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Rezension

Hubert Katzmarz

Nachtwanderung

Geschichten

Berlin: Medusenblut (Verlag Boris Koch), 2004
135 Seiten. Broschiert
10 Euro
ISBN 3-935901-06-2

Phantastische Literatur ohne Fantasy

"Sonntag, 14. April/ Habe mich endlich entschlossen, Tagebuch zu führen. Alle großen Männer haben Tagebuch geführt. Vielleicht gibt es auch meinem Leben Größe." Ein Mann, hier ein Antiquar, schreibt Tagebuch. So weit nicht ungewöhnlich. Wenn er sich damit nicht verzetteln würde: "Montag, 15. April/ Wollte mich eigentlich mit dem Tagebuch beschäftigen. Hatte aber keine Mappe, in die ich die Einzelblätter hätte heften können. Es kommt mir wie ein Sakrileg vor, sozusagen mein Leben frei herumflattern zu lassen."
Das Tagebuch soll ein feierliches Äußeres erhalten. Denn, so der Antiquar, große Worte verlangen nach der Ästhetik des Schreibmaterials: "Sonntag, 5. Mai/ War gar nicht so einfach, die rote Tinte zu bekommen. Deshalb mußte ich meinen Laden den ganzen Donnerstag über geschlossen halten. Ich wußte nicht, daß die Fließeigenschaften roter Tinte anders sind als die schwarzer Tinte. Brauchte deshalb noch eine besondere Feder." Bunte Kalligraphie auf Büttenpapier - die autobiographischen Notizen werden zum Selbstzweck und zum Lebensprojekt. Und das ist zum Scheitern verurteilt.

"Geliebtes Tagebuch" ist die humorvollste Geschichte aus dem Erzählungsband Nachtwanderung. Autor Hubert Katzmarz hat sich vor allem der phantastischen Literatur, oft finstren Assoziationen, verschrieben. Und so sind die meisten der 15 Geschichten verstörend oder gar angsteinflößend. Doch ihnen allen ist eines gemein: die skurrile, unerwartete Wendung.
In "Der Aufenthalt" hat Gregor Pretorius, ein Schriftsteller ohne Veröffentlichung, eine Autopanne auf dem Land. Im nächstgelegenen Dorf möchte er telefonieren, um das geplante Treffen mit einem Cheflektor zu retten. Doch ein mysteriöser Greis, der einzige Dorfbewohner weit und breit, geht nicht auf seine Bitte ein, sondern versucht, ihn vom schöngeistigen Schreiben abzubringen. In den glühenden Augen des Greises flackern Bilder von hungernden Kindern und marschierenden Soldaten auf. Halluzination unter der sengenden Sonne oder doch eine übernatürliche Erscheinung?

"Der freie Fluß der Phantasie kann nicht mein literarisches Ziel sein", schrieb Katzmarz einmal und grenzte sich damit von den Fantasy-Autoren ab. Phantastische Literatur bedeutete für den im letzten Jahr verstorbenen Schriftsteller, die Phantastik in der Wirklichkeit zu verankern oder mit ihr zu verweben. So ist die nächtliche Kneipentour in der Titelerzählung "Nachtwanderung" der natürliche Rahmen für die übernatürlichen Erfahrungen in einer bestimmten Kneipe: die Menschen vollziehen Metamorphosen zu Vögeln, der Kellner hat ein "Geiergesicht". Draußen, in der Kühle der Nacht, scheint der Spuk oder Rausch vorbei. "Fern klagt ein Nachtvogel, schweigt ... klagt ... schweigt ..., schwingt still näher, ein Schatten vor der Dunkelheit, zeichnet mir den Weg - flügelstarr, sternengefiedert." Nur Nachhall der phantastischen Erscheinung. Oder sind wir immer noch drin in der mysteriösen Fabelwelt?

Hubert Katzmarz' posthum erschienener Erzählband ist ein Glücksfall. Eigentlich plante der Autor, der zuvor unter dem Pseudonym Bertram Kuzzath in Zeitschriften und Anthologien veröffentlichte, seinen literarischen Durchbruch mit einem auf 2000 Seiten angelegten Roman. Die kleine Form mit phantastischem Inhalt gefüllt beherrscht er jedenfalls.
Katzmarz hätte es sicher gefallen, dass ein Foto von ihm in die phantastische Szenerie des Covers montiert wurde. Zum einen, weil Katzmarz seit seiner Kindheit "rauschhafte Zustände" hatte, "die sich der Kontrolle entziehen" und die so mächtig waren, dass er in diese Phantasie-Welt gerissen und gleichsam ein Teil von ihr wurde. Aber auch, weil Hubert Katzmarz' Humor hatte, wie er in "Geliebtes Tagebuch" bewies: "Mittwoch, 12. Juni/ Heute festgestellt, daß alle kalligraphischen Versuche für'n Arsch sind."


Tobias Wenzel, 29. Juli 2004
ID 1181
Es gibt auch eine Hörbuch-Fassung mit sechs ausgewählten Erzählungen. Gelesen von Thomas Franke. 120 Minuten. 2 CDs. Berlin: Medusenblut 2004. ISBN 3-935901-93-3




Literatur siehe auch:

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siehe auch: Kinder- und Jugendbücher


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