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Zeitschriften-Tipp

VOSS - die Zweite

Hoffentlich eine Erfolgsstory!


(c) Christian Klopp, VOSS 2003

Mit leichter Häme schaut das Land derzeit auf seine neue alte Hauptstadt: Offenbarungseid, Haushaltsprobleme, Sparkurs - Berlin-Misere als Schlagwort. Die Goldgräber-Stimmung rund um die "Berliner Republik" scheint fürs Erste vorbei zu sein.
Die Berlin-Zeitschrift VOSS, deren zweite Nummer seit kurzem im Handel - leider nur im hauptstädtischen - erhältlich ist, will es dabei nicht belassen. "Wissenschaft, Kunst und Kultur müssen die treibenden Kräfte in dieser Stadt sein", heißt es da, "denn nur mit Vernunft und Kreativität kann Berlin mehr sein als die Summe aller Schulden."
Well, wie könnte eine so vielfältig zerrissene, chaotische Metropole wie Berlin existieren ohne eine gesunde Portion Übermut, Enthusiasmus und Utopismus ihrer Bewohner? Man sollte nicht vergessen, dass das Bild einer Stadt immer schon maßgeblich durch ihre Zeitschriften geprägt worden ist.

Auf 100 Seiten zeigen Andreas Bock und seine Graphiker, Fotografen und Autoren erneut, was man aus einem handlichen Hochglanzmagazin machen kann. Dass sie keine Scheu vor hochkarätigen Persönlichkeiten haben, zeigt ein Interview zum 75. Geburtstag von Edzard Reuter, dem Ex-Daimler-Chef und jüngsten Sohn von Ernst Reuter, der Sead Husic über den legendären BVG-Gründer und Luftbrücken-Bürgermeister Auskunft gibt.
Auch Rüdiger Safranski ("Das philosophische Quartett", ZDF) ist sich nicht zu schade für ein Gespräch über Gott und die Welt. Mit Reportagen vom Treptower Wagendorf Lohmühle und vom Arbeitsalltag eines Kokaindealers begibt sich VOSS gleichzeitig auch in die urbanen Niederungen. Mit 5 Euro ist das Label "Berliner Zeitschrift" also keineswegs überbezahlt.
Mögen sich die Berlin-Themen auch gegenseitig den Atem rauben, ihren eigenen Ton hat die VOSS bereits gefunden. Zum Bundeswehr-Gelöbnis anlässlich des 20. Juli steht im höchst informativen Berliner Tagebuch zu lesen: "Ergebnis der Zeremonie: 20 Rekruten klappen in der Hitze um." Das waren Zeiten, damals, im Sommer.
Trocken-ironisch kommt auch der Kommentar eines Vorschlags zur ökonomischen Rettung des Flughafens Tempelhof: "Bei 40 Boeings vom Typ müssten die Anwohner den Fernseher zwar etwas lauter drehen, ihren Kindern Atemschutzmasken mit Kerosin-Filter zu Weihnachten schenken und das ganze Jahr hoffen, dass das nächste Mal wieder nur ein 'Hobbyflieger' ins Wohnhaus kracht - aber eine Ein-Euro-Firma wie dba wird schon wissen, was gut für Berlin ist." Vergesst nicht Hongkong, möchte man da nur rufen.
Hier erweist sich aber auch zumindest visuell die poetische Ader der Zeitschriftenmacher. Die Bildreportage vom sterbenden Flughafen im Herzen der Stadt ist ein Augenschmaus: "In Tempelhof ist Berlin nostalgisch, verlassen und schön." Die Monumentalästhetik aus der NS-Ära mag dagegen sprechen. Aber die Vision des PopArt-Designers Rainer Boronowski vom Tempelhofer Feld im Jahre 2010 lässt ein Areal entstehen, wo Zeppeline und die "Tante Ju" über Badeseen und Moscheen kreuzen: "Berlin-Reuterstadt". Seit Billy Wilders Berlin-Kultfilm Eins, zwei, drei aus dem Jahr 1961 hat sich eben doch einiges verändert.

Schon einmal haben wir auf VOSS aufmerksam gemacht - ist nun in der zweiten Nummer alles besser geworden? Manchen Artikeln haftet noch ein gewisser Wasserkopf an, und einer der beiden Reuters hätte es für diese Ausgabe wohl auch getan. Ansonsten bleibt die Feststellung: bunt, aber recht divers. Ein Stil kristallisiert sich bereits heraus - ihre ureigenen Themen muss die VOSS jedoch erst noch finden.
Das Schöne an dieser zweiten VOSS-Ausgabe ist vor allem ihr Understatement. Sie schafft es, als ein Berlin-Journal daher zu kommen, ohne dass sie sich als In-Zeitschrift inszenieren müsste. Sie besitzt nicht nur ein handliches und ästhetisches, sondern überhaupt Format. "Wir waren glücklich und stolz", beschreibt der Herausgeber im Editorial zur "zweiten Erstausgabe" die Stimmung in der Redaktion. Und er hat allen Grund es zu sein.


p.w.-red., 20. Oktober 2003

 
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© 2002 Kultura (alle Beiträge unterliegen dem Copyright der jeweiligen Autoren, Künstler und Institutionen. Widerrechtliche Weiterverbreitung ist strafbar.)
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