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Rezension

Terézia Mora - "Alle Tage"

Roman
Luchterhand Literaturverlag, München, 2004
430 Seiten, 22,90 Euro [D], ISBN 3-630-87185-2


Tapferkeit vor dem Freund

Ist es nicht inzwischen so, dass wir beim Lesen eines gut geschriebenen Buches geneigt sind, die Fiktion der Erzählung mit der Wirklichkeit zu verwechseln? Wie viele Druckwerke erscheinen nicht in unseren Tagen, die alles, was sie haben, auf die ‚Authentizität' der zugrunde liegenden story setzen? Ein echter Fall, eine wahre Begebenheit - das sind die Gütesiegel einer Lesekultur, die eher mit oberflächlicher menschlicher Ergriffenheit operiert, als dass sie schriftstellerischer Reflexion und Erzählkunst vertrauen würde. Wo ist dieses Leservertrauen hin, das einmal - beispielsweise als noch Diktaturen oder politische Repression den öffentlichen Redefluss ins Stocken brachten - ganz selbstverständlich diejenigen honorierte, die sich ästhetisch und erzählerisch daran machten, sprachliche Verdunkelungen, Vertuschung, Lüge und Fehlinformation durch ihre Texte aufzuhellen? Vielleicht, wird sich Terézia Mora, die deutschsprachige Schriftstellerin und Übersetzerin aus dem ungarischen Sopron, die seit mehr als einem Jahrzehnt in Berlin lebt, gedacht haben, vielleicht meinte Ingeborg Bachmann ja dies mit den Zeilen "Der Krieg wird nicht mehr erklärt, / sondern fortgesetzt. Das Unerhörte / ist alltäglich geworden", die aus dem Gedicht "Alle Tage" stammen. Und nannte daher ihren langerwarteten Roman, der vor kurzem beim Luchterhand Literaturverlag erschienen ist, wie Bachmanns Gedicht - Alle Tage.
Eher Nemo als Nema
Wer sich unbedarft an das 430 Seiten starke Buch heranwagt, könnte zunächst einmal eine Überraschung erleben. Von der verbreiteten Eindeutigkeit und Klarheit, die die Erzählung von vornherein auf den Helden und seine mehr oder weniger geradlinige Entwicklung festlegt, ist die Geschichte von Abel Nema verhältnismäßig weit entfernt. In der Eingangsszene finden wir einen gut aussehenden Mann verkehrt herum an das Klettergerüst eines Kinderspielplatzes gefesselt. Erst im folgenden Kapitel fällt sein Name, und wir sehen ihn als Schussel, der abgewetzt, verspätet und ohne Papiere zu seiner Scheidung erscheint. Und noch ein paar Seiten weiter erleben wir Abel als einen, der ins Räderwerk einer humorvoll-grotesken Orgie (die ihn im Übrigen um Kleidung und Papiere bringt) gerät. Ein umständlicherer Anfang lässt sich schwer denken - und doch bleibt das Gefühl, dass es mit dieser unnahbaren Figur etwas ‚auf sich' haben muss, und dieses Gefühl wird, ähnlich wie in den Romanen des Spaniers Javier Marías, nicht weichen, sondern eher noch stärker werden. Von Anfang an hält die Autorin ihre Hauptfigur auf Distanz - und ermuntert ihre Leser dadurch zum Weiterlesen und zu wilden Spekulationen. Der Name zum Beispiel. "Nema" erinnert an eine slawische Form für "stumm", und tatsächlich ist dieser Abel so einsilbig, dass man sich hier auf einer Fährte wähnt. Noch dazu ist er ein Hochbegabter, der in kürzester Zeit zehn Sprachen erlernt - mehr als ein deutlicher Fingerzeig, dass es in diesem Buch auch und vor allem um das Sprechen miteinander, um nicht zu sagen, um ‚Kommunikation' geht. Auf der anderen Seite macht dieselbe Figur all das auch wieder kaputt. Abel Nema, das dunkle, geheimnisvolle Sprachgenie aus einem südlichen Land, übt eine große Anziehung auf Frauen aus. Seine "Patin" Kinga, die schon fast klischeehaft wilde Zigeunerbraut und Barsängerin, die ihn sich in einem schwülen mitteleuropäischen Nachtzug angelt, dringt wohl am weitesten in ihn ein. Doch obwohl die Handlung an übertriebenen Sexorgien und heftigen Gewaltexzessen manchmal geradezu überkocht, bleibt Abel bis zum Ende jungfräulich unberührt, eher ein "Nemo" als ein Nema. Seine schier opake Persönlichkeit wirkt so nüchtern, dass selbst die Autorin bisweilen wie eine Vollzugsbeamtin wirkt, wenn sie von "Abel Nema" oder "A.N." schreibt.
