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Rezension

Patrik Ouredník:

Europeana. Eine kurze Geschichte Europas im 20. Jahrhundert.

Übersetzung aus dem Tschechischen von Michael Stavaric
144 Seiten
Preis: EUR 19,-/SFr 32,70
ISBN 3-7076-0153-6
Erschienen im Czernin Verlag, Wien
Februar 2003

Und sie hatten es doch nur gut gemeint

Man könnte das Buch auch von hinten nach vorne lesen, so fragmentarisch wirkt es auf den ersten Blick. Aber es hieße "Europeana", das erste auf Deutsch erschienene Buch des tschechisch-französischen Autors Patrik Ouredník, falsch verstehen, wenn man den Untertitel wirklich ernst nähme, den ihm der Wiener Czernin Verlag verpasst hat: "Eine kurze Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts".
Sicher, mit Geschichte hat "Europeana" etwas zu tun. Aber auf eine 'histoire totale' à la Eric Hobsbawm sollte man dabei nicht hoffen. Denn hat man das nur 141 Seiten starke Büchlein ausgelesen, werden sich die Augen drehen wie in einem Cartoon. Ein solches Feuerwerk an feinfühligen Details, gewichtigen Aussagen, bissigen theoretischen Seitenhieben und Kinderweisheiten über das 20. Jahrhundert wird man von einer klassischen "Geschichte" kaum erwarten. Die optisch an sich ansprechenden Zwischentitel können dem leider auch nicht Herr werden.

Ein Grenzgänger

Im Februar 2003 erschienen, hat "Europeana" im deutschsprachigen Raum schon einen begeisterten, wenn auch noch keinen großen Widerhall gefunden. Dabei wird dem Text zum Verhängnis, dass er sich nicht einordnen lässt: als Glosse oder Chronik, locker-ironisches Geschichtenbüchlein oder als Essay findet man das Buch von einschlägigen Rezensenten charakterisiert. Aber niemand will darin sehen, was es eigentlich ist: der Text eines Grenzgängers, der seit bald zwanzig Jahren als Literaturwissenschaftler und Übersetzer in Frankreich lebt und auf Tschechisch schreibt; eine aphoristische Collage, die in ihrem ironischen Scharfsinn in der großen tschechischen Tradition eines Jaroslav Hašek oder etwa von Josef Škvoreckýs Aus dem Leben der tschechischen Gesellschaft steht, das noch immer der Übersetzung harrt.
Ouredník findet seinen eigenen Weg, dem Leser das "Zeitalter der Extreme" (Hobsbawm) in den Schädel zu meißeln. Der Autor bekommt alles unter einen Hut: Kommunismus und Nazismus, die Entwicklung des Hygienedenkens und die Eugenik, die Jugend von '68 und deren Parolen ("Die Phantasie an die Macht!"), die die Werbetafeln von heute zieren, Barbie und die Emanzipation der Frau - von der Arbeit an der Heimatfront über die Erfindung des Büstenhalters zur Antibabypille ist es da ein Katzensprung. Selbst Sekten wie Scientology, die Pfingstler, die Zeugen Jehovas oder die Amish People kommen mit ihrem ganz eigenen Weg in die Moderne in den Blick.
Aber Ouredník hat auch seine großen Erzählungen. Das Buch hebt an mit einer Statistik der Durchschnittsgröße der im Jahr 1944 in der Normandie gefallenen Amerikaner - und Yperit nannte man auch Senfgas, "weil es in der Nase biss wie Dijon-Senf", sodass die Soldaten nach dem Ersten Weltkrieg darauf keinen Appetit mehr verspürten. Giftgas und Holocaust, der Erste und der Zweite Weltkrieg, Hiroshima und der Kalte Krieg - es ist die Monstrosität des 20. Jahrhunderts, die der Text pausenlos umkreist. Die großen Ideologien wie Kommunismus und Faschismus kriegen dabei genauso ihr Fett weg wie Denker vom Schlage eines Freud, Sartre oder Derrida - freilich ohne je einen Namen zu nennen.

