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Rezension
Jáchym Topol

Nachtarbeit

Roman. Aus dem Tschechischen von Eva Profousová und Beate Smandek

314 Seiten, gebunden
Preis: EUR 22,90
ISBN 3-518-41477-1
Erschienen im Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M.
1. Auflage 2003

Warum ist der erste Eindruck, wenn man ein Buch von Jáchym Topol aufschlägt, eigentlich immer der einer Verwirrung, einer tiefen Finsternis, die über allem liegt?
Eine eisige Winterlandschaft ist das Bild, mit dem der tschechische Autor den Lesern seines jüngsten Romans "Nachtarbeit" die Aufwartung macht. Ein Fluß des Vergessens, der unter der Last seiner Eismasse ächzend einer ungewissen Zukunft entgegentreibt, gibt den visionären Ton vor, der dem Text zugrundeliegt. Und schon nach wenigen Seiten ist eines zumindest klar: "Nachtarbeit" ist kein Buch, das sich gemütlich lesen läßt.
Dabei gewinnt die Erzählung schon bald eine Eindringlichkeit und Überzeugungskraft, die den Leser mitten ins Geschehen hineinzieht.
Großwetterlage nach dem Prager Frühling
Als die Panzer der vereinten Armeen des Warschauer Pakts im August 1968 in Prag einmarschieren, wird der vierzehnjährige Ondra mit seinem jüngeren Bruder Kamil aufs Land geschickt. Die beiden kommen gerade recht zur Beerdigung des Großvaters, in dessen Haus die Familie viele Sommer lang Ferien gemacht hat. Nach den harten Realitäten der Stadt, den Problemen mit der alkoholkranken Mutter und dem Panzerbeschuß des Patentamtes, wo der Vater arbeitet, stößt Ondra plötzlich auf eine archaische Dorfgemeinschaft, in der er sich erstmals selbst behaupten muß.
Und in dieser Welt, das wird bald immer deutlicher, ist nichts so, wie es auf den ersten Blick aussieht. Während die beiden Brüder, behütet von ihrem komischen Onkel Polka, auf ihren Vater, den Erfinder einer mysteriösen Wettermaschine, warten, erlebt Ondra seine erste flüchtige Liebesbeziehung zu Zuza, der Tochter des Wirtes. Er legt sich mit der Líman-Bande an und muß finstere Mutproben auf dem Grab des SS-Manns Kunert bestehen. Währenddessen umschleichen zwei Geheimpolizisten den Ort und versuchen, über die beiden Jungen an den Vater heranzukommen. Am Ende zerschießen russische Panzer auf der Durchfahrt das halbe Dorf und treiben die Bewohner in den Exodus.
"So'n Stuß" ist denn auch die Formel, mit der sich die Figuren die Realität ständig gegenseitig um die Ohren schlagen.

