit seine Armee geopfert. Zum Wortlaut des letzten Flugblattes der Weißen Rose kann Sophie daher voll stehen: „Erschüttert steht unser Volk vor dem Untergang der Männer von Stalingrad. Dreihundertdreißigtausend deutsche Männer hat die geniale Strategie des Weltkriegsgefreiten sinn-und verantwortungslos in Tod und Verderben gehetzt“.
Alexander Schmorell (Jahrgang 1917) war ein Kommilitone und Freund von Hans Scholl, der maßgeblich an der Verfassung der Flugblätter beteiligt war. Im zweiten Flugblatt der Weißen Rose verfasst er die bislang einzige bekannte, öffentliche Anklage der Judenvernichtung aus den Reihen des deutschen Widerstands: „Hier sehen wir das fürchterlichste Verbrechen an der Würde des Menschen, ein Verbrechen, dem sich kein ähnliches in der ganzen Menschheitsgeschichte an die Seite stellen kann. Auch die Juden sind doch Menschen (...) und an Menschen wurde solches verübt.“ Von ihm stammt auch der Entwurf einer Staatengemeinschaft, wie er sie sich idealtypisch vorstellt. Diese Äußerungen gewinnen angesichts der aktiven Außenpolitik der USA, der anstehenden Neuordnung der NATO und des Selbstverständnisses der UNO und der EU neue Aktualität: „Ein Volk ist wohl berechtigt, sich an die Spitze aller anderen Völker zu stellen und sie anzuführen zu einer schliesslichen Verbrüderung aller Völker - aber auf keinen Fall mit Gewalt. Nur dann, wenn es das erlösende Wort kennt, es ausspricht, und dann alle Völker freiwillig folgen, indem sie die Wahrheit einsehen und an sie glauben. Auf diesem Wege wird (...) schliesslich eine Verbrüderung ganz Europas und der Welt kommen, auf dem Wege der Brüderlichkeit, des freiwilligen Folgens.“
Hans Scholl, Sophie Scholl, Alexander Schmorell und andere aktive Mitglieder der Weißen Rose wurden wegen des Verfassens und Verteilens von Flugblättern zum Tode verurteilt und hingerichtet. Ihre Vision von einem lebenswerten Staatswesen hat sich für uns in Deutschland und der westlichen Gemeinschaft erfüllt. Als am 13. Februar 2005, dem 60. Jahrestag der Bombardierung, viele Einwohner von Dresden eine weiße Rose am Mantel trugen, hätten sie kein schöneres Symbol für ihren Protest gegen die Verherrlichung des Nationalsozialismus wählen können.
Die Recherche zu dem Thema und die Entstehung des Drehbuchs waren ein Abenteuer. Davon berichtet der Herausgeber des Buches im anschließenden Interview.
Kultura extra
Wie entstand die Idee zu dem Film?
Fred Breinersdorfer
Man kann auf die Stunde datieren, wann das Projekt losgegangen ist: Am 22. Februar 2003. Das war der 60. Jahrestag der Hinrichtung der Geschwister Scholl. Marc Rothemund, der Regisseur, und ich waren um 12.00 Uhr zum Essen verabredet. Er kam mit einer Zeitung mit einem Artikel darüber an und sagte: ‚Guck mal da, was für eine Geschichte!’ Ich aber sagte nur: ‚Marc, vergiss es. Das ist Schulfunk.’ Und das zeigt genau die unterschiedliche Sicht auf die Dinge. Die Generation direkt nach dem Krieg musste erst einmal dafür sorgen, dass der Widerstand als solcher überhaupt anerkannt wurde und dass man die Widerstandskämpfer nicht als Verräter und vaterlandslose Gesellen abgestempelt hat. Meine, die zweite Generation, hat das bearbeitet, Straßenschilder gemacht und Marmorbüsten, und damit war das für uns ein Schulstoff. Jetzt kommt eine dritte Generation, die auf einmal auf die menschliche Seite blickt. Dann haben wir gelesen, was an Literatur schon da war und ich habe einen ersten Entwurf zum Drehbuch geschrieben. Damit hatten wir die Gesamtstruktur für den äußeren Ablauf.
Kultura extra
Sie haben für den Film auch die Vernehmungsprotokolle der Gestapo verwendet. Welchen Einfluss hatten diese Quellen auf den Film?
Fred Breinersdorfer
Die Vierteilung des Verhörs im Film ergibt sich gerade aus diesen Protokollen. Wir haben vier Historiker gebeten, die Verhörakten auszuwerten. In den Protokollen sind Unterstreichungen enthalten, die vermutlich vom Sachbearbeiter der Staatsanwaltschaft als Vorbereitung für die Anklageschrift gemacht worden sind. Neben den Vernehmungsprotokollen konnten wir auch Zeugenaussagen sowie die Anklageschrift und die Akten des sogenannten Volksgerichtshofs heranziehen. Dort findet sich zum Beispiel die Handschrift des Richters Freisler. Der schreibt mit sehr großen Lettern die ‚Entscheidungsgründe’.