Keiner konnte Tschechisch

Seinen Erfolg im deutschen Sprachraum verdankte "Europeana" eher einem Zufall. Das Manuskript des Buches, das nach seinem Erscheinen 2001 monatelang die tschechischen Bestsellerlisten anführte, fiel Jirí Gruša, dem tschechischen Botschafter in Österreich, in die Hände. Sein Sekretär Michael Stavaric übersetzte es und bot es dem jungen Wiener Czernin Verlag an, der die Rechte sofort kaufte - "aus dem Bauch heraus", wie Radio Prag berichtete. Mittlerweile werden niederländische, französische, slowenische und bulgarische Übersetzungen vorbereitet, und sogar eine Übersetzung ins Englische ist im Gespräch.
Ein wenig liest sich Stavarics gute und flüssige Übersetzung so, wie wenn ein Erwachsener einem kleinen Kind das Jahrhundert erklärt, ohne sich die Mühe zu machen, die Sprache des Kindes zu sprechen. Ouredníks Geheimrezept ist der permanente Gebrauch des Wörtchens "und":
"Und als die Nazis den Krieg verloren hatten, organisierten die Siegermächte einen internationalen Gerichtshof und die Juristen dachten darüber nach, wie man die Endlösung der Judenfrage denn nennen solle und die verschiedenen Pläne zur Ausrottung der Roma und Slawen und so weiter und sie erfanden den Begriff Genozid."
Die Brisanz des Textes liegt gerade in diesem respektlosen "und so weiter", mit dem die Historikerzunft abgewatscht wird. Es sind die Experten, "die Juristen", "die Historiker" oder "die Soziologen", die dieses Jahrhundert erklären und zugleich zerreden. Jahres-, Opfer- wie überhaupt alle Zahlen werden immer ausgeschrieben - als wolle Ouredník damit die Absurdität jeglicher numerischer Exaktheit herausstellen. Doch bevor man den Autor des satirischen Relativismus zeiht, sollte man beachten, daß Ouredník - mit vielleicht ein bißchen zuviel Emphase für den ‚kleinen Mann' - seinen Text vor allem als Plädoyer für den Fortgang, nicht unbedingt für den Fortschritt der Geschichte versteht. Wie sonst ist seine Antwort auf Francis Fukuyamas selbstherrliches Wort vom "Ende der Geschichte" zu verstehen? "Viele Leute kannten diese Theorie nicht und machten weiter Geschichte, als ob nichts gewesen wäre."

Ein Plädoyer für den Fortgang der Geschichte

Es fällt auf, wie sehr dem Autor daran gelegen ist, Nationalsozialismus und Kommunismus als diktatorische und mörderische Systeme zu charakterisieren, die sich strukturell gleichen. Auf dem Ettersberg bei Weimar lustwandelten die deutschen Klassiker, dort, im Lager Buchenwald, ermordeten die Nazis später 50.000 und die Sowjets noch einmal 5.000 Menschen. Über Ouredníks eigenen Hader mit dem Regime in der Tschechoslowakei, aus der er 1985 emigrierte, kann man nur spekulieren. Sein Mitgefühl jedenfalls gilt denen, die die totalitären Launen des 20. Jahrhunderts nicht überlebt haben:
"Über den Kommunismus sagte man, dass er am Tod von neunzig bis hundert Millionen Menschen schuld sei, aber ehemalige Kommunisten sagten, dies stimme so nicht, und selbst wenn es wahr wäre, könne man das so nicht sagen, da es die Kommunisten doch gut gemeint hätten."


p.w./red., 28. August 2003

Die tschechische Originalausgabe erschien 2001 bei Paseka in Prag.


 
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© 2003 Kultura (alle Beiträge unterliegen dem Copyright der jeweiligen Autoren, Künstler und Institutionen. Widerrechtliche Weiterverbreitung ist strafbar.)
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