Und sie hatten es
doch nur gut gemeint
Man könnte das
Buch auch von hinten nach vorne lesen, so fragmentarisch wirkt es
auf den ersten Blick. Aber es hieße "Europeana", das erste auf
Deutsch erschienene Buch des tschechisch-französischen Autors Patrik
Ouredník, falsch verstehen, wenn man den Untertitel wirklich ernst
nähme, den ihm der Wiener Czernin Verlag verpasst hat: "Eine kurze
Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts".
Sicher, mit Geschichte
hat "Europeana" etwas zu tun. Aber auf eine 'histoire totale' à la
Eric Hobsbawm sollte man dabei nicht hoffen. Denn hat man das nur
141 Seiten starke Büchlein ausgelesen, werden sich die Augen drehen
wie in einem Cartoon. Ein solches Feuerwerk an feinfühligen Details,
gewichtigen Aussagen, bissigen theoretischen Seitenhieben und
Kinderweisheiten über das 20. Jahrhundert wird man von einer
klassischen "Geschichte" kaum erwarten. Die optisch an sich
ansprechenden Zwischentitel können dem leider auch nicht Herr
werden.
Ein Grenzgänger
Im Februar 2003 erschienen, hat "Europeana" im deutschsprachigen
Raum schon einen begeisterten, wenn auch noch keinen großen
Widerhall gefunden. Dabei wird dem Text zum Verhängnis, dass er sich
nicht einordnen lässt: als Glosse oder Chronik, locker-ironisches
Geschichtenbüchlein oder als Essay findet man das Buch von
einschlägigen Rezensenten charakterisiert. Aber niemand will darin
sehen, was es eigentlich ist: der Text eines Grenzgängers, der seit
bald zwanzig Jahren als Literaturwissenschaftler und Übersetzer in
Frankreich lebt und auf Tschechisch schreibt; eine aphoristische
Collage, die in ihrem ironischen Scharfsinn in der großen
tschechischen Tradition eines Jaroslav Hašek oder etwa von Josef
Škvoreckýs Aus dem Leben der tschechischen Gesellschaft
steht, das noch immer der Übersetzung harrt.
Ouredník findet
seinen eigenen Weg, dem Leser das "Zeitalter der Extreme" (Hobsbawm)
in den Schädel zu meißeln. Der Autor bekommt alles unter einen Hut:
Kommunismus und Nazismus, die Entwicklung des Hygienedenkens und die
Eugenik, die Jugend von '68 und deren Parolen ("Die Phantasie an die
Macht!"), die die Werbetafeln von heute zieren, Barbie und die
Emanzipation der Frau - von der Arbeit an der Heimatfront über die
Erfindung des Büstenhalters zur Antibabypille ist es da ein
Katzensprung. Selbst Sekten wie Scientology, die Pfingstler, die
Zeugen Jehovas oder die Amish People kommen mit ihrem ganz eigenen
Weg in die Moderne in den Blick.
Aber Ouredník hat auch seine
großen Erzählungen. Das Buch hebt an mit einer Statistik der
Durchschnittsgröße der im Jahr 1944 in der Normandie gefallenen
Amerikaner - und Yperit nannte man auch Senfgas, "weil es in der
Nase biss wie Dijon-Senf", sodass die Soldaten nach dem Ersten
Weltkrieg darauf keinen Appetit mehr verspürten. Giftgas und
Holocaust, der Erste und der Zweite Weltkrieg, Hiroshima und der
Kalte Krieg - es ist die Monstrosität des 20. Jahrhunderts, die der
Text pausenlos umkreist. Die großen Ideologien wie Kommunismus und
Faschismus kriegen dabei genauso ihr Fett weg wie Denker vom Schlage
eines Freud, Sartre oder Derrida - freilich ohne je einen Namen zu
nennen.
Keiner konnte Tschechisch
Seinen Erfolg im deutschen Sprachraum verdankte "Europeana" eher
einem Zufall. Das Manuskript des Buches, das nach seinem Erscheinen
2001 monatelang die tschechischen Bestsellerlisten anführte, fiel
Jirí Gruša, dem tschechischen Botschafter in Österreich, in die
Hände. Sein Sekretär Michael Stavaric übersetzte es und bot es dem
jungen Wiener Czernin Verlag an, der die Rechte sofort kaufte - "aus
dem Bauch heraus", wie Radio Prag berichtete. Mittlerweile werden
niederländische, französische, slowenische und bulgarische
Übersetzungen vorbereitet, und sogar eine Übersetzung ins Englische
ist im Gespräch.
Ein wenig liest sich Stavarics gute und flüssige
Übersetzung so, wie wenn ein Erwachsener einem kleinen Kind das
Jahrhundert erklärt, ohne sich die Mühe zu machen, die Sprache des
Kindes zu sprechen. Ouredníks Geheimrezept ist der permanente
Gebrauch des Wörtchens "und":
"Und als die Nazis den Krieg
verloren hatten, organisierten die Siegermächte einen
internationalen Gerichtshof und die Juristen dachten darüber nach,
wie man die Endlösung der Judenfrage denn nennen solle und die
verschiedenen Pläne zur Ausrottung der Roma und Slawen und so weiter
und sie erfanden den Begriff Genozid."
Die Brisanz des Textes
liegt gerade in diesem respektlosen "und so weiter", mit dem die
Historikerzunft abgewatscht wird. Es sind die Experten, "die
Juristen", "die Historiker" oder "die Soziologen", die dieses
Jahrhundert erklären und zugleich zerreden. Jahres-, Opfer- wie
überhaupt alle Zahlen werden immer ausgeschrieben - als wolle
Ouredník damit die Absurdität jeglicher numerischer Exaktheit
herausstellen. Doch bevor man den Autor des satirischen Relativismus
zeiht, sollte man beachten, daß Ouredník - mit vielleicht ein
bißchen zuviel Emphase für den ‚kleinen Mann' - seinen Text vor
allem als Plädoyer für den Fortgang, nicht unbedingt für den
Fortschritt der Geschichte versteht. Wie sonst ist seine Antwort auf
Francis Fukuyamas selbstherrliches Wort vom "Ende der Geschichte" zu
verstehen? "Viele Leute kannten diese Theorie nicht und machten
weiter Geschichte, als ob nichts gewesen wäre."
Ein Plädoyer für den Fortgang der Geschichte
Es fällt auf, wie sehr dem Autor daran gelegen ist,
Nationalsozialismus und Kommunismus als diktatorische und
mörderische Systeme zu charakterisieren, die sich strukturell
gleichen. Auf dem Ettersberg bei Weimar lustwandelten die deutschen
Klassiker, dort, im Lager Buchenwald, ermordeten die Nazis später
50.000 und die Sowjets noch einmal 5.000 Menschen. Über Ouredníks
eigenen Hader mit dem Regime in der Tschechoslowakei, aus der er
1985 emigrierte, kann man nur spekulieren. Sein Mitgefühl jedenfalls
gilt denen, die die totalitären Launen des 20. Jahrhunderts nicht
überlebt haben:
"Über den Kommunismus sagte man, dass er am
Tod von neunzig bis hundert Millionen Menschen schuld sei, aber
ehemalige Kommunisten sagten, dies stimme so nicht, und selbst wenn
es wahr wäre, könne man das so nicht sagen, da es die Kommunisten
doch gut gemeint hätten."
p.w./red., 28. August 2003
Die tschechische Originalausgabe erschien 2001 bei Paseka in Prag.