Kultura extra
Was für ein Gefühl ist es, Gestapo-Akten in der Hand zu halten?
Fred Breinersdorfer
Wir haben erst etwas später gehört, dass da Protokolle der Gestapo existieren sollen. Als die dann kamen, nahmen wir diese Papiere mit Schrecken und Bewunderung in die Hand. Auf der einen Seite ist da das bürokratische Protokoll eines Weges vom Leben in den Tod, und auf der anderen Seite ein fesselndes Dokument des Kampfes und der klaren Haltung der Sophie Scholl bis hin zur Ablehnung der „goldenen Brücke“, als sie die Möglichkeit einer Strafmilderung ablehnt, weil sie dafür ihre politische Weltanschauung hätte verleugnen müssen.
Kultura extra
War die Aktenlage ausreichend oder konnten Sie als Autor auch Ihrer eigenen Kreativität nachgehen?
Fred Breinersdorfer
Da ist ein Riesenloch, als es um die politische Debatte geht. Diesen Kerndialog um die weltanschaulichen Fragen, den musste ich völlig frei schreiben. Da habe ich als Jurist angefangen, frei erfundene Sachen einzufügen, wie die Positivismus-Debatte und die Aufklärung. Vor allem aber die Frage nach dem Gesetzgeber: Hat er Recht, bloß weil er der Gesetzgeber ist, oder braucht er eine moralische Legitimation. Viele wissen nicht, dass in unserem heutigen Grundgesetz ein Widerstandsrecht steht. Da steht sogar, dass man zum Widerstand verpflichtet ist. Heute haben wir also eine ganz andere Rechtsstaatsauffassung und Staats-Theorie. Das sind ganz wuchtige Themen und meine Aufgabe bestand darin, das so zu schreiben, dass es verständlich ist. So fragt Sophie Scholl am Anfang des Verhörs: ‚Das Gesetz, das Sie mir jetzt vorhalten, hat vor 10 Jahren noch die freie Rede geschützt. Und jetzt soll ich dafür Zuchthaus oder die Todesstrafe bekommen?’
Dann musste die Frage des Holocaust thematisiert werden, weil in der Anklageschrift ganz oben steht: ‚Das böswillige Gerücht soll ausgestreut werden, es gäbe Massenvertreibungen aus Polen und Massenvernichtungen von Juden’. Aus dem Grunde musste sich die Holocaust-Debatte im Film auch wiederfinden.
Kultura extra
Worin besteht nach Ihrer Ansicht der Grund, dass sich ein Staat durch Flugschriften von Studenten derart angegriffen fühlt?
Fred Breinersdorfer
Alle totalitären Systeme haben gewisse paranoide Grundzüge, deswegen sind sie auch gegen das Wort so empfindlich. Der Widerstand der Weißen Rose unterscheidet sich ja auch vom gewaltsamen Widerstand des 20. Juli 1944. Bei der Weißen Rose war es ein verbaler Angriff auf die Grundfesten, aber eben nur ein verbaler.
Kultura extra
Da müssen wir Sie als Juristen ganz konkret fragen, was für ein „Verbrechen“ haben die Studenten denn begangen?
Fred Breinersdorfer
Ein nie gedrucktes Flugblatt von Christoph Probst, das außer Hans Scholl niemand gelesen hat, WIRD zum Verbrechen. Darin hat er seine ablehnende Gesinnung niedergelegt. Das war so absurd. Die Paranoia des Systems zeigte sich darin, dass es mit einem großen Schauprozess darauf reagiert.
Kultura extra
Hans und Sophie haben beide versucht, Christoph Probst zu retten. Was war Sophie Scholl für ein Mensch?
Fred Breinersdorfer
Sie hat gerne Jazz und klassische Musik gehört, und wir wissen, dass sie einen guten Briefstil besaß. Im Film gibt es Ausschnitte aus dem letzten Brief, den sie geschrieben hat. Um Sophies Persönlichkeit wiederzugeben, haben wir ‚Patchwork-Arbeit’ betrieben und aus unterschiedlichen Quellen, wie ihren Briefen und Tagebüchern zitiert. Sophie Scholl ist nicht zu verstehen ohne den familiären Hintergrund, ohne den Vater, der ein aufrechter Demokrat war und sie immer ermutigt hat. Ohne den schwäbisch-pietistischen Hintergrund der sehr religiösen Mutter wäre sie nicht zu erklären. Aber auch das Bruder-Schwester-Verhältnis trägt wesentlich zum Verständnis bei. Ihre Art zu beten haben wir aus ihren Tagebüchern entnommen. Ohne diese Aspekte, vor allem dem des Christentums, ist ihre Persönlichkeit nicht zu verstehen.
Kultura extra
Wir danken Ihnen herzlich für die Zeit, die Sie sich für uns genommen haben, und wünschen dem Film viel Erfolg.
Das Interview führte Helga Fitzner am 27. Januar 2005 ID 00000001674
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