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Rezension


Ronald M. Schernikau

IRENE BINZ. BEFRAGUNG



Ronald M. Schernikau: Geh doch mal ans Telefon, Irene! - Foto (C) Nachlass Ronald M. Schernikau http://www.schernikau.net


Erinnerungen pushen

"1981: Ronald M. Schernikau lässt sich von seiner Mutter seine Kindheit und ihr eigenes Leben erzählen. Im literarischen Porträt zeichnet er den höchst eigenwilligen Lebensweg dieser ungewöhnlichen Frau nach. / Aus Liebe flieht die überzeugte Kommunistin aus der DDR nach Westdeutschland, leidet dort unter dem ständigen Misstrauen, das man ihr als bekennender Genossin entgegenbringt. Zwischen den beiden deutschen Staaten geht sie konsequent ihren Weg und fühlt doch schmerzhaft die Leerstelle der fehlenden Heimat. /
Den erstmals aus dem Nachlass des 1991 verstorbenen Schriftstellers veröffentlichten Text stellt Ellen Schernikau selbst vor."
(Aus: www.rotbuch.de)

Geschehen am 16. Februar 2010 in der Verlagsbuchhandlung der sozialstischen Tageszeitung JUNGE WELT - einem der wenigen (linken) DDR-Blätter, die die Wende, obzwar deutschdeutsch modifiziert, aber immerhin überstehen durften...

Nach dem gassenhauerischen und nicht minder burschikosen Großporträt, was uns Matthias Frings den Schernikau im letzten Jahr recht mangamäßig nahe brachte - und das Hauptverdienst vom guten Frings ist eineindeutig das, dass er den Ronald M., dessen Stern allmählich zu erblassen drohte, weil kein Schwanz, außer den hinlänglich bekannten Insidern (und seit Hans Mayer wissen wir, dass gute, also echte Literatur immer [und selbstverständlich ganz natürlich] außenseiterische Qualitäten hat), ihn mehr zur Kenntnis nahm (weils einfach nichts mehr von ihm in den Buchhandlungen zu bestellen gab; LEGENDE musste/muss man sich über die Website eines Dresdner Kleinverlages übers Internet bestellen), in das Allgemeinbewusstsein rückte - gibt es jetzt, seit letzten Freitag, Ronald M. Schernikau's "IRENE BINZ. BEFRAGUNG" zu kaufen.

Ellen Schernikau und Thomas Keck verwalten ja, sehr intensiv und sehr sehr warmherzig, den dichterischen Nachlass eines viel zu früh von uns gegangenen Naturtalents. Die Lesung also jetzt, die seine Mutter (Ellen Schernikau = Irene Binz) aufs Podium brachte, könnte oder kann gewiss "nur" Auftakt einer hoffentlich dem Selbstlauf überlassenen Kampagne sein.


Buchcover zu Ronald Schernikau, IRENE BINZ. BEFRAGUNG - Foto (C) Rotbuchverlag http://www.rotbuch.de


"IRENE BINZ. BEFRAGUNG" ist, wenn man den Text im Nachhinein und jetzt so liest, ein übrig gebliebenes Material. So was wie eine angereicherte und doch wieder zurückverknappte Muter's-Sohn-Erinnerung. Nach Aussagen von Ellen Schernikau, also der Höchstbetroffenen, waren das insgesamt so an die sechs- bis siebenhundert Seiten, die der Sohn aus dem Erzählten eines Wochenendes in die Schreibmaschine tippte. Viel zu viel (als Text), das war dem Schernikau selbstredend klar. Und schließlich machte er aus diesem Konvolut ein Blankvers-Stück in sieben Akten: einen Monolog von einer Frau - - er las aus diesem damals auch am Becher-Institut, ja, ich erinnere mich sehr genau an diese "volkstümliche", und zugleich doch artifizielle Sprache; und so wurde es ein Kunst-Stück, und als solches kann man es in der LEGENDE - diesem bibelgleichen Opus Magnus - eingesprengselt lesen: d a s ist echter, unverfälschter Schernikau.

Mein Bauchgefühl - ich kannte Ronald ja von Leipzig her, wir warn Kommilitonen - sagt mir jetzt: An diesem (aus dem Nachlass erstmals öffentlich gemachten) Text ist irgend etwas "Fremdes", was mit ihm und seiner Sprache und der Art mit Sprache oder/und mit Form & Inhalt umzugehen, nicht sehr viel zu tun hat; und ich frage mich: Hätte er das auch wirklich so gewollt, wenn er jetzt noch am Leben wäre, dass "IRENE BINZ. BEFRAGUNG" so, also in dieser Art, erscheint. Ich weiß es nicht. Es ist auch nicht mein Recht, so etwas anzufragen, doch ich gebe es dann dennoch zu bedenken...

Dieser Einwand impliziert mitnichten die Geschichte als solche(s)!!
Was insgesamt - auch schon aus diesem Blankvers-Stück (aus der LEGENDE) - hängen bleibt, ist: Dass es sich, zuallererst, um eine irrsinnsschöne Liebesgeschichte handelt; auch wenn sie furchtbar traurig ausging und die vormals Liebenden (wahrscheinlich) heute noch die unversöhnlichsten Geschöpfe der Geschöpfe sind. Ronald war/ist das Kind aus dieser frühen Liebe; und die Mutter geht der Liebe nach... halt in den Westen, nimmt den kleinen Sohn mit, der von einem Vater träumt; und als sie schließlich mitkriegt, dass und wie der Liebste sie (mit einer Anderen) bescheißt, verändert das die ganze weitere Geschichte von den beiden (Mutter/Sohn); und also werden sie ein Traumpaar - Mutter & Sohn verändern sich, auch dadurch, und zwar insgesamt.
Und Ellen Schernikau bezeichnet sich, nicht unstolz, als den allerletzten Kommunisten und spielt damit auf den Frings'schen Buchtitel (vom Vorjahr) an - der nannte Ronald M. Schernkau nämlich: den letzten Kommunisten.
Schöne Formeln, schöne Menschen, schöne Zukunft:

Lasst uns einfach weiter sehen!


Andre Sokolowski - red / 17. Februar 2010
ID 4560
www.andre-sokolowski.de



Ronald M. Schernikau: Irene Binz. Befragung
224 S., geb. mit Schutzumschlag, Lesebändchen,
mit zahlreichen Fotos
16,95 EUR
ISBN 978-3-86789-095-3

Weitere Infos siehe auch:





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