Hybridkultur einer geheimnisvollen Riesenstadt
Das einzige Persönliche, was wir von Abel wissen, sind seine homoerotischen Neigungen. Seit ihn sein Schulfreund Ilia kurz nach der Abiturfeier in ihrer beider Heimatstadt "S." hat abblitzen lassen, kommt Abel nicht mehr zur Ruhe. Kurz darauf bricht dort ein Krieg aus, doch zu diesem Zeitpunkt ist er bereits über alle Berge. Als Deserteur auf der Suche nach seinem verschollenen ungarischen Zigeunervater irrlichtert er durch ein geheimnisvolles Nach-Wende-Europa und kann nicht mehr zurück. Stattdessen zieht er sich bei Antals früherer Geliebter Bora eine Gasvergiftung zu, die ihn wundersam verwandelt. Es ist die erste einer Reihe von Metamorphosen, die sein neues Leben in "B.", der Stadt, in die es ihn letztlich verschlägt, fast die ganze Länge des Buches über bestimmt. Natürlich ist es legitim, die wenigen Fingerzeige, die Terézia Mora gibt, zu interpretieren. Eine Heimatstadt, die S. heißt, und eine Zielstadt namens B. können als persönliche Koordinaten der Autorin gelesen werden. Darüber hinaus sucht man exakte geographische oder politische Hilfestellungen jedoch weithin vergebens. Der Held gerät vielmehr in die Hybridkultur einer düsteren Riesenstadt, in der sich selbst das Genie Abel Nema ständig verläuft. Seine erste Anlaufstelle ist der unverbesserliche Weltverbesserer Konstantin Tóti, der ihm in einem zugigen Wohnkomplex, genannt "Bastille", Obdach bietet. Seine weiteren Hauswirte heißen Carlo und Thanos, Mitbewohner und Bekannte tragen Namen wie Pal, Janda oder Danko. Fast könnte man von einer neuen ‚politischen Korrektheit' der Migrantenkultur sprechen, die sich in Moras Namen widerspiegelt. Doch ist es nicht nur die Halbwelt der tramps und Zugezogenen, die der Gypsy-Musiker, mit denen er ein "Road Movie" erlebt, und die der entwurzelten Kleinkriminellen aus den Bahnhofsvorstädten, die ihn zusammenschlagen, in der sich Abel bewegt. Vermittels seiner Begabung steht ihm auch der "Salon" seines Professors Tibor offen, in dem sich die Intelligenzija der Immigranten versammelt. Dort trifft Abel Mercedes, die ihn später wegen seiner fehlenden Papiere heiratet, samt ihrem Wunderknaben, dem einäugigen Omar, zu dem er eine ganz besondere Beziehung aufbaut.
Beherrschen Sie alle zehn Sprachen des Balkans?
Trotz der Komplexität seiner Anlage, trotz seiner Verschlungenheit und den Brüchen in der Erzählung besitzt Alle Tage ein großes Thema, das man gewissermaßen als Text hinter dem Text ständig mitliest. Es ist die Sprache im Allgemeinen und die soziale Sprache, die ‚Kommunikation' im Besonderen. Das fängt schon auf der Ebene der Worte an. An manchen Stellen scheint es nämlich so, als ob Mora mit der Uneindeutigkeit und Redundanz ihres Mediums regelrecht spielen würde. In hektische, durchaus eindringliche Satzläufe sind plötzlich "Korrekturen" von Bildern oder auch Rechtschreibfehlern eingebaut: "…Sämtliches vom Leid, Korrektur: vom Leib gerissen…", heißt es an einer Stelle, "Also, bitte, tu diene, Korrektur: deine Pflicht", an einer anderen. Ironische Hinweise wie "Wechsel der Metapher!" fügen sich genauso in dieses Spiel ein wie die gelegentliche Veränderung der Erzählperspektive. "Wir sprechen, also sind wir", lautet die knappe Formel während des großen "Deliriums" gegen Ende des Buches. Wie die Personen nur Nervenendigungen in einem Netz von Beziehungspunkten sind, so sind auch die Verweise auf die gesprochenen Sprachen nie konkret, sondern allenfalls relativ. Es gibt für Abel nur "die Muttersprache" und alle übrigen Sprachen, die er zwar alle "irgendwie" versteht, mit denen er aber genauso wenig anzufangen weiß wie mit seinen zehn erlernten. "Gutes altes Babylon", heißt es zu Beginn des Buches. "Und natürlich Transsylvanien. Der Balkan etcetera. Beherrschen Sie wirklich all diese Sprachen? Alle zehn?" In gewisser Weise ist der Roman - mit Blick auf die südosteuropäischen Tragödien der 1990er Jahre - die Antwort auf diese ohnehin rhetorische Frage.
