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Rezension

Cédric Prévost: Liebesschwindel

Roman. Aus dem Französischen von Lis Künzli. Deutsche Erstausgabe
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2005
WAT 510, 144 Seiten
EUR 9,90 [D] / sFr 18,10 / EUR 10,20 [A]
ISBN 3-8031-2510-3


Die Liebe als Trompe-l’œil

Warum neigt man wohl dazu, das Buch schon von den ersten Seiten an nicht so recht ernst zu nehmen? Liegt es an Cédric Prévosts Sprache, an der „Schreibe“ eines jungen Theatermannes, der seine eher spezifischen Erfahrungen auf der Bühne oder im Regisseursessel in die Form eines knappen Mainstream-Romans gießt? Oder ist es eher die luftig-lockere Übersetzung von Lis Künzli, die sich so schön liest, wie man es von einem Roman erwartet, den man kurz vor Abfahrt des Zuges in der Bahnhofsbuchhandlung kauft? Und dann fragt sich noch: Warum macht ausgerechnet der Wagenbach Verlag so ein Buch?
Nun, man sollte sich einfach nicht mit den ersten Seiten zufrieden und dem Liebesschwindel, so der Titel des soeben in deutscher Erstausgabe erschienenen WAT Nummer 510, ein wenig Zeit geben, sich zu entfalten. Eine junge, angehende Schauspielerin, der der berühmte Vorführeffekt bislang jedes Casting vermasselt hat, gerät an einen etwas geheimnisvollen Agenten, der sie jeweils für ein paar Stunden an Menschen vermittelt, für die sie eine besondere, vermißte oder lange herbeigesehnte Person spielen soll. Das scheint zunächst nichts besonderes, doch schon die erste Kür, die an der Wohnungstür des künftigen Auftraggebers mit einer Improvisation beginnt, zeigt, wie fließend die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Spiel in diesem Buch sind.

Stream of consciousness einer Schauspielerin


Prévosts Sprache tut ein übriges, um den Leser in die Story hineinzuziehen. Der Roman liest sich wie der stream of consciousness einer Schauspielerin, als würde sich die namenlose Ich-Erzählerin dauernd selbst Rechenschaft ablegen über ihr Handeln, eben weil es pausenlos ins Spiel umkippt. Der beste Kumpel einer Außenseiterin, die verlorene Tochter einer vereinsamten Frau, die verständige Freundin, die ein verkrachtes Ehepaar besänftigt – mit dem Salär steigt auch das Selbstbewußtsein, mit dem die Heldin inmitten des leichtfüßigen Pariser Lebens in ihre täglich wechselnden Rollen hineinwächst.
Erste Risse in der neuen Scheinwelt zeigen sich, als eine Jugendfreundin sie im Bus anspricht – und der Leser stellt mit ein wenig Verwunderung fest, wie weit die Kompromittierung bei ihm selbst schon fortgeschritten ist. „Was für ein Horror!“ ruft die Freundin, als sie erfährt, mit welcher Art von Tätigkeit ihr Gegenüber seine Brötchen verdient. Und: „Wie kannst du so etwas tun?“ Doch die Heldin entzieht sich ihr rüde, um sich diese Frage vorläufig noch nicht beantworten zu müssen.
Inzwischen ist aus Abel, ihrem Arbeitgeber, Cyril und damit ein weiterer Kunde geworden, für den sie immer häufiger als dessen Lebensgefährtin auftritt, im fünften Monat schwanger, die Verlobungsfeier ist anberaumt. ‚Ob sich auch Liebe spielen läßt?‘ scheint Prévost zu fragen und versetzt seine Heldin in einen romantischen Taumel, in dem sich Cyril in ihren Augen immer mehr zum echten Bräutigam entwickelt. Aus diesem Rausch erwacht sie erst, als die Verlobung auf dem Höhepunkt ist und sie sturzbetrunken die Bewerbungsmappen aller vermeintlichen Gäste in Cyrils Büroschrank entdeckt.

Zeitalter des Wahns


Was man dem Buch sicherlich zum Vorwurf machen muß, ist die zuweilen maßlose Verwendung von Gemeinplätzen und Klischees, wie sie in einer daily soap kaum schöner anzutreffen sind. Andererseits – was tut Literatur anderes, als Realitäten zu überspitzen? Was sonst macht das Theater aus, wenn nicht daß Kulissen geschoben werden, die als solche kenntlich sind? Auch in Filmen wie Leander Haußmanns Sonnenallee werden Kulissen und Klischees geradezu zum Stilprinzip.
Und doch gelingt Prévost eine ausgeklügelte, fast kriminalistische kleine Studie über das Zeitalter des Wahns, in dem wir uns alle befinden. Nach einem dramatischen Showdown, als sich das gespielte Liebespaar auf der Krankenstation wiederfindet, nachdem das falsche Blut getrocknet und alle künstlichen Fruchtblasen zerplatzt sind, stellt Cyril die fast rhetorische Frage: „Willst du wissen, was die schrecklichste aller Vorstellungen ist?“ Daß die Welt existiert, lautet die Antwort, über die nun auch die Heldin nachzudenken beginnt.
„Trompe l’amour“ lautet der französische Originaltitel von Liebesschwindel und spielt damit auf die manieristische Trompe-l’œil-Malerei an, in der mit künstlerischen Mitteln eine besonders realistische Darstellung erreicht wird. Was in der Malerei gelingen mag, so scheint uns Cédric Prévost sagen zu wollen, muß noch lange nicht für die Liebe gelten, besonders wenn sie ‚nicht echt‘, sondern nur gespielt ist. Wenn man also das Glück haben sollte, Liebesschwindel in einer Bahnhofsbuchhandlung kaufen zu können, sollte man ruhig zugreifen: es wird eine kurzweilige Reise werden.


p.w. – red. / 7. Juni 2005
ID 1920


Siehe auch:
http://www.wagenbach.de




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