Fast scheint es, als erzähle sich die Geschichte von selber. Der ganze Roman reflektiert die aus Legenden und dumpfer Gewalt, aus juvenilen Männerriten, dem Gegröle betrunkener Dörfler und der rauhen Zärtlichkeit der geschwängerten Mädchen zusammengesetzte Welt des namenlosen Dorfes im deutsch-polnischen Grenzgebiet. Indem Topol diesen verwunschenen Kosmos in eine stark assoziative und dialogische Sprache überführt, gewinnt die Erzählung einen drive, der seinesgleichen sucht.
Schon in seinen beiden auf Deutsch vorliegenden Romanen Engel Exit (1995, dt. 1997) und Die Schwester (1994, dt. 1998) experimentiert der Autor so hemmungslos mit dem "Allgemeintschechisch" der Wendezeit, daß Peter Sacher darin bereits die "neue Sprache" der Zukunft ausgemacht haben will. Umso höher ist die Arbeit der beiden Übersetzerinnen Eva Profousová und Beate Smandek einzuschätzen, die dem 'neuen Sound' bereits in Die Schwester den Weg geebnet haben - auch wenn Ausdrücke wie "Spasti", "angenervt" oder "Alter" um 1968 noch nicht gebräuchlich waren.
Gedächtnisarbeit mit neuem Sound
Topol, der Avantgardist der jüngeren Generation, der sich bereits in den 80er Jahren als Poet des Prager Underground einen Namen machte, widmet sich in "Nachtarbeit" einmal nicht seinem mittlerweile schon fast klassisch zu nennenden Thema, der Wende und ihren Folgen für die seelische Befindlichkeit der Menschen im ehemaligen Osteuropa. Mit dem Ende des Prager Frühlings setzt die Erzählung allerdings ebenfalls bei einem Kristallisationspunkt der jüngeren Ost-West-Geschichte ein. Wer nun aber das melancholisch-sarkastische Sittengemälde eines Dissidenten erwartet - Topols Familie steht immerhin in der Tradition der "Charta 77" -, wird enttäuscht werden. Denn der Autor versteht es, seinen respektlosen Speed-Mystizismus auch dieser Epochenschwelle unterzujubeln.
Aus der hinterwäldlerischen Sicht des Grenzdorfes gewinnen die scheinbar bekannten Ereignisse eine neue Dimension. Es sind ganz alte Geschichten aus der Zeit der Flucht und Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg, die der Strom des Vergessens plötzlich an die Oberfläche spült. Ist der versteckte Großvater tatsächlich Jude und hat mit der Zigeunerin und jetzigen Engelmacherin des Ortes ein Kind? Haben die alten Dorfbewohner wirklich die geflüchteten Kinder eines Deportationszuges im Bach ertränkt aus Angst vor Repressionen? Und was steckt nun hinter der geisterhaften Erscheinung des Mädchens Eluzína, der zugelaufenen und wieder verlorengegangenen Schwester der beiden Brüder, um derentwillen die Mutter ihre Tage in der geschlossenen Anstalt verbringt?
Es ist atemberaubend, was für Schichten des Bewußtseins Topol mit seiner Sprache und seinem Tempo auf gut 300 Seiten freilegen kann. Doch trotz der Dichte des Textes, trotz der kaum mehr als zwei Tage, auf die diese mühsame Nachtarbeit des Decodierens und Dechiffrierens intimster menschlicher Drangsale und Verdrängungen komprimiert ist, bleibt letztlich der Eindruck zurück, daß der Autor - wieder einmal? - zuviel auf einmal will: eine Geschichte von tiefen menschlichen Verstrickungen erzählen, die die Geschichtlichkeit an sich gleich mit aushebeln will, und im selben Atemzug noch seinen eigenen Landsleuten den Spiegel vorhalten. "Ein zauberhaftes Land, mein Böhmen", denkt die Mutter an einer Stelle, "ganz ehrlich, und ich schwör's: die Kombination aus Katholizismus und Kommunismus in der allerdegeneriertesten Form."

Die Finsternis, die über den überwachsenen Pfaden liegt, die Ondra, Kamil und die übrigen Dorfbewohner eingeschlagen haben, scheint sich kurz vor Ende des Buches noch einmal zu lichten. Der Vater kommt mit einem Motorrad, und für einen winzigen Moment kindlicher Hoffnung rückt ein gemeinsames Entkommen ins kapitalistische Ausland (wo immer das liegen soll im Grenzdreieck zu Polen und der DDR) in den Bereich des Möglichen. "Jupiiie, krähte der Kleine, wir faaahren, der Papa fährt..."
Doch die Flucht scheitert. Übrig bleibt nur das Brüderpaar, hin- und hergestoßen zwischen den von der Wettermaschine entfesselten Naturgewalten, den schießwütigen Mongolen der sowjetischen Invasoren und der geheimnisvollen Waisenhausschar der Lauser, das sich völlig entrückt an eine Eisscholle des Lethe-Stroms klammert.
Kein Licht am Ende der Nachtarbeit
Als "das bisher beste Buch des tschechischen Autors" bewertet Suhrkamp "Nachtarbeit" selbstbewußt im Klappentext, und man gewinnt den Eindruck, als wolle der Verlag ein wenig von dem Ruhm vorwegnehmen, der Topol, dem "Autor für Kritiker" (F.A.Z.), hierzulande noch fehlt. Daß der Tscheche mit seinen beiden großen, noch bei Volk & Welt erschienenen Nachwende-Romanen zeitgenössische Formeln für den bis heute nicht überwundenen Zusammenbruch der alten Welt gefunden hat, wird dabei leider geflissentlich übersehen.
Jáchym Topol ist ein Meister der düsteren, raunenden Andeutungen, aus denen nichtsdestoweniger Kraft und Wahrheit schimmern, und das stellt er auch in seinem jüngsten Werk eindrucksvoll unter Beweis. Ab einem bestimmten Punkt jedoch schlägt die Düsternis um in Verwirrung. Das Licht, das Ondra und Kamil auf den letzten Metern leuchtet, kommt jedenfalls eindeutig zu spät, um das Dunkel zu erhellen - für die Brüder genauso wie für den Leser.

p.w. - red. / 2. Dezember 2003


Auf Deutsch liegen von Jáchym Topol vor:

  • Engel Exit, Volk & Welt, 1997 (tsch. Orig. Hynek, 1995)
  • Die Schwester, Volk & Welt, 1998 (tsch. Orig. Atlantis, 1994)
  • Nachtarbeit, Suhrkamp, 2003 (tsch. Orig. Torst, 2001)


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