Von Paarung und Krieg handelt eben alles
Man könnte das alte Clausewitz-Diktum, dass der Krieg die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln sei, leicht abgewandelt auch auf Alle Tage anwenden. "Was hast du erwartet? Von Paarung und Krieg handelt alles." Der Krieg, von dem alles handelt, beginnt in diesem Roman allerdings dort, wo das Sprechen aufhört, und es sind immer diese Bruchstellen, die Abel Nema grundlegend verändern. Als er eines Tages auf einem Spielplatz den Straßenjungen Danko trifft, wird sofort klar, dass sich etwas anbahnt. Zwar kommt Abel an diesem Punkt noch einmal verhältnismäßig glimpflich davon, aber mit Danko verflüchtigt sich auch Abels Laptop, auf dem seine Dissertation gespeichert ist - und damit endet eine weitere Episode in Abels permanentem Scheitern. Kurz vor Ende, als sein Standort in der Welt endgültig unsicher geworden ist - Kinga hat Selbstmord begangen, die Beziehung zum kleinen Omar wie auch seine Greencard-Ehe sind auf dem Nullpunkt angelangt - erfährt Abel, dass sein früherer Geliebter Ilia tot ist - und schluckt daraufhin eine Dosis Giftpilze, die ihn in ein 50 Seiten langes Delirium stürzt, das wie ein multiperspektivischer Molly-Bloom-Monolog daherkommt. Aus diesem eben erwacht begegnet er Dankos Straßenbande wieder, die ihn, den "Kinderficker", fast tot schlägt und an ein Klettergerüst fesselt. Mit dieser finalen Metamorphose schließt sich der Kreis. Das Buch endet in einer fast biedermeierlichen Idylle, allerdings um den Preis der Sprache und des Gedächtnisses. "Das ist gut", sind die einzigen Worte, die Abel Nema zum Schluss geblieben sind. Die Geschichte einer langen, schmerzhaften Ankunft in der "Zielsprache" ist zu Ende.
Ankunft in der Zielsprache
Die Welt als einen "all-täglichen" Ausnahmezustand zu analysieren, in dem einzig der Bachmannsche "Stern der Hoffnung über dem Herzen" die "Auszeichnung" darstellt, ist vielleicht die ureigenste Aufgabe der Literatur. Terézia Mora hat darüber ein verschlungenes, ein universales Buch geschrieben, das aus allen Bereichen des Lebens "Wunder" bereit hält, einen echten Roman eben, auf den zu freuen sich in jeder Hinsicht gelohnt hat. Einige Manierismen wie etwa die etwas gewollten Kapitelüberschriften, die dem Text einwenig sein Understatement rauben, können die erzählerische Kraft von Alle Tage zum Glück nicht schmälern. Schließlich ist Moras schriftstellerische Ahnengalerie mit Péter Esterházy, dessen Harmonia Caelestis und Verbesserte Ausgabe sie übersetzt hat, und Ingeborg Bachmann, deren Preisträgerin sie war, beeindruckend genug. Gute Bücher können, das sieht man ebenfalls deutlich, keinen direkten Ausfluss der so genannten Realität darstellen. Eher schon können sie uns auf lapidare, mitreißende oder gar gewalttätige Art und Weise klarmachen, dass Sprache alles ist. Die Wirklichkeit hingegen lässt sich genauso als eine Schimäre entlarven wie die feuilletonistischen Forderungen nach einer bestimmten Art des Schreibens. "Ich kann's nicht mehr hören", deliriert die Erzählstimme unter dem Einfluss von Fliegenpilzen, "scheiß neue Lust am Erzählen!" Wo käme die Literatur auch hin, wenn sie sich von gewissen Trendsettern und ihren Analysten in die Suppe spucken ließe?

p.w. – red. / 9. November 2004
ID 1384
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http://www.randomhouse